HIV bei Wasser und Brot

Wer diese Überschrift liest, wird sich seinen Teil denken. Und zum Teil auch recht haben, denn am vergangenen Freitag, den 16.9.2011, wurde ich standesgemäß mit »Wasser und Brot« begrüßt. Schließlich las ich – zum ersten Mal – in einer Haftanstalt.

Im Nachgang zu einer Lesung in Mainz im Mai 2011 war ich von der Straffälligenhilfe Wiesbaden angefragt worden, ob ich mir vorstellen könne, in einer Jugendstrafanstalt aus »Endlich mal was Positives« zu lesen; das Thema »HIV« sei dort natürlich auch aktuell, wenn auch sicherlich eher aus dem Bereich der Drogengebraucher als aus Gründen ungeschützten Geschlechtsverkehrs. Aber weiß man’s? Immerhin wurde mir bereits im Vorfeld gesagt, dass Homosexualität im »Knast« ebenso weit verbreitet sei wie etwa in der Fußball-Bundesliga.

Natürlich konnte ich mir eine Lesung hinter Gittern vorstellen. Allerdings ist es schwierig, ohne Verurteilung ins Gefängnis zu kommen. (Dafür ist es aber auch leichter, wieder herauszukommen.) Da ich anlässlich der 6. Frankfurt Aids-Präventionstage ohnehin zu einer Lesung in Frankfurt und den dazugehörigen Veranstaltungen im Nordwest-Zentrum eingeladen war, ließ sich der Besuch in Wiesbaden gut mit meinen Reiseplänen kombinieren.

Man macht sich im Vorfeld ja schon so seine Gedanken. Ich ahnte, dass ich mich als bekennender Schwuler und geouteter HIV-Positiver bei der Veranstaltung in einer Strafanstalt potenziell durchaus in eine – nennen wir sie mal – zwangsdefensive Haltung würde begeben müssen. Andererseits hatte ich ähnliche Gedanken vor Veranstaltungen in Hauptschulen in Problembezirken gehabt, bei denen ich dann aber die allerbesten Erfahrungen machen konnte. Also, nix wie ’ran.

Der Eintritt in diese für mich völlig fremde Welt entsprach allen Klischees, die man aus den Medien, insbesondere Krimiserien kennt. Mauern, Stacheldraht, Stahltore. Im Gelände die erste Überraschung: keine endlos langen Gebäude, sondern moderne kleinere Einheiten, »Häuser« genannt. Auf dem Weg zur »Bücheroase«, der neu eingerichteten Bücherei, doch wieder eine Portion Klischee: Gesichter, die sich an vergitterten Fenstern die Nase plattdrückten, einzelne, akustisch schlecht verständliche Zurufe. Nach dem Passieren diverser Gittertore dann endlich die »Bücheroase«. Ein nicht sehr großer, doch hell und freundlich eingerichteter Raum mit recht gut gefüllten Regalen an zwei Wänden. Nicht schlecht für eine gerade erst eröffnete Bücherei, die im Wesentlichen auf Spenden angewiesen ist. Direkt nach der feierlichen Eröffnung in Anwesenheit des hessischen Justizministers hatte ein Run auf die Bücher bzw. die Büchereiausweise begonnen, der zeigte, dass die inhaftieren 19-25jährigen Männer die Zeit hinter Gittern durchaus sinnvoll nutzen wollen. Schließlich können sie hier auch ihren Schulabschluss nachmachen.

Einige der Insassen waren bereits da, andere trudelten der Reihe nach ein. Natürlich war der Besuch freiwillig, auch wenn pro »Haus« nur maximal zehn Bewohner zugelassen waren. So saßen insgesamt etwa 30 Jugendliche und acht Mitarbeiter der Anstalt, des Fördervereins und der Straffälligenhilfe im Rund, als die Lesung begann. Im Vorfeld war mir gesagt worden, dass die Konzentration etwa für eine Stunde reichen und es nicht immer ruhig zugehen würde. Zudem könne, wer keine Lust mehr habe, einfach aufstehen und gehen. Nichts dergleichen aber geschah; und ich bilde mir ein, dass es nicht nur an der eindringlichen Ermahnung der sehr resoluten Lehrerin zu Beginn der Veranstaltung gelegen haben wird.

Nach etwa einer Stunde wurde meine Lesung mit langem Applaus bedacht, bevor sich zaghaft, aber zunehmend eine Diskussionsrunde anschloss. Fragen über die Infektion, die Therapie und mein Selbstverständnis wechselten sich ab mit Fragen über die praktische Seite der Homosexualität (»Wir haben Puffs, wie macht ihr das?«) oder die Herkunft von potenzieller Diskriminierung (»Warum ekeln wir uns davor, wenn sich zwei Männer küssen – finden das aber geil, wenn es zwei Frauen tun?«). Von Seiten eines Mitarbeiters kam die Frage, was ich einem homosexuellen Häftling rate, der von seinen Mitinsassen gemobbt wird.

Puh. Ich versuchte, mir die Situation vorzustellen, indem ich Parallelen zu einer anderen Art der männlichen Zweckgemeinschaft zog, die ich kannte: der Bundeswehr. Auf meinen Hinweis, sicherlich wäre ja niemand freiwillig her, folgte unisono ein lautstarkes »Doch!« – und alle Jugendlichen zeigten mit großer Heiterkeit auf die Mitarbeiter. So kann man auch schwierige Themen gut diskutieren. Letztlich konnte ich die Frage aber nicht wirklich beantworten; allerdings wies ich darauf hin, dass ich es gut finde, wenn auch in einer solchen hermetisch abgeriegelten Gemeinschaft offen über z.B. Homosexualität oder HIV gesprochen wird, damit auch das und vor allem auch dort zu einer »Normalität« (nicht in der Ausübung, sondern im Umgang) werden könne. Inwiefern sich das in einer Strafanstalt durchsetzen lässt, vermag ich nicht zu beantworten. Allerdings ist »Endlich mal was Positives« seit diesem Tage als Klassensatz für den Unterricht in der Strafanstalt verfügbar.

Quintessenz: Es war eine tolle Veranstaltung. Insgesamt bestanden Interesse und Konzentration über fast zwei Stunden – und es kamen gute und spannende Fragen. Der Ton: sicherlich sehr viel direkter und härter als bei anderen Lesungen. Aber meine Antworten waren ebenso direkt und deutlich. Ich glaube, das kam an. Denn die Fragen und Kommentare waren niemals polemisch, diskriminierend oder unter der Gürtellinie.

Wenn Männer hinter Gittern gemeinhin als »schwere Jungs« bezeichnet werden, dann machten die anwesenden Häftlinge in Wiesbaden diesem Begriff alle Ehre: Sie waren schwer in Ordnung.

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Kommentar von Matthias Gerschwitz, zuerst erschienen auf seiner eigenen Internetseite hier