Yale: spielerische HIV-Prävention auf dem iPad

Forscher der Yale Universität (USA) entwickeln derzeit eine App für das Tablet iPad ®, ein Spiel mit dem Ziel der HIV-Prävention.

Das Spiel soll sich besonders an junge Farbige wenden, die ein erhöhtes HIV-Infektionsrisiko haben. In dem Spiel sollen die teilnehmer mit unterschiedlichen Avataren welten druchstreifen und verschiedene Entscheidungen zu treffen haben. Diese wirken sich auf ihre zukünftigen Chancen aus. Die Teilnehemr können jederzeit „in der Zeit zurück reisen“ und ihre Entscheidungen revidieren, um ihre Chancen zu erhöhen. Die Forscher versprechen sich hiervon Lerneffekte, die auch der individuellen Gesundheit zugute kommen.

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Yale News 08.08.2012: Yale developing iPad video game to prevent HIV infection among youth

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Video Aids-Hilfe Bremen : Hast du mich schon vergessen? Deine Angst? Vor mir?

Mit neuen Kinospots und einer App will die Aids-Hilfe Bremen mehr Aufmerksamkeit für das Thema HIV und Aids schaffen.

Einer der Kino-Spots entstand in Zusammenarbeit mit einer Projektgruppe von Schülerinnen und Schülern:

Der Spot entstand im Rahmen einer Projektarbeit in Zusammenarbeit mit einer Gruppe Schülerinnen und Schüler, die sich dem Thema HIV-Prävention aus ihrer Sicht zeitgemäß zu nähern versuchten. Das Ergebnis: ein bemerkenswerter Spot fürs Kino.

Ergänzt wird die Kampagne u.a. auch durch eine App für Smartphones, die interaktiv informiert, Kontakt zur Aids-Hilfe Bremen erleichtert (inkl. Navigation) und auch Spenden ermöglicht.

Thomas Elias, Geschäftsführer der Aids-Hilfe Bremen, zur Grundidee der Kampagne:

„Die Zeit der Tapeziertischprävention ist vorüber. Die Aids-Hilfe Bremen e.V. bemüht sich, durch Einbindung von Schüler-Präventionsprojekten quasi ein ‚Perpetuum Mobile‘ der Prävention zu erschaffen – eine sich selbst erneuernde Präventionsstrategie, indem Schüler ihre Projekte von Jahrgang zu Jahrgang weitergeben und beständig erneuern und verbessern.
Diese Arbeit ist eingebettet in eine ‚kleine Forschungsarbeit‘ und einen theoretischen Teil, der – wenn alles wie geplant läuft – in ein Homepageprojekt der Schule münden soll, welches dann an den jeweils nachfolgenden Jahrgang übergeben werden soll.“

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App der Aids-Hilfe Bremen für iPhone iPod iPad und Android .

Kondome – ein verblassender Mythos?

„Kondome sind nicht die niedlich geredeten „flutschigen Dinger“ aus den frühen Anzeigen der Deutschen Aids Hilfe. Sie sind nicht „in“, schick, schrill oder der letzte Schrei. Soviel Spaß kann das gegenseitige Überstreifen nicht machen, wir wären sonst früher darauf gekommen“ wettert der leider an den Folgen von Aids früh gestorbene Detlev Meyer 1988 in einem Leporello für die Deutsche Aids Hilfe, um dann allerdings zu konstatieren, dass es aber zu ihnen keine Alternative gibt.

Auch wenn das Kondom lange als Goldstandard der Prävention galt, sind, wie Martin Dannecker immer wieder feststellt, die Vorbehalte gegen das Kondom geblieben, sei es aus der Sicht der Positiven die Erinnerung an die eigene Infektion, sei es allgemein in der Behinderung sich im Akt unkontrolliert treiben zu lassen, den Impulsen des Augenblicks zu folgen, sich zu verschmelzen, zu verströmen, den anderen aufzunehmen.

Daneben gab es immer die ideologischen Vorbehalte etwa der katholischen Kirche. Der Münchener Aids Hilfe wurde untersagt, Kondome in Kneipen zu verteilen, weil dies gegen das Ladenschlussgesetz verstoßen sollte, Saunen für schwule Männer wurde wegen der Bereitstellung von Kondomen die Schließung angedroht. Die Zerschlagung der schwulen Szene wurde gefordert.

Als nächstes erlebten wir einen Diskurs, schwule Kneipen und Saunen zu belangen, wenn sie keine Kondome zur Verfügung stellen. Gebots- und Verbotsphantasien sind für das schwule Leben und für den Bereich der gewerblichen Sexarbeit ständiger Begleiter seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Der Bundes Zentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Deutschen Aids Hilfe verdanken wir, dass Kondome heute nicht mehr nur im Zwielicht der Herrentoiletten aus dem Automaten zu beziehen sind sondern als ganz alltägliche Gebrauchsartikel angesehen werden, die neben der Schwangerschaftsverhütung vor allem ihre Bedeutung in der Verhütung sexuell übertragbarer Krankheiten haben.

Dabei ist für das schwule Leben das Kondom erst einmal auf die Vermeidung der HIV-Übertragung fokussiert worden und so getan worden, als könne man jede Infektion vermeiden, als sei das mit dem Safer Sex doch ganz einfach. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt postulierte dann auch, dass man von 50 Jährigen doch wohl erwarten könne, dass sie wissen, wie es geht. Merkwürdigerweise richteten sich diese Erwartungen der Politik nur an die schwulen. Männer.

Es gibt ja ein Paradox. Auf dem Hintergrund der unterschiedlichen Prävalenz infizieren sich mehr schwule als heterosexuelle Männer mit HIV, obwohl sie sich im Schnitt wesentlich besser schützen als die heterosexuellen. Von Kondomquoten von etwa 70 % bei insertivem Sex im Rahmen flüchtiger Begegnungen kann man für das heterosexuelle Leben doch nur träumen. Würden schwule Männer das heterosexuelle Verhalten übernehmen, hätten wir deutlich höhere Infektionsraten. Dennoch wurde bei jeder Veröffentlichung des RKI darüber spekuliert, was denn schon wieder mit den schwulen Männern los ist. So entdeckte man – darauf bezog sich der Kommentar der Ministerin – die besonders riskierten Älteren. Bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, dass lediglich geburtenstarke Jahrgänge aufgerückt waren.

Martin Dannecker erkennt hinter der Frage, wie man sich heute noch infizieren kann, einen gewissen Pathologieverdacht, eine Schuldzuweisung, das Konstatieren eines Scheiterns. Dabei wird übersehen, dass es sich bei kondomfreier Sexualität im Grunde um ein völlig natürliches Verhalten handelt, das den Heterosexuellen ganz selbstverständlich zugestanden wird. Trotzdem wird das Kondom von schwulen Männern, wie Michael Bochows Studien belegen, in breitem Maße angewendet. Es ist für Dannecker eines der beeindruckendsten Ergebnisse der Präventionspolitik und der Individuen, wie sehr Verhalten geändert wurde.

Als schwuler Mann ist man im Austarieren von Nähe und Distanz gut beraten, sich die Auswirkungen der unterschiedlichen Prävalenzen klar zu machen, was bei flüchtigen Kontakten zur Sinnhaftigkeit des Kondomgebrauches führen kann. Aber man muss doch auch verstehen können, dass Individuen sich situativ oder habituell anders entscheiden, andere Bedürfnisse nach Nähe, Verschmelzung und Verströmen haben.

In diese seelische Gemengelage, die mit dem Kondom jedenfalls nicht wirklich für alle befriedigend aufzulösen war, geriet nun die Erkenntnis, dass der gut therapierte HIV infizierte Mann das ideale Gegenüber für völlig ungeschützten Sex ist. Sie wurde aber durch Bilder überdeckt, die immer noch die Gefahren an einer epidemiologisch völlig unbedeutenden Ecke theoretischer Restrisiken auch beim gut Therapierten betonte und damit auch verortete. Und dann gibt es unterschiedliche Wissensstände, Vertrautheiten, Bilder von HIV, Aids und seiner Übertragung. Das macht die Sehnsucht nach einfachen Lösungen erklärlich. Das Leben hält nur keine einfachen Lösungen bereit und ungefährlich, seelisch oder körperlich, war Sexualität noch nie.

Getrieben war der Diskurs nicht etwa von dem Bemühen, den Menschen mehr Handlungsoptionen zu geben sondern von der Angst, jetzt nehme niemand mehr ein Kondom. Alle sexuell übertragbaren Krankheiten würden nun fröhliche Urstände feiern. Und weiss nicht jede Schwerpunktpraxis von den wiederholten Syphilis und Hepatitis C Infektionen ihrer positiven Patienten zu berichten? Und war nicht vor Jahren eine Barebackdebatte im Gang, die mal wieder zu übelsten Verbotsphantasien führte? Dabei geht es im Kern darum, dass im wesentlichen Positive in relativ geschlossenen Zirkeln untereinander wegen HIV keinen Schutz mehr brauchen und den Rest als tolerierbar für ihr Leben ansehen, jedenfalls als den geringeren Preis gegenüber dem Triebverzicht. Anders ist die statistische Verteilung, die die Syphilis und Hepatitis C -Infektionen im wesentlichen bei den positiven Männern zeigt, nicht zu erklären.

Vielen Menschen gelingt es, eine Kompromisslösung zwischen dem Gesundheitsdiktat, mit dem sie ständig auf Risiken hingewiesen werden und dem, was sie individuell wollen, zu finden. Das Aushandeln der Rahmenbedingungen der Sexualität im Rahmen der negotiated Safety ist eine Antwort der Seelen. Da hat sich erfreulicherweise etwas Bahn gebrochen, worauf die Seele nicht ohne Schaden verzichten konnte. Die strikten Ge- und Verbote vorher haben den Menschen individuell nicht gut getan.

Nach der CROI 2012 in Seattle erwartet uns ein neuer Diskurs. Pietro Vernazza stellt auf Infekt.ch eine Studie vor, die belegt, dass die PrEP mit 4 x wöchentlich Truvada sicher ist. Wir lassen jetzt mal die ethischen Fragen beiseite, ob es vertretbar ist, HIV Medikamente zur Prävention einzusetzen, solange weltweit – und übrigens auch in Deutschland für Nicht Krankenversicherte – der Zugang zu medizinisch notwendigen Therapien nicht gesichert ist. Wir lassen beiseite das alte Phänomen, dass Gesundheitsschutz auch eine Frage des Geldes ist. Mit etwa 400 € im Monat ist die pharmazeutische Prophylaxe nicht gerade billig. Aber vielleicht wird sich erweisen, dass die Pille davor und danach, oder vielleicht nur davor, oder vielleicht mit billigeren Substanzen auch reicht.

Interessant daran ist zweierlei. Es verweist darauf, dass Schutz vor HIV eine ganz egoistische Triebfeder hat. Die Verantwortungsdebatte der letzten Jahre, die die Gefahr beim wissenden Positiven verortete, ging an dem Problem vorbei, dass die weitaus überwiegende Mehrzahl der HIV Infektionen zwischen Menschen stattfindet, die mehr oder weniger guten Gewissens davon ausgehen, nicht positiv zu sein. Ebenso wie die schädlichen Strafverfahren verstärkte die falsche Zuschreibung der Verantwortung an die Positiven die Möglichkeit, HIV als etwas zu betrachten, dass nicht mit dem eigenen Lebensstil verbunden ist sondern als etwas Außenstehendes.

Zum zweiten ist schon bemerkenswert, dass dieselben Forscher, die sich vehement auf die Restrisiken bei der Erklärung der EKAF zur Nichtinfektiosität unter Therapie gestürzt haben und sie nicht laut genug und wider besseres Wissen verkünden konnten, jetzt erhebliche Energien in die Erforschung der doch eher elitären PREP investieren.

Wenn jetzt endlich in diesem Zusammenhang breit öffentlich kommuniziert wird, dass die Therapien hoch wirksam sind, nicht nur in der Verhinderung der Progression der Krankheit sondern auch im Liebesleben, soll es mir recht sein. Denn nur eine wahrhaftige und realistische Schilderung dessen was HIV und Aids heute in unseren Breiten sind, bereitet den Boden für einen unaufgeregten Umgang.

Und der beinhaltet für Paarungen im Rahmen eines vertrauensvollen Umgangs möglicherweise die ART als Schutz vor der Übertragung von HIV, für den Selbstschutz für einige wenige die PrEP, für viele das Praktizieren nicht HIV-relevanter Praktiken und für die vielen flüchtigen Begegnungen das Kondom oder das Femindom. Mancher entscheidet sich habituell oder situativ dafür mit dem Risiko einer Infektion zu leben. Das darf er auch, so wie andere das Risiko von Sportverletzungen eingehen oder sich überhaupt den Gefahren des Alltags aussetzen.

Es kann einem aber auch in der Berliner Scheune passieren, dass ein Mann erklärt: „Hier muss man es ja extra sagen. Ich bin negativ und möchte es auch bleiben“. Da ist es doch sehr komfortabel antworten zu können. „Das ist doch kein Problem. Es gibt Gummis und Handschuhe. Ich bin positiv, seit langem unter der Nachweisgrenze. Da wäre es noch nicht mal tragisch, wenn irgendetwas mit einem Pariser schief geht.“ Die Verkaufszahlen für Kondome steigen übrigens immer noch an. Es ist halt ein bewährtes Hilfsmittel gegen sexuell übertragbare Infektionen und gegen die Ängste.

Ich jedenfalls bin der Forschung, der Pharmaindustrie und den Ärzten dankbar, dass die Bandbreite der Verhaltensmöglichkeiten erweitert wurde und dies inzwischen auch endlich offen kommuniziert wird.

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(Bernd Aretz)

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Auch 2015 kann ‚Safer Sex ohne Kondom‚ noch Aufregungen verursachen …

HIV-Neuinfektionen gehen zurück – Prävention lohnt sich, und Mythen bleiben Mythen

Die Zahl der HIV-Neuinfektionen sinkt deutlich. Und auch bei schwulen Männern zeigt sich ein deutlicher Rückgang. Erfreuliche Daten, die das RKI kurz vor dem Welt-Aids-Tag 2011 vorstellt. Daten, die deutlich zeigen, dass Prävention wirkt – und dass ihre Rahmenbedingungen stimmen müssen.

Prävention lohnt sich

So einfach die Botschaft „Prävention lohnt sich“ auch klingt, die nun vorgestellten Zahlen belegen erneut eindrücklich die Wichtigkeit dieser Aussage.

Und: gerade auch Mittel für zielgerichtete Prävention, wie sie die Aidshilfen seit einiger Zeit z.B. für Schwule und Männer die Sex mit Männern haben, mit der Kampagne „ich weiss, was ich tu!“ betreibt, sind gut angelegte Mittel. Diese Mittel zu reduzieren, wäre sträflicher Leichtsinn. Mittel für die Prävention sind gut angelegte Mittel – auch in Zukunft.

Mythen bleiben Mythen

Mythen blieben im Aids-Bereich das, was sie sind: „sagenhafte Geschichten“. Auch ihr gebetsmühlenartiges Wiederholen macht sie nicht wahrer.

Die (immer wieder gern kolportierte) „neue Sorglosigkeit“ – sie bleibt ein Mythos ohne Grundlagen und Belege – sonst sähen die Daten zu Neuinfektionen und Neudiagnosen anders aus. Ebenso unwahr wie der Mythos der verantwortungslosen Schwulen. Und ebenso unwahr wie der Mythos vom verantwortungslosen Positiven.

Wir (gerade auch: Positive, Schwule, schwule Medien) sollten aufhören, derartige Mythen weiterhin zu bedienen und zu transportieren. Und wir sollten uns ihnen entgegen stellen. Ihre Substanzlosigkeit aufzeigen. Ihnen Fakten entgegen stellen – wie die heute vorgestellten sinkenden Zahlen der HIV-Neudiagnosen.

Wirksame Therapie ersetzt keine Prävention

Wirksame antiretrovirale Therapie kann die Infektiosität HIV-Positiver drastisch reduzieren – diese Erkenntnis ist spätestens seit dem EKAF-Statement (keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs) vom Januar 2008 breit bekannt – und von der DAH seit April 2009 mit der Viruslast-Methode in einem Positionspapier umgesetzt. Mit diesem Effekt leistet die Therapie auch einen bedeutenden Beitrag zur HIV-Prävention.

Therapie allerdings kann Prävention nicht ersetzen. Es bedarf auch weiterhin wirksamer HIV-Prävention, insbesondere in und für die von HIV am stärksten bedrohten Gruppen.

Und – Therapie darf niemals ausschließlich dem Aspekt der Prävention dienen. Im Vordergrund muss immer die individuelle (medizinische wie auch soziale) Situation des HIV-Positiven stehen.

Der Rahmen muss passen – Prävention und Therapie sind nicht alles

Die beste HIV-Prävention kann nur wirken, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, gesellschaftlich wie auch politisch:

Für Drogengebraucher heißt wirksame HIV-Prävention auch: verfügbare Methadon-Programme, Druckräume und Spritzen-Tausch-Programme.

Für Menschen in Haft heißt wirksame HIV-Prävention auch: Kondome und saubere Spritzbestecke müssen auch im Strafvollzug verfügbar sein. Ebenso selbstverständlich antiretrovirale Medikamente für HIV-positive Strafgefangene.

Für alle heißt dies: testen lassen auf HIV wird sich nur, wer nicht anschließend an einen etwaigen positiven HIV-Test Diskriminierung und Stigmatisierung befürchten muss, oder gar den Staatsanwalt. Wirksame HIV-Prävention muss sich zugleich auch gegen Diskriminierung und Stigmatisierung HIV-Positiver engagieren.

Diskriminierung und Stigmatisierung HIV-Positiver ebenso wie die Kriminalisierung der HIV-Übertragung beeinträchtigen, ja gefährden den Erfolg von HIV-Prävention. Engagement gegen Stigmatisierung, Diskriminierung und Kriminalisierung müssen selbstverständlicher Bestandteil von HIV-Prävention sein. Debatten in jüngerer Zeit lassen zudem hoffen, dass auch ein sich veränderndes Selbstbewusstsein mancher HIV-Positiver dazu beiträgt, ihnen den Boden zu entziehen.

Hans-Peter Hauschild zum Gedenken

Am 3. August 2003 starb Dr. Hans-Peter Hauschild in Berlin. Hauschild, 1954 geboren, war u.a. Geschäftsführer der Frankfurter Aids-Hilfe und Mitglied im Bundesvorstand der Deutschen Aids-Hilfe. Hans Peter Hauschild gilt u.a. als “Mit-Erfinder” des Konzepts der strukturellen Prävention, das bis heute tragender Gedanke der Aids-Prävention in Deutschland ist.
Hans-Peter Hauschild ist in Berlin auf dem Alten St. Matthäus Kirchhof beigesetzt
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Die Deutsche Aids-Hilfe hat am 15. Juli 2011 den Hans-Peter-Hauschild-Preis für besondere Verdienste um die strukturelle Prävention ausgelobt.

Als Dokumentation und Hintergrund die Rede, die Bernd Aretz am 16. November 2003 bei der Frankfurter Trauerfeier für Hans-Peter Hauschild hielt:

Frankfurt Trauerfeier Hans-Peter Hauschild

Als wenn das beliebig wäre, was wir sexuell geworden sind! Das, worauf wir abfahren, ist die Handschrift unserer Seele. Bei jedem ist das eine ausgesprochen persönliche Sache. Nichts davon ist zufällig oder marottenhaft, wetterte Hans Peter in der Frankfurter Regenbogenpost gegen eine Safersex Party, auf der selbst das Küssen verboten war, von Anderem ganz zu schweigen. Hans Peter war mit der Positivengruppe zu einer Jack Off Party nach Amsterdam gereist, zu Fortbildungszwecken. Das sollte später noch Ärger bereiten, weil ein hiesiger schwuler Mann meinte, der finanzierenden Behörde anzeigen zu müssen, dass weder der Antrag noch die Reiseabrechnung dem Anlass entsprochen hätten.

Wir erinnern HPH: Kurzgeschoren, Schnurbart, enge Lederjeans, einen Mann, der offensichtlich und selbstverständlich schwul lebte, nicht nur nach Feierabend. Man musste ihn schon so nehmen, wie er war, ganz und kompromisslos. Wenn die Verhältnisse nicht so waren, wie sie seinem Erkenntnisstand als notwendig erschienen, mussten sie halt geändert werden. Da mochte der Rest der Welt denken, was er wollte, HIV durfte nicht verhindern, dass der Einzelne das Glück und seine sexuellen Grenzerfahrungen und Überschreitungen in Würde und Respekt suchen und möglichst auch finden konnte. Das Klima war nicht gut dafür.

Tätowierung Infizierter wurde gefordert, Internierung uneinsichtiger Prostituierter, die ihren Beruf nicht aufgeben wollten, eine harte Verelendungs- und Vertreibungspolitik gegenüber Junkies und Ausländern geführt. Infizierten Frauen wurde das Recht auf Schwangerschaft abgesprochen. Nicht nur Heterosexuelle suchten das Heil in der Phantasie der Zerschlagung schwuler Szene und Schließung der Orte der Lust.
Hans Peter war berufen, als eine der Leitfiguren dagegen anzukämpfen. Er kommt aus der Tradition der Flüchtlinge, die ihre bisherigen engen räumlichen Grenzen und emotionalen Bindungen verließen, um in Würde und selbstbestimmt leben zu können – ungewiss ob sie ihr Ziel erreichen, aber ohne eine andere Alternative als die der Selbstaufgabe. Ein widriger Weg, auf dem man lernt, dass ein Treck nicht an jeder roten Ampel halt machen darf. Der Anführer eines solchen Zugs muss die Zauberkunst beherrschen, das unmöglich Scheinende in erreichbare Nähe zu rücken, den Transport der Schwachen und Kranken sichern, die Mitziehenden ermutigen und mit den jeweiligen Landesherren um lebbare Bedingungen und um Räume feilschen. Da darf man keine Angst vor Tod und Teufel haben, vor Gott schon eher. So ein Weg ist nicht ohne Auseinandersetzungen, Missverständnisse, Brüche aber auch nicht ohne Halt in der Gemeinschaft und nicht ohne Charisma zu gehen.

Mein Blut bekommt Frau Helm nicht, verkündete er und wandte sich damit gegen den Alleinvertretungsanspruch der Medizin, die er damals durch die universitäre Einladung Michael Kochs, des Gauweiler Intimus in Sachen Zwangsmaßnahmen nach Frankfurt in der seuchenrechtlichen Ecke sah. Dem setzte er das Gesundheitskonzept der Weltgesundheitsorganisation entgegen, das Gesundung in engem Zusammenhang mit würdigen Lebensbedingungen und Selbstbestimmung der Betroffenen sieht.

Mitgründung der Aids-Hilfe Frankfurt, Aufbau einer Infrastruktur wie Beratungszentrum und Switchboard, Kochen auf der Station 68, Regenbogenpost und Radio, Veranstaltungen zu sachlichen Fragen wie auch die ethische Auseinandersetzung um Aids, Räume der Trauer aber auch des Feierns, politische Aktionen und Demonstrationen gehörten zum Alltag.
Wir haben hier gemeinsam in der Nikolai Kirche die erste von vielen Trauerfeiern erlebt. Ihm war wichtig, dass viele auch an der Gestaltung beteiligt waren, das Gemeinschaftserleben gegen die Vereinzelung zu fördern.
Gemeinsames Plakatmalen gegen das Gefühl der Ohnmacht. Und Papiere wurden produziert, Bündnisse geschlossen, Aktionen geplant. Mit obdachlosen Jugendlichen gemeinsam wurde ihrem Anliegen, eine Bleibe zu erhalten, dem der Aids-Hilfe für eine Krankenwohnung und dem der Schwulenbewegung nach einem Kulturhaus durch eine halbstündige Sperrung der Hauptwache Donnerstags zum Berufsverkehr Nachdruck verliehen. Genehmigt war das Ganze nicht, aber die Absprache mit der Polizei, dass wir das Krankenbett und die Rollstühle wieder beiseite schieben, sobald der freundliche Fotograf der Rundschau mit seinen Aufnahmen fertig sei, funktionierte.

Das Switchboard, dessen Realisierung er bei ungesicherter Finanzierung durchsetzte, obwohl er wusste, dass ihn das seine Stellung als Geschäftsführer der Aids-Hilfe kosten könne- und auch hat – war ihm ein besonderes Anliegen. Hier wurde heiß diskutiert. Seine Feststellung, der Infizierte sei nicht dafür verantwortlich, dass die Infektion nicht weitergegeben werde, wurde als Freibrief missverstanden. Er wollte die gemeinsame bewusste und informierte Entscheidung. Für Bedingungen, in denen die möglich war, kämpfte er. Nach Frankfurt in Berlin im Vorstand der Deutschen Aids-Hilfe.
Er preschte immer wieder vor, mit einer ungeheuren Präsenz in den Medien, auch mit vorher nicht abgestimmten Plänen und Projekten. Wenn es gar nicht anders ging, schaffte er einfach Fakten. Heiße Diskussionen waren unvermeidlich. Sie wurden immer wieder mal unterbrochen, wenn er seine Stundengebete verrichtete. Und er litt, wenn wir seinen Visionen nicht folgten, andere; bescheidenere, angepasstere Vorstellungen von Grenzüberschreitungen und Glück hatten. Aushaltbar war das nur durch den Respekt gegenüber seiner Ernsthaftigkeit, seiner Glaubwürdigkeit, und durch seine Begeisterungsfähigkeit. Er besuchte die Aidshilfen, kirchliche Veranstaltungen, pflegte Kontakte zu Wissenschaft und Politik, diskutierte, versuchte zu überzeugen und zu verführen. Er trieb seinen Verband, sich der persönlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu stellen, Gesicht zu zeigen, Farbe zu bekennen und die Seele bloßzulegen. Ohne ihn, seine Ideen, seine Triebhaftigkeit und seinen Fleiß wäre die Bewegung nicht geworden, was sie ist. Sie ist untrennbar mit seinem Gesicht verbunden, dass auch folgerichtig auf einem der Plakate der Deutschen Aids-Hilfe Schwule Vielfalt / Schwule Solidarität abgebildet ist.

Er beschreibt, dass seine Entfremdung zur Deutschen Aids-Hilfe begann, da sie sich nicht ernsthaft in die Diskussion über die Veränderungen im Gesundheitswesen einmischte. Mir hat er mal erzählt, daneben sei es aber auch so, dass er das verbreitete egoistische Beharren darauf, dass es kein größeres Elend gebe, als in der Bundesrepublik als schwuler Mann mit Hiv infiziert zu sein, nicht mehr ertrage.

Vor zehn Jahren schrieb er: Weil die soziale Not weltweit zunimmt, muss Aids-Hilfe eine Anwältin der Schwachen sein. Sie soll aufzeigen, dass speziell die Homo-„Gemeinde“ in eine reiche Manageretage und einen Kartoffelkeller verarmender Schamexistenzen zerfällt. Sie muss die Verfolgung von Junkies wirksamer bekämpfen als bisher.

Denn wenn schwulen Männern nur ein Bruchteil dessen angetan würde, was auf den Bahnhofsklos als schaurige Spitze eines Eisbergs juristisch zugefrorener Behördenherzen sichtbar wird, hätten wir längst die Rathäuser gestürmt.

Zu Situation von Flüchtlingen schrieb er vor fünf Jahren: Nur wenige MigrantInnen sind Hiv-infiziert, und mit Aids schafft niemand die Tort(o)ur einer Einreise aus der armen Welt nach Deutschland. Fast alle dieser wenigen erfahren erst nach ihrer Flucht oder Einreise in Deutschland von ihrer HIV-Infektion. Die Anzeichen häufen sich, dass auch viele erst hier krank werden, weil die Duldungsbedingungen so würdelos sind , weil der tägliche Stress durch Kontrollen und Absagen den Alltag perspektivlos macht und Angst zur Grundstimmung wird. Wer verbessert die Strukturen des Strandens, des Ankommens in dieser Gesellschaft, damit sie nicht das Aids-Vollbild auslösen?

Wie wird sich die „Positivenbewegung“ verhalten? Und dies nicht nur in Sonntagsreden auf Bundesversammlungen von Menschen mit Hiv und Aids, sondern als gelebter Widerstand, der eben darum effektiv sein könnte, weil in Deutschland so viele Betroffene aus gutem Haus kommen und gehobene Positionen einnehmen. Oder zucken letztlich alle mit den Achseln angesichts dessen, dass die gesellschaftlichen Strukturen heute Aids-Prävention zu einem Kastenprivileg machen?

Hans Peter fehlt.

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Zahlreiche Texte von Hans-Peter Hauschild sowie weitere Informationen sind auf seiner Internetseite zu finden.

Welt-Aids-Konferenz Wien: Kurz-Berichte 23.07.2010 (akt.)

In Wien findet vom 18. bis 23. Juli 2010 die XVIII. Welt-Aids-Konferenz statt. Im Folgenden Kurzberichte über einige wichtige Themen, die auf der Konferenz behandelt wurden. Diese Übersicht wird im Verlauf der Konferenz fortlaufend aktualisiert – Tag 5, 23. Juli 2010:

Elly Katabira aus Uganda neuer IAS-Chef

Zwei Jahre war der Kanadier Julio Montaner Chef der International Aids Society, der Veranstalterin der Welt-Aids-Konferenzen. Nun wird er im August 2010 abgelöst von Prof. Elly Katabira aus Uganda. Katabira ist derzeit Associate Professor of Medicine an der Makerere University / College of Health Sciences in Kampala, Uganda.
Nachfolgerin Katabiras wird mit Beendigung der Welt-Aids-Konferenz 2012 in Washington dann die Nobelpreisträgerin Prof. Barré-Sinoussi werden.

IAS: Biographie Elly Katabira (pdf)
IAS 23.07.2010: Elly Katabira Becomes IAS President Francoise Barre-Sinoussi Becomes IAS President Elect

Homophobie erhöht HIV-Risiko – zeigt Studie aus Uganda

In Kampala (Uganda) haben Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), und die homophobe Gewalt oder Missbrauch erlebten, ein fünffach erhöhtes Risiko, HIV-positiv zu sein. Dies berichteten Forscher über eine (um die Zielgruppe besser zu erreichen nach dem Schneeball-Prinzip aufgebaute) Studie, die zwischen Mai 2008 und April 2009 in Kampala stattfand. 3030 Männer, die in den vergangenen drei Monaten Analverkehr mit anderen Männern hatten, nahmen an der Studie teil. Die HIV-Prävalenz lag bei 13,7% (Kampala erwachsene Männer 4,5%). Von allen Studienteilnehmern waren 37% bisher schon einmal körperlich missbraucht worden, 26% waren zum Sex gezwungen worden. Männer, die jemals Gewalt oder Missbrauch erlebt hatten, hatten ein nahezu fünffach höheres Risiko, mit HIV infiziert zu sein.

aidsmap 22.07.2010: Ugandan study shows why human rights are central to HIV prevention with African men who have sex with men

Hirschel: Pillen in Afrika wirksamer als Kondome zur Prävention

Vor drei Jahren versetzte Prof. Bernard Hirschel mit dem EKAF-Statement die Welt in Aufregung. Die Aufregung hat sich gelegt, inzwischen ist das EKAF-Statement in Form der Viruslast-Methode längst in der Praxis angekommen. Hirschel aber hat schon die nächste Provokation bereit: „AIDS-Medikamente sind [zur Prävention] in Afrika wirksamer als Kondome“, sagte er am 21. Juli auf der XVIII. Welt-Aids-Konferenz („Aujourd’hui, le traitement est plus efficace que le préservatif en Afrique“). Mit einer Serie von Studien untermauerte er seine Aussage …

Libération 22.07.2010: Vienne 2010: « En Afrique, le traitement contre le sida est plus efficace que le préservatif »

Weltbank: Geld schützt vor HIV

Reduzieren kleine Geldbeträge das Risiko, sich mit HIV zu infizieren? Zu bemerkenswerten Resultaten und Erkenntnissen kommt die Weltbank:
In Malawi erhielten im Rahmen einer Studie an 3.769 jungen Frauen eine Gruppe junger Mädchen zwischen 13 und 22 monatlich umgerechnet 15 US-Dollar, wenn sie regelmäßig zur Schule kamen. Eine Kontrollgruppe erhielt keine Geldbeträge für regelmäßigen Schulbesuch.  18 Monate nach beginn de Programms im Januar 2008 zeigte sich ein überraschendes Ergebnis: in der Gruppe der Mädchen, die Geld als Belohnung für regelmäßigen Schulbesuch erhielten, lag die HIV-Infektionsrate bei 1,2%, in der Kontrollgruppe (ohne ‚Belohnungsgeld‘) hingegen bei 3%, eine um 60% niedrigere Prävalenz. Noch deutlicher war der Unterschied bei Herpes-Infektionen. Die Weltbank vermutet als Ursache einen „Einkommens-Effekt auf das Sexualverhalten“: The key seems to be an “income effect” on the sexual behaviors of young women receiving cash payments. A year after the program started, girls who received payments not only had less sex, but when they did, they tended to choose safer partners … In fact, the infection rate among those partners is estimated to be half of that of partners of the control group.“

Worldbank 19.07.2010: Malawi and Tanzania Research Shows Promise in Preventing HIV and Sexually-Transmitted Infections

Migranten: im Gastland höheres HIV-Risiko als im Heimatland

Niederländische Epidemiologen haben mit einem mathematischen Modell  herausgefunden, dass in den Niederlanden lebende heterosexuelle Migranten aus Afrika und der Karibik ein höheres Risiko haben, sich mit HIV zu infizieren, als sie es in ihrem Heimatland hätten. Als Ursache sehen sie an, dass Migranten bei Einreise in ihr Gastland in sehr eng begrenzten sexuellen Netzwerken von Menschen gleicher Herkunft leben und sich kaum mit der lokalen Bevölkerung vermischen.
In den Niederlanden liegt die HIV-Inzidenz bei 1 HIV-Infektion auf 47.000 Menschen im Jahr, bei in den Niederlanden lebenden Migranten aus Afrika liegt dieser Wert hingegen deutlich höher bei 1 : 1.170, aus der Karibik bei 1 : 4.600.

aidsmap 22.07.2010: Immigrants are more risk of HIV in their host country than back at home

Die Zukunft des Aids-Aktivismus

In zwei Sessions befasste sich die XVIII. Welt-Aids-Konferenz mit der Zukunft des Aids-Aktivismus. Beide Sessions befassten sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte von TAC, der Treatment Action Campaign, die sich lange mit einer vergleichsweise untätigen Regierung Südafrikas auseinander setzen musste. Eine Auseinandersetzung, die von großen erfolgen gekrönt war. Doch Aktivisten befürchten, dass nach diesen Erfolgen eine Zeit des weniger engagierten Aktivismus folgen könnte. Es sei schwierig, die Energie der letzten Jahre auch die nächsten zehn Jahre aufrecht zu erhalten. Eine Gefahr liege zudem darin, wenn man für politische Ziele kämpfe zu glauben mit deren erreichen sei alles getan. Die eigentliche Arbeit beginne erst danach.

aidsmap 22.07.2010: The future of AIDS activism: looking for sustained energy and new tactics 10 years after Durban

Junge Menschen verändern ihr Sexualverhalten

Weltweit, besonders aber in Subsahara-Afrika veränderten junge Menschen ihr Sexualverhalten. Sie würden später sexuell aktiv, hätten weniger Partner und benutzten zunehmend Kondome. Dies betont ein neuer Report von UNAIDS.  Dr. Peter Ghys, Chefepidemiologe von UNAIDS, stellte die Daten auf der XVIII. Welt-Aidskonferenz in Wien vor. In zahlreichen Staaten der Region gehe zudem die HIV-Prävalenz deutlich zurück. Zwischen beiden Entwicklungen, der Veränderung des Sexualverhaltens und dem Rückgang der HIV-Prävalenz, gebe es eine deutliche Übereinstimmung.

UNAIDS: reductions in HIV prevalence among young people have coincided with a change ins exual behaviour patterns among people (pdf)
UNAIDS 22.07.2010: Young people interpret new UNAIDS data

Aids-Medikamente knapp – in Frankreich …

Schon seit einigen Wochen erscheinen gelegentlich Berichte über Probleme mit der Versorgung mit Aids-Medikamenten in Frankreich. Inzwischen thematisiert ACT UP die Versorgungskrise deutlicher – und kritisiert u.a. das französische Gesundheitsministerium.
Es scheint in Frankreich den Berichten zufolge Unterbrechungen in den Lagerbeständen zu geben, so dass nicht jedes Rezept sofort eingelöst werden kann, es manchmal zu Wartezeiten von mehreren Tagen kommt. Die Versorgungsengpässe seine schon früher gelegentlich aufgetreten, häuften sich dieses Jahr aber besonders. Die Quotierung sowie Re-Exporte seien Ursache des Problems, so die Hersteller. Konkreter Auslöser dr aktuellen Situation scheint auch ein Streik beim Hersteller GlaxoSmithKline (GSK) zu sein.

ACT UP Paris 22.07.2010: C’est l’été, il n’y a plus d’ARV !
Le Figaro 24.07.2010: Sida : certains médicaments difficiles à trouver en France

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siehe auch XVIII. Welt-Aids-Konferenz Wien: Kurzberichte 22.07.2010
siehe auch XVIII. Welt-Aids-Konferenz Wien: Kurzberichte 21.07.2010
siehe auch XVIII. Welt-Aids-Konferenz Wien: Kurzberichte 20.07.2010
siehe auch XVIII. Welt-Aids-Konferenz Wien: Kurzberichte 19.07.2010

Mittlerer Osten: Weltbank fordert stark verbesserte Prävention bei Homosexuellen

Im Mittleren Osten wie auch in Nordafrika muss die Zivilgesellschaft stärker in den Kampf gegen Aids einbezogen werden, betont ein neuer Bericht der Weltbank. Insbesondere sei auch eine Verbesserung der Prävention bei der in der Region am stärksten stigmatisierten Gruppe erforderlich, bei Männern, die Sex mit Männern haben.

Der Bericht wurde gemeinsam herausgegeben von der Weltbank, UNAIDS und der Weltgesundheitsorganisation WHO. Er befasst sich insgesamt mit dem, was in der Politik als ‚MENA‘ bezeichnet wird, mit der Region des Mittleren Ostens und Nordafrikas (Middle East and North Africa). Der Report umfasst Daten zu Afghanistan, Algerien, Bahrain, Djibouti, Ägypten, Iran, Irak, Jordanien, Kuwait, Libanon, Libyen, Marokko, Oman, Pakistan, Qatar, Saudi Arabien, Somalia, Sudan, Syrien, Tunesien, den vereinigten Arabischen Emiraten, West Bank und Gaza sowie Jemen.

HIV/AIDS Epidemic in the Middle East and North Africa
HIV/AIDS Epidemic in the Middle East and North Africa

In dieser Region werde die HIV-Epidemie immer noch nur sehr eingeschränkt wahrgenommen und zudem kontrovers diskutiert. Nach über 25 Jahren HIV sei dies die erste epidemiologische Übersicht über die Region, betont der Report. Bisher versagten die Staaten der Region bei dem Bemühen, die Ausbreitung von HIV zu kontrollieren.

Zu den wesentlichen Bevölkerungsgruppen, die ein erhöhtes HIV-Infektionsrisiko haben, gehören auch in allen Staaten der MENA-Region intravenös Drogen gebrauchende Menschen (IDU), Männer die Sex mit Männern haben (MSM) sowie weibliche Prostituierte (FSW, female sex workers).

Die am stärksten stigmatisierte und im verborgenen lebende Gruppe von HIV betroffener Menschen seien in der Region die Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). Dessen ungeachtet gebe es Homosexualität in einem mit anderen Regionen vergleichbaren Umfang. HIV breite sich unter MSM in der Region aus, insbesondere in Pakistan finde eine stark steigende Epidemie statt.

In der ganzen Region bestehe die Möglichkeit einer auf MSM konzentrierten HIV-Epidemie in den nächsten zehn Jahren. Deswegen seien stark verbesserte HIV-Präventions- und Service-Bemühungen für diese Zielgruppe in der gesamten Region erforderlich. Dazu sollten Verteilung von Kondomen, Beratung und HIV-Tests gehören.

In der Allgemeinbevölkerung hingegen sei in allen MENA-Staaten die HIV-Epidemie auf sehr niedrigem Niveau.

Der Bericht empfiehlt eine Intensivierung und Verbesserung der epidemiologischen Überwachung der Situation, einen Ausbau der Forschung und die Formulierung von auf Fakten basierten Strategien sowie eine Stärkung der Beiträge der Zivilgesellschaft zur HIV-Bekämpfung.

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weitere Informationen:
Laith J. Abu-Raddad et al., The World Bank 2010 (Hg.): Characterizing the HIV/AIDS Epidemic in the Middle East and North Africa (pdf)
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APuZ-Heft „Homosexualität“

Das Magazin „Aus Politik und Zeitgeschichte“ widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe dem Thema Homosexualität.

„Aus Politik und Zeitgeschichte“ (APuZ) ist eine Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ zu zeitgeschichtlichen und sozialwissenschaftlichen Themen. Sie wird von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben.
Aus der Ankündigung:

„Zwischen fünf und zehn Prozent der Weltbevölkerung sind homosexuell. Nach aller wissenschaftlichen Erkenntnis ist Homosexualität ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal. Weltweit unterliegen Lesben und Schwule jedoch bis heute vielfältigen Formen häufig religiös verbrämter Diskriminierung.
Auch in Deutschland wird ihnen als gesellschaftlicher Minderheit nicht selten mit Angst oder gar Hass begegnet. Ein Coming Out ist, abhängig vom gesellschaftlichen und beruflichen Status sowie vom persönlichen Umfeld, meist noch immer mit einem nicht unerheblichen Risiko verbunden.“

Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 15-16 / 2010 "Homosexualität"
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 15-16 / 2010 "Homosexualität"

Inhalt:

Editorial (Hans-Georg Golz)
Homosexuelle zwischen Verfolgung und Emanzipation – Essay (Volkmar Sigusch)
Eine Regenbogengeschichte (Benno Gammerl)
Diskriminierung von Homo- und Bisexuellen (Melanie Caroline Steffens)
Homosexualität und Fußball – ein Widerspruch? (Tatjana Eggeling)
Respekt und Zumutung bei der Begegnung von Schwulen/Lesben und Muslimen (Bernd Simon)
Homosexualität und internationaler Menschenrechtsschutz (Hans-Joachim Mengel)
AIDS-Prävention: Erfolgsgeschichte mit offenem Ausgang (Michael Bochow)

Aus Politik und Zeitgeschichte
Homosexualität
48 Seiten
erschienen 12.04.2010
(APuZ 15-16/2010)
pdf

Danke an Dirk für den Hinweis!

Werbefilm-Preis für Aids-Spot

Ein Aids-Präventionsspot aus der Schweiz wurde beim Wettbewerb deutschsprachiger Werbeclips Spotlight mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

Spotlight ist ein Wettbewerb für deutschsprachige Werbespots und -filme. Der Wettbewerb wird seit 1998 jährlich durchgeführt und findet seit 2010 in Mannheim statt.

Neben den Preisen der Fach-Jury (in mehreren Kategorien sowie im Hauptwettbewerb und im Studenten-Wettbewerb) werden auch Publikumspreise verliehen. Und während die Fachjury z.B. den Spot einer Baumarkt-Kette prämierte, entschied sich das Publikum am 5. März 2010 für einen Aids-Spot:

Prämiert wurde mit dem Spotlight-Publikumspreis in der Kategorie ‚TV und Kino‘ ein Spot der Aids-Prävention aus der Schweiz. Bemerkenswert: in der Kürze liegt die Würze – der Spot währt nur wenige Sekunden. Der kurze Handlungsablauf: Mann trifft Frau (resp. Frau trifft Mann), beide gehen in’s Bett mit einander – und die Frage, war’s zu schnell für ein Kondom?

Aids-Präventionspot 'Bus' (Screenshot)
Aids-Präventionspot 'Bus' (Screenshot)

Der Spot wurde produziert von Euro RSCG Zürich im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit der Schweiz im Rahmen der Kampagne ‚Stop Aids‘ /  ‚Love Life‘.

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weitere Informationen:
spotlight: Die Bilanz 2010
der prmierte Spot ‚Bus‘ auf www.stopaids.ch ( -> TV-Spots -> Bus TV )
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Ärzte in die Prävention – wirklich eine gute Idee ?

Ärzte auch in der Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen mehr einzusetzen – dieses Konzept wird nicht nur im Aidsbereich diskutiert. Es ist auch Thema einer Veranstaltung in der Deutschen Aids-Hilfe am Mittwoch, 7. Oktober 2009. Ein Kommentar.

Immer noch wird eine HIV-Infektion bei vielen Menschen sehr spät festgestellt (late diagnosis) – mit vielen möglichen oder sehr realen potentiellen negativen Folgen auch für den oder die Betroffene/n. Gerade hier Ärzte zu sensibilisieren, scheint eine gute Idee. Die schnell weiterführt zum Gedanken, Ärzte doch generell in der Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen einzusetzen.

Untersuchungen laufen, auch zur Frage, wie weit Patienten eigentlich mit ihren Ärzten über sexuelle Fragen sprechen, sprechen wollen, sprechen können.
Und die Aids-Hilfe NRW arbeitet an einem Gesprächsleitfaden, der Ärzten helfen soll, mit ihren Patient/innen auch über Fragen des Sexualverhaltens und sexuell übertragbarer Erkrankungen ins Gespräch zu kommen.

Doch Vorsicht – was schnell plausibel scheint, muss nicht unbedingt im Interesse der Patienten sein.
Einige Gedanken …

Die Ausforschung des Sex

Das harmlos scheinende Gespräch über Fragen des Sexualverhaltens hat potentiell so seine Tücken. Möchte ich als Patient eigentlich, dass mein Arzt auch möglichst alle (Un)Tiefen und Details meines Sexlebens kennt?  Wie freiwillig ist dieses Gespräch, wenn ich anschließend auch „ganz normal“ behandelt werden möchte? Was davon wird dokumentiert? Und wer erfährt davon? Oder wie ausgeforscht fühle ich mich, werde ich?
Diese potentielle Ausforschung hat Konsequenzen. Wir verhält sich der Mediziner, die Medizinerin, die erfährt, dass ihr Patient sich unter Präventions-Gesichtspunkten „kontraproduktiv“ verhält? Wie wirkt sich dieses Wissen aus, wenn der gleiche Arzt, die gleiche Ärztin dann später genau diesen Patienten behandeln muss, z.B. aufgrund einer sexuell erworbenen Erkrankung? Wir leben Ärztinnen und Ärzte mit diesem Spagat? Und wie erst Patientinnen und Patienten? Wohl wissend, ja, der Arzt hat ja gesagt dass … und trotzdem hab ich …
Was macht dieser Spagat, was machen die potentiell daraus resultierenden Konfliktlinien mit dem Arzt-Patient-Verhältnis?
Und weiter noch – ärztliche Leistungen wollen dokumentiert sein (nicht nur, aber auch aus Gründen der Abrechnung). Wie steht es um den Datenschutz? Gerade bei derart sensiblen Daten wie zu Sexualverhalten? Natürlich entgegnen Ärzte und Verbände uns, es gebe das Arztgeheimnis, den Datenschutz, die Vertraulichkeit des Arzt-Patient-Verhältnisses. Aber – wie steht es darum in der Praxis? In Zeiten von Internet, elektronischer Gesundheitskarte oder Beschlagnahme von Patientenakten durch Staatsanwaltschaften (wie jüngst im Fall Nadja Benaissa)?

Die Reglementierung des Sex

Sexualität, Sexualverhalten ist ein Bereich, der persönlichsten, privatesten Angelegenheiten des Menschen zuzurechnen ist. Oft genug hat der Staat (aus vielfältigsten Interessen) versucht, gerade den Sex zu regulieren – über Normen, Kontrolle, Paragraphen. Gerade in den letzten Jahrzehnten ist es diversen Emanzipationsbewegungen gelungen, den Einfluss des Staates zurück zu drängen, vielfältige Ausdrucksformen menschlicher Sexualität als Bereich rein persönlicher Freiheit zu gewinnen.
In Zeiten von Aids gab es immer wieder aufscheinenden Bemühungen, Sexualität zu medikalisieren, erneut zu reglementieren. Sie konnten weitgehend abgewehrt werden. Kommen sie nun wieder, im mühsam neue verkleideten Gewand der ‚ärztlichen Prävention‘? Dies Konzept könnten sich nur zu schnell als Weg zurück, als Weg zu mehr staatlicher Reglementierung und Kontrolle des Sex erweisen.

Die Pathologisierung des Sex

Wie weit wird (dem französischen Philosophen Michèl Foucault folgend) eine stärkere Einbindung von Ärzten in die Prävention zu einer weiteren bzw. erneuten Pathologisierung von Sexualität führen?
Ist das Vorhaben, Ärzte auch in der Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten einzusetzen, nicht letztlich ein weiterer (zudem bedeutender) Baustein dazu, dass Sexualität immer mehr betrachtet wird als etwas zu Regulierendes? Als ein Feld von staatlichem Belang? Letztlich Sex als etwas betrachtet wird, das potentiell gefährlich ist, risikobehaftet, aufgrund z.B. sexuell übertragbarer Erkrankungen gesellschaftlich potentiell schädlich? Sex als (präventiv zu steuernder, regulierunsbedürftiger Störfaktor – statt als Lust und Privatsache?

Und nun?

Ärzte, die naturgegeben umfassende Kontakte zu einer großen Anzahl Menschen haben, in die Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen einzubeziehen – dieser Gedanke scheint in seiner Einfachheit und Direktheit naheliegend. Und Ärzte finden ihn geradezu bezaubernd – folgt diesem Gedanken doch direkt die Frage, welche neuen Abrechungs-Ziffer dafür eingeführt werden kann, soll, ja geradezu muss – und wieviel Geld jede ärztliche Präventionsmaßnahme bringt.
Und doch, viele Argumente lassen Fragezeichen aufscheinen, den Gedanken mehr als fragwürdig erscheinen. ‚Ärzte in die Prävention‘ – ein Vorhaben, das sich bald als Weg in die Vergangenheit und nachteilig für Patienten erweisen könnte.

Staat und Medizin haben im Sexualleben jedes einzelnen zunächst nichts zu suchen. Sexualität ist Privatsache, Sphäre der persönlichen Freiheit – und sollte dies auch bleiben. Eingriffe, zumal Eingriffe tendenziell reglementierender Art, sollten möglichst unterbleiben. Und wenn sie erfolgen, müssen sie durch starke Argumente begründet, legitimiert sein.
Im Fall von Aids und der Installierung sich im Nachhinein als sehr erfolgreich erweisender Aids-Prävention war dieser Eingriff durch die (reale oder gefühlte) Bedrohung (der Gesamtbevölkerung oder einzelner gesellschaftlicher Gruppen) zunächst legitimiert. Zudem wurde u.a. mit der beispielhaften Arbeitsteilung zwischen Staat (hier: BzgA) und Aidshilfen ein Weg gefunden, Eingriffe und Reglementierungen (auch durch Normsetzungen) weitestgehend einzugrenzen oder wo vermeintlich unabwendbar zumindest betroffenen- und lebensnah zu gestalten.

Bei den derzeitigen Planspielen, Ärzte in der Prävention sexuell übertragbarer Erkrankungen einzusetzen, wird der Reglementierung und Kontrolle von Sexualität Tür und Tor geöffnet. Besteht ein ausreichender Grund, der diesen Eingriff in persönliche Freiheit rechtfertigen könnte, eine Notlage, eine Gefährdung? Wurden Alternativen angedacht, alle Möglichkeiten ausgeschöpft, bevor Eingriffe des Medizinssystems erfolgen? Wohl nicht.

Das Themas „Ärzte in der Prävention“ wird diskutiert auf einer Veranstaltung der Deutschen Aids-Hilfe am 7. Oktober 2009 im Rahmen der Reihe ‚Salon Wilhelmstraße‘:

„Können Ärzte eine größere Rolle in der Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen einnehmen? Wie weit ist HIV- und STD-Prävention in der Arztpraxis überhaupt möglich? Was wünschen sich die Patient(inn)en? Was die Aidshilfen?“

Unter der  Moderation von Holger Wicht diskutieren Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer, Ruhr-Universität Bochum; Dr. Christoph Mayr, Vorstand DAGNÄ e.V.;  Dirk Meyer, Geschäftsführer LV AIDS-Hilfe NRW e.V.; Helga Neugebauer, Ärztin in der Aidshilfe Hamburg; Stephan Jäkel, Pluspunkt e.V.; Klaus Stehling, Geschäftsführer LV AIDS-Hilfe Hessen e.V. (angefragt); Stefan, Rollenmodell der MSM-Kampagne “IWWIT” und Steffen Taubert, Deutsche AIDS-Hilfe e.V.

weitere Informationen:
DAH-Blog 27.09.2009: 7.10.09: Salon Wilhelmstraße “Ärztliche Prävention”
DAH-Blog 24.10.2009: Prävention beim Arzt?
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Frankreich: Wirbel um Aids-Empfehlungen (akt.)

Die französische Gesundheitsministerin widerspricht einer Empfehlung ihrer Aids-Experten, Therapie als Mittel der Prävention zu sehen. Nur Kondome schützen, meint die Ministerin.

Roselyne Bachelot-Narquin, die französische Gesundheitsministerin, hat ein Machtwort gesprochen. Sie wies eine Analyse des staatlichen Aids-Expertengremiums zurück, das antiretrovirale Therapie auch als Mittel der Prävention betrachtet hatte. Ein neuer Ausschuss soll nun eine ihr genehmere Position finden.

Roselyne Bachelot-Narquin, französische Gesundheitsministerin
Roselyne Bachelot-Narquin, französische Gesundheitsministerin

Hintergrund der Auseinandersetzungen ist die Frage, in wie weit durch wirksame antiretrovirale Therapie die Infektiosität gesenkt wird. Im Januar 2008 hatte die Eidgenössische Aids-Kommission EKAF mit einem Statement für Aufsehen gesorgt keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs“).
Inzwischen haben auch andere Organisationen die veränderten Realitäten anerkannt, so hatte auch die Deutsche Aids-Hilfe im April 2009 ein Positionspapier veröffentlicht, in dem sie u.a. zu dem Schluss kommt „Unsere bisherigen Safer-Sex-Botschaften werden durch diese Aussage sinnvoll und wirksam ergänzt; in der Prävention eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten.“

Ebenfalls im April 2009 hatte auch der unabhängige französische Nationale Aids-Beirat (Conseil national du Sida) eine umfangreiche Stellungnahme veröffentlicht (Avis suivi de recommandations sur l’intérêt du traitement comme outil novateur de la lutte contre l’épidémie d’infections à VIH). Darin kam das CNS u.a. zu dem Schluss, in hochwirksamer antiretroviraler Therapie liege ein hohes Potenzial hinsichtlich HIV-Übertragung und Prävention. Auch antiretrovirale Therapie haben ihren Platz in der individuellen Schutzstrategie. Das CNS empfahl zukünftige Kampagnen, die das Bewusstsein für frühzeitigere HIV-Tests und die Chancen moderner Therapien stärker betonen sollten.

Dem hat die französische Gesundheitsministerin nun in einer Stellungnahme (Recommandations du Conseil national du Sida concernant l’intérêt du traitement comme outil novateur de la lutte contre l’épidémie d’infections à VIH) einen Riegel vorgeschoben.

Roselyne Bachelot-Narquin wies dieser Analyse als unzutreffend zurück. Sie betonte, ausschließlich das Kondom biete einen maximalen Schutz gegen HIV und sexuell übertragbare Erkrankungen. Kondome sollten durchgängig bei Gelegenheitskontakten oder unbekanntem HIV-Status des Partners benutzt werden.

Die Gesundheitsministerin will nun eine neue Expertengruppe mit einer erneuten Stellungnahme beauftragen.

The Warning, eine französische Gruppe von Aids-Aktivisten, beklagte den Konservatismus der Gesundheitsministerin. Ihre Stellungnahme gehe an den Realitäten vorbei und ignoriere zum Beispiel eine steigende Zahl von Menschen, die es vorzögen, beim Sex keine Kondome zu benutzen. Bereits in einer früheren Stellungnahme hatte The Warning dem Gesundheitsministerium vorgeworfen, sich einer größeren Sicht auf die Prävention zu verschliessen und die Realitäten aus ideologischen Gründen zu verkennen.
Auch die Gruppe ’survivre au sida‘ kritisierte die Ministerin – anlässlich der Kürzungen des Budgets für den kommenden Welt-Aids-Tag wasche Roselyne Bachelot „ihre Hände in Unschuld“.

Nachtrag 21.09.2009: Mit der Stellungnahme der neu eingesetzten Expertengruppe wird nun zum Jahresende 2009 gerechnet.

weitere Informationen:
Aidsmap 08.05.2009: French ‘treatment as prevention’ statement urges campaign on benefits of HIV testing and treatment, but cautions against compulsory testing
Aidsmap 19.06.2009: Treatment as prevention rejected by French ministry of health
TheWarning 11.05.2009: VIH : la DGS ne connaît pas le sens de l’expression « Droits de l’homme et du citoyen »
lemegalodon.net 19.06.2009: Vidéo : Amputation de la Journée mondiale contre le sida : Roselyne Bachelot s’en lave les mains ?

Prof. Willy Rozenbaum, einer der Autoren der CNS-Empfehlungen, im Interview auf seronet 24.08.2009: Direction sexuelle assistée !

thewarning 17.09.2009: Avis du CNS sur le traitement comme outil de prévention : son président précise…
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mach’s mit – an deinen Liebes-Orten

„Mach’s mit“, fordert die BZgA zur Kondombenutzung auf – und ermöglicht neuerdings im Rahmen ihrer neuen „Liebesorte“-Kampagne, auch eigene Motive zu erstellen.

‚Mach’s mit‘, die HIV-Präventionskampagne der Bundeszentrale für gesundheitsliche Aufklärung (BZgA) läuft seit 1993. Seit März 2009 mit der neuen Kampagne „Liebesorte“, zu deren Entstehung  die BZgA mitteilt

„Die Idee zur aktuellen „Liebesorte“-Kampagne stammt von Dörte Matzke, Studentin an der Fachhochschule Potsdam, und wurde damals [2005, d.Verf.] von der Wettbewerbsjury zu einem der beiden Gewinnerbeiträge gekürt.“

mach’s mit "Liebesorte", Motiv "Rock ´n´ rollen" (c) BZgA
mach’s mit "Liebesorte", Motiv "Rock ´n´ rollen" (c) BZgA

Seit kurzem ermöglicht die „Liebesorte“-Kampagne auch ein aktives Mitmachen: „Zeig uns deine Liebesorte!“, fordert die Internetseite der Kampagne auf und ermöglicht (z.B. durch Hochladen eigener Fotos) das Erstellen eigener „Liebesorte“-Motive.

Die eingereichten Motive können in einer Galerie betrachtet und bewertet werden. Ob unter allen eingereichten Motiven ein Wettbewerb ausgelobt werden soll, ist noch nicht entscheiden (die Teilnahmebedingungen sehen diese Möglichkeit aber bereits vor).

Warum dürfen MSM kein Blut spenden?

MSM dürfen kein Blut spenden: Spenderselektion nachvollziehbar machen

Männer, die in den letzten sechs Monaten Sex mit Männern hatten, sind von einer Blutspende ausgeschlossen. Frage ist, ob es sich bei diesem Ausschluss um eine Form offensichtlicher Diskriminierung schwuler Männer oder um eine gerechtfertigte Präventionsmaßnahme handelt.

Transfusionsgesetz

Die Zulassung von Spender(inne)n ist im Transfusionsgesetz geregelt. Bundesärztekammer und Paul-Ehrlich-Institut zeichnen in Rücksprache mit dem Robert Koch-Institut für die Regelungen verantwortlich. Zwar werden heute Blutspenden mit den sensibelsten Testverfahren auf Infektionen untersucht, aber die diagnostische Fensterphase bleibt ein Problem. So ist es in den ersten zehn Tagen ein Infektion mit HIV vollkommen unmöglich, eine frische HIV-Infektion nachzuweisen. Danach steigt die Sicherheit des Nachweises von Tag zu Tag, aber erst nach 90 Tagen liefern HIV-Tests absolut sichere Ergebnisse.

Um noch nicht nachweisbare HIV-Infektionen von einer Blutspende und damit einer sicheren HIV-Übertragung auszuschließen, werden Gruppen mit einer erhöhten HIV-Neuinfektionsrate (= Inzidenz) nicht zur Spende zugelassen. Das Robert Koch-Institut stellt die epidemiologischen Daten zu HIV zur Verfügung, die besagen, dass MSM ein erhöhtes Risiko haben, sich mit HIV zu infizieren.

Zusätzliche Ausschlusskriterien sind mögliche Infektionen mit anderen Erregern, z.B. Malaria, Gelbfieber, Leishmaniose, Hepatitis oder BSE. Ausgeschlossen sind daher u.a. Personen,
-die in den letzten sechs Monaten in den Tropen gewesen sind,
– die von 1980 bis 1996 in Großbritannien gelebt haben,
– die Organ-, Gewebe, Hornhaut oder Gehirnhaut-Transplantate erhalten haben,
– die sich in den letzten vier Monaten tätowieren oder piercen ließen,
– die in den letzten vier Monaten Blutkonserven erhalten haben,
– die Drogen gespritzt oder geschnupft haben.

Die seit 1985 immer wieder verbesserten Maßnahmen zur Sicherheit von Blutprodukten haben dazu geführt, dass heute statistisch gesehen in Deutschland weniger als ein Mensch pro Jahr auf diesem Weg mit HIV infiziert wird. Würde man auf die sorgfältige Spenderauswahl verzichten, müsste man mit mehreren HIV-Infektionen pro Jahr rechnen.

Epidemiologie ausschlaggebend

Der Ausschluss schwuler Männer von der Blutspende wurde in der Vergangenheit immer mal wieder als diskriminierende Praxis verurteilt, weil jahrzehntelang monogam lebende homosexuelle Paare von der Blutspende ausgeschlossen werden, wohingegen promiske Heterosexuelle spenden dürften. Kritisiert wird, dass hier „normale schwule Männer“ mit anderen „Risikoträgern“ wie Drogengebraucher(inne)n, Haftinsassen und Prostituierten in einen Topf geworfen würden. Leider wird dabei übersehen, dass man sich mit der englischen Queen und dem deutschen Außenminister, die aufgrund von BSE und anderen guten Gründen von einer Blutspende ausgeschlossen sind, eigentlich in sehr vornehmer Gesellschaft befindet.

Schwule Männer werden schlicht aufgrund von Zahlen, Daten, Fakten ausgeschlossen. Die epidemiologischen Daten des Robert-Koch-Instituts bescheinigen ihnen als „Gruppe“ eine bis zu hundertfach erhöhte statistische Wahrscheinlichkeit, auf einen HIV-infizierten Sexualpartner treffen zu können. Diskriminierend (im Sinne von ´einen Unterschied machend´) ist demnach die HIV-Verbreitung unter Schwulen und nicht der Blutspendedienst, der sich an diesen Zahlen orientiert.

Nach Recherchen der Deutschen Aids-Hilfe (DAH) entspricht die Praxis der Spenderauswahl in den Nachbarländer Österreich und Schweiz, aber auch in Großbritannien dem deutschen Umgang mit der Blutspendeerlaubnis. Allein Italien und Spanien verzichten auf den Ausschluss schwuler Blutspender. Hintergrund ist, dass sie über keine vergleichbaren epidemiologischen Daten verfügen, die einen einen Ausschluss bestimmter Gruppen rechtfertigen könnten. Würde man die Praxis dieser „epidemiologisch blinden Länder“ zum Vorbild nehmen, wäre man schlecht beraten!

Aufklärung notwendig

Als Fachverband und Interessenvertretung sieht sich die DAH gefordert, die Kriterien für eine Spenderselektion nachvollziehbar zu machen. Dies erfordert verstärkte Aufklärung über Möglichkeiten und Grenzen der HIV-Testung unter besonderer Berücksichtigung der diagnostischen Fensterphase und der Rolle der vergleichenden HIV-Inzidenz. Den Versuch einer Unterscheidung schwuler Männer in vermeintlich „normale“ und promiske Männer hält die DAH für problematisch. Orientiert man sich an aktuellen sozialwissenschaftlichen Daten, so haben auch lang andauernd monogam lebende schwule Paare ein nicht zu vernachlässigendes HIV-Risiko. Wenn man den „normalen Homosexuellen“ nicht mit Fixern, Strafgefangenen und Sexarbeiter(inne)n in einem Atemzug genannt wissen will, muss man sich von den Zahlen eines besseren belehren lassen: so wurden 2008 in Berlin 89 Prozent der HIV-Übertragungen dem Übertragungsweg MSM zugerechnet, nur 1 Prozent entfällt auf den Übertragungsweg Drogengebrauch (www.rki.de ).

[Text: www.aidshilfe.de]

Ein Auszug

Die Zahl der Blogs über das Leben mit HIV steigt – eine spannende Bereicherung ist ‚Jos Blog‘.

Seit Februar 2008 berichtet Jo unter dem Motto „Ein bisschen schräg, ein bisschen schwul, ein bisschen positiv“. Jo ist 24, Berliner, schwul, seit 2006 HIV positiv, seit zwei Jahren mit Steffan zusammen und gelernter Bankkaufmann.

Aus Jo’s Blog heute als ‚Appetithappen‘ und Beispiel einer ganz anderen Lebensrealität mit HIV der Beitrag „Ein Auszug“:

Ein Auszug

„Es funktioniert einfach nicht mehr… Es tut mir Leid, ich muss das beenden, es geht nicht anders!“
Die Tür knallte, ich hörte seine Schritte im Flur auf der Treppe, dann, weit entfernt, die Haustür. Verdammt noch mal! Mir wurde schlecht. Ich hab ihn nicht verletzen wollen, ich wollte bloß das Beste für ihn und mich tun. Er hatte doch längst schon einen anderen im Blick und bei uns lief es gar nicht mehr, dann sollte er auch zu ihm gehen und mich in Ruhe lassen! Es tat schon genug weh… Also hatte ich beschlossen, den Kontakt völlig abzubrechen.
Ich schaltete den Computer ein, loggte mich ins Internet und sperrte ihn in sämtlichen Messengern, in denen ich ihn gespeichert hatte, dann zog ich mich um. In so einer Situation half nur eins: Party.

Es war Mittwoch und der Club nicht so gut besucht wie an einem Samstag, doch das war mir egal. Ich hatte meine Cocktails, die mich schnell in eine weiche Welt beförderten, die Musik und irgendein männliches Wesen, das mir beim Tanzen am Arsch rumspielte. In meinem Kopf drehte sich alles und ich sackte immer wieder in die Arme meines Gegenübers, die Bässe hämmerten in meinem Hirn und vor meinen geschlossenen Augen flimmerte buntes Licht. Es roch nach Trockeneisnebel, Schweiß und Alkohol und in meinem Herzen flackerte immer wieder ein dumpfer Schmerz auf. Dann griff ich zu einem Cocktail und brachte mein Herz zum Schweigen.
„Du siehst fertig aus“, bemerkte mein Tanzpartner, der mich an die frische Luft gebracht und vor die Tür des Clubs gesetzt hatte. Und ich hatte nicht mal mehr mitbekommen, wie er mich dort hin befördert hatte.
„Ich hatte einen scheiß Tag“, hörte ich mich lallen, er lachte.
„Haben wir den nicht alle mal? Aber du brauchst was zum wach werden, sonst kotzt du dich noch voll.“
„Mir ist aber gar nicht übel. Es geht mir wirklich fantastisch. Ich kann noch alleine stehen und laufen und bin ganz klar im Kopf…“ Ich versuchte, aufzustehen, kippte aber schon beim ersten Anlauf zur Seite. „Mir ist bloß ein bisschen schwindelig, das vergeht wieder…“
„Bleib hier, ich besorg dir was.“ Er verschwand einfach, ließ mich sitzen. Ich erinnere mich nicht mehr, wie lang er weg war, doch als er wiederkam, drückte er mir ein paar bunte Pillen in die Hand.
„Schlucken“, sagte er, ich grinste.
„Danke mein Freund, genau das brauch ich jetzt!“ Und die Party ging weiter.

Wir tanzten ausgelassen, verließen den Club nach einer Weile, zogen durch Bars, bis es Morgen wurde. Wir verbrachten den Tag miteinander in seiner Wohnung irgendwo in Friedrichshain, konnten den ganzen Tag nicht schlafen, waren berauscht und euphorisch. Als es dunkel wurde, machten wir uns wieder auf den Weg. Ich habe nicht viele Erinnerungen an die Stunden, in meinem Kopf sind Bilder von Pillen und feinem, weißen Pulver, Alkohol, bunten Farben. Meine Begleiter wechselten, ich war nie allein doch nie mit derselben Person länger als 24 Stunden zusammen. Es gab immer eine Bar, an der ich mich festhielt und trinken konnte, bis mir die Scheine ausgingen und ich zu einem Geldautomaten torkeln musste, mit zitternden Fingern meine Geheimzahl eingab und hoffte, dass der Automat viele neue bunte Scheine ausspuckte.
„Ich will noch einen.“ Der Barkeeper nickte. Es war voll und er im Stress, er und seine Kollegen liefen von einem Gast zum nächsten, verteilten bunte Getränke, sammelten Geld ein, einer stand allein an der Spüle und reinigte Gläser. Ich musste auf mein frisch gefülltes Glas warten, doch ich hatte mein Gefühl für Zeit und Raum so verloren, dass es mich nicht störte und ich mich wie ein Kind freute, als ich endlich wieder neuen Alkohol in den Händen hielt. Ich schüttete das Zeug wie ein Verdurstender in mich hinein, als ich bemerkte, dass jemand direkt auf mich zukam. Vieles habe ich vergessen, doch die dunklen, warmen Augen sind noch deutlich in meiner Erinnerung. Ein Lächeln, wilde, dunkle Haare, ein trainierter Oberkörper, große Hände neben meinem Glas auf der Theke. Er beugte sich zu einem der Barjungs, bestellte etwas, der nickte, kam kurz darauf mit zwei Gläsern zurück. Der schöne Unbekannte mit den tiefbraunen Augen reichte mir ein Glas.
„Hier, ich geb einen aus.“
„Danke!“ Ich prostete kurz in seine Richtung, dann kippte ich die klare Flüssigkeit in meinen Hals, hustete. „Das ist Wasser?!“
„Ich dachte, du könntest das vertragen. Siehst ein bisschen fertig aus. Lange Nacht gehabt?“ Er ergatterte einen Hocker neben mir, rückte nah an mich heran, damit wir uns bei der lauten Musik besser unterhalten konnten.
„Ich weiß nicht“, antwortete ich, sah ihm lange in die Augen. Mein alter Begleiter war verschwunden und ich brauchte dringend einen neuen; der schöne Unbekannte schien für diesen Posten wie gemacht.
„Was haben wir für einen Tag?“, fragte ich. Im Nachhinein schäme ich mich dafür, dass ich so abgestürzt war, dass ich nicht mal genau sagen konnte, wo ich war und welcher Wochentag es war, doch in dem Augenblick was es mir nicht peinlich. Mein Gegenüber lachte. Aber kein unangenehmes Lachen.
„Es ist Samstag, also mittlerweile schon Sonntag.“ Er zwinkerte mir zu, trank aus seinem Glas. „Du bist wohl wirklich nicht mehr ganz frisch. Was hat dir zu schaffen gemacht?“
„Ich bin wieder Single, aber das ist egal.“ Meine Augen suchten nach einem Barkeeper, ich wollte was Neues zu trinken. Doch alle waren beschäftigt und bemerkten mich nicht. „Mein ganzes Leben ist egal. Alles egal. Ich soll keinen Freund haben, will das Leben nicht. Ich hab diese scheiß HIV-Seuche, keiner bleibt bei mir, es ist alles egal, alles egal… Hey! Krieg ich noch einen?“ Endlich hatte einer der Jungs auf meinen suchenden Blick reagiert, nickte und mixte mir einen neuen Caipirinha.
„Du bist HIV positiv?“ Ich sehe immer noch genau vor mir, wie aus seinem lächelnden, freundlichen Blick ein geschockt-interessierter wurde. Nicht unangenehm, nicht zu neugierig oder ängstlich, wie ich es von anderen kannte. Sondern ehrlich interessiert und offen.
„Bin ich“, nickte ich. „Aber erzähl das nicht rum, ich hab einen Ruf zu verlieren.“
Ich hätte ein Lachen von ihm erwartet, doch in seinem Gesicht rührte sich nichts. Er schaute mich an, wohl in Gedanken versunken, während ich meinen Caipirinha entgegennahm, ein bisschen mit dem Strohhalm darin herumrührte, die Limettenstücke herausfischte und das Glas dann in einem Zug bis auf den Rohrzucker leerte. Ich merkte den Alkohol immer noch nicht, hatte wohl zu viel gekokst, aber wenigstens hatte ich keine Schmerzen mehr und fühlte mich freier.
„Ich hab es auch“, sagte mein schöner Unbekannter plötzlich. „Willst du mit zu mir?“
Jetzt musste ich lachen. „Das ist die plumpste Anmache, die ich je gehört habe!“
„Dann ist sie wenigstens außergewöhnlich. Los komm, du bist überall besser aufgehoben als hier.“
Er nahm mich mit und ich konnte und wollte mich nicht dagegen wehren. Er hielt mich an der Hand, zog mich hinter sich her und ich stolperte ihm nach so gut ich konnte.
Wir fuhren mit der S-Bahn, mussten einmal umsteigen, dann laufen, ich weiß nicht mehr wie lang. Aber ich weiß noch, wie ich, in seiner Wohnung angekommen, sofort den Weg ins Schlafzimmer fand und mich auszog. Ich konnte es nicht erwarten, aus meinen Klamotten zu kommen, legte mich aufs Bett, sah ihm beim Ausziehen zu. Nackt kletterte er über mich, leckte meinen Hals entlang.
„Ich will dich blank“, raunte er mir ins Ohr und aktivierte damit das allerletzte Stückchen Verstand in meinem Kopf.
„Zieh dir was drüber, ich will keine Probleme.“
„Na, wenn du meinst…“
Ich glaube, er war enttäuscht. Nehme ich ihm auch gar nicht übel. Wahrscheinlich hätte ich mich sogar bequatschen lassen, wenn er es versucht hätte, aber er hatte sofort klein beigegeben und ein Kondom aus dem Bad geholt. Und zur Belohnung durfte er sich in mir austoben.

(Gastbeitrag, © Jos Blog)
Nachtrag 29.04.2009: Jo hat heute die Fortsetzung gepostet.

Kommentar: was lange währt, wird endlich gut – die Präventionsmethode Senkung der Viruslast unter die Nachweisgrenze

Die Deutsche Aids-Hilfe hat ihr Positionspapier „HIV-Therapie und Prävention“ vorgelegt.

„was lange währt, wird endlich gut“ – ein abgegriffener Spruch, und doch, er scheint gut geeignet, zutreffend für das abschließende Positionspapier, das die Deutsche Aids-Hilfe zur Frage der Senkung der HIV-Viruslast unter die Nachweisgrenze und Konsequenzen für den Einzelnen sowie für die HIV-Prävention vorgelegt hat.

„was lange währt, wird endlich gut“
Ja, die DAH hat sich Zeit gelassen. Über 14 Monate sind seit der Publikation des EKAF-Statements vergangen, eines Statements zudem, dessen Inhalte und wesentliche Botschaften zumindest in Fachkreisen schon weit vorher bekannt waren.

14 Monate sind eine lange Zeit, und viele (Positive , Aktivisten, Mitarbeiter/innen in Aids-Hilfen und -Beratungen… ) wurden ungeduldig, drängelten. Andere hingegen betätigten sich mit Verve als Bremser, gar Blockierer, wollten eine -womöglich gar ‚zu positive‘- Stellungnahme verhindern oder doch verzögern.

14 Monate sind eine lange Zeit – die aber vielleicht erforderlich war. Erforderlich, um zu einer überlegten, reflektierten und tragfähigen Position zu kommen. Zu einer Position, die auch in den nun sicherlich neu aufflammenden Debatten argumentiert, begründet werden kann, Bestand haben wird. Und eine Position, die -das darf nicht vergessen werden- auch innerhalb von Aidshilfe(n) tragfähig ist.

Denn Lebens- und Präventions-Realität wird diese Position nur, wenn möglichst viele, HIV-Positive, Ungetestete wie auch HIV-Negative, Aids-Hilfe Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen, Berater und Beraterinnen davon überzeugt sind, überzeugt werden können, dass dies die richtige, die zukunftsweisende Position ist. Dieses Positions-Papier bietet die Voraussetzungen dafür.

was lange währt, wird endlich gut
Gut – diese drei Buchstaben, dieses eine Wort genügen, um das Positions-Papier der DAH im ersten Ansatz zu bewerten.

Es ist gut, denn es prüft das Statement der EKAF,wägt ab – und kommt zu einer eigenen, lang erwarteten Position der DAH.

Gut aber vor allem, weil es neben der reinen Positionierung zwei weitere bedeutende Schritte geht:
Das Positions-Papier setzt sich öffentlich, für jeden nachvollziehbar und transparent, mit Argumenten, mit Für und Wider auseinander, wägt ab, kommt zu einer Entscheidung – und begründet diese.
Vor allem aber: das Positions-Papier bleibt nicht verharren bei der trockenen, abstrakten Position. Es geht vielmehr mutig gleich zwei weitere Schritte: es übersetzt in lebensnahe, den Situationen, dem Lebensalltag, dem Liebes- und Sexleben gerecht werdende Empfehlungen, und es weist den Weg in neue Chancen für die HIV-Prävention.

„Ja, und was heißt das für mich? Für meine Situation?“ – Diese Fragen waren oft zu hören in den letzten Monaten, in vielen Diskussionen über „die EKAF“. Und zumindest die laut geäußerte Antwort lautete meist „nix genaues weiß man nicht“. Das EKAF-Statement blieb das, als was es ursprünglich publiziert wurde, eine Stellungnahme von Medizinern zu Fragen der Infektiosität.

Die Deutsche Aids-Hilfe hat in ihrem Positions-Papier die Stellungnahme der EKAF nun mit ‚Fleisch‘, mit Leben versehen. HIV-Positive, HIV-Negative, Ungetestete in verschiedensten Lebenssituationen, von HIV Betroffene und von HIV Bedrohte, ob schwuler Mann, Hetero mit gelegentlichen ‚Männer-Kontakten‘, Frau mit oder ohne Kinderwunsch, Drogengebraucher(in), Mensch in Haft – sie finden nun lebensnahe, lebensbejahende Empfehlungen, wie das Statement der EKAF, wie die Frage der ‚Präventionsmethode Senkung der Viruslast unter die Nachweisgrenze‘ in ihrem Leben integriert, gelebt werden kann.

Die Chancen des EKAF-Statements nicht nur abstrakt aufzuzeigen, sondern sie in konkreten Empfehlungen lebbar zu machen – das ist das eigentliche Verdienst dieses Positionspapiers.