ondamaris sagt Danke und Tschüss

ondamaris sagt Danke und Tschüss.

Nach beinahe sieben Jahren Informationen zu HIV/Aids und zum Leben mit HIV ist nun erstmal Schluß – dieses ist der letzte Artikel auf ondamaris.

Von den ondamaris-Leserinnen und Lesern möchte ich mich mit einem herzlichen Dankeschön verabschieden !

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Am 6. März 2006 erschien der erste ondamaris-Artikel, vor beinahe sieben Jahren. Über 2.300 Artikel wurden seitdem auf ondamaris veröffentlicht, im Schnitt also über die gesamte Zeit ein Artikel jeden Kalender-Tag. Annähernd 8.000 Kommentare erhielten diese Artikel – auch dafür allen Leserinnen und Lesern meinen herzlichen Dank!

Einige Artikel fanden besonders viele Leserinnen und Leser. An erster Stelle: das Tabu-Thema Feigwarzen – tabuisierte STD mit 250.000 (!) Zugriffen, gefolgt von Oralverkehr: “sehr geringes Risiko”  mit 80.000. Sehr viel gelesen auch der Artikel über das EKAF-Statement und die Konsequenzen keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs (annähernd 40.000 Leser/innen) nebst dem DAH-Positionspapier HIV-Therapie und Prävention – Positionspapier der Deutschen AIDS-Hilfe (über 18.000), und über Prävention Prävention muss aufklärerisch ansetzen (über 20.000Zugriffe).

Ein besonderer Dank gilt dem gemeinnützigen Verein gay-web.de e.V. – der all die Jahre hindurch ondamaris unentgeltlich gehostet hat, und ohne dessen technischen Support die Seite so nicht möglich gewesen wäre.

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Nach beinahe sieben Jahren ondamaris (und über 15 Jahren, zählt man/frau die Vorläufer wie HIV-Nachrichten und HIVlife mit) ist es an der Zeit, tschüss zu sagen.

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Tschüss bedeutet konkret: ab heute erscheinen bis auf weiteres keine neuen Artikel mehr. Die bisher erschienenen Artikel bleiben zunächst weiterhin online, allerdings wird ist die Kommentar-Möglichkeit in wenigen Tagen seit 22.11.2012 deaktiviert.

Und: wer mit mir in Kontakt bleiben möchte, findet mich auch weiterhin in diversen sozialen Netzwerken – oder auf der privaten Site , die mein Mann und ich machen 2mecs.
Und vor allem: im realen Leben …

Au revoir, und: vielen Dank für deine / Ihre Treue, Kommentare, Unterstützung,

Ulli Würdemann

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siehe auch
queer.de 14.11.2012: „Ondamaris“ verabschiedet sich aus der Blogosphäre
Steven Milverton 14.11.2012: “Es wurde zwar über uns gesprochen, aber nicht mit uns.”
Bernd Aretz / DAH-Blog 15.11.2012: ondamaris.de ist eingestellt – Ein Abschiedsgruß
Gay Boys News 14.11.2012: “Ondamaris” verabschiedet sich aus der Blogosphäre
Herzenslust 14.11.2012: Internet-Portal ondamaris hört auf
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WDR verhängt ein faktisches Aufführungsverbot für den Film „ Der Aids-Krieg “

WDR verhängt ein faktisches Aufführungsverbot für den Film „ Der Aids-Krieg “

ein empörter Zwischenruf von Bernd Aretz

Neulich bekam ich eine Anfrage der Marburger Aidshilfe, ob ich denn bereit sei, nach einer Aufführung des Films „ Der Aids-Krieg “ von Jobst Knigge rund um den Welt Aids Tag an einer Diskussion mit dem Publikum teilzunehmen. Natürlich habe ich sofort zugesagt, wie ich auch auf die Anfrage des Filmemachers seinerzeit meine Unterstützung angeboten habe. Ich habe ihm Bücher, Broschüren und Zeitungsartikel zur Verfügung gestellt und hielt es für eine Selbstverständlichkeit, auch meine Zeit für ein Interview zu opfern. Schließlich ist Jobst Knigge ein brillianter empathischer Dokumentarfilmer, von dem manches auf Youtube eingestellt ist. Der Beitrag „Der Truppenunterhalter“, den ich für eine Mußestunde ans Herz lege, überzeugte mich davon, dass er eine vertrauensvolle Zusammenarbeit verdient. Porto- oder Reisekosten wurden nicht erstattet, Honorarfragen erst gar nicht erörtet. Das spielte für mich keine Rolle, weil ich zu Recht davon ausging, dass ein Film entstehen würde, der seriös die aidspolitischen Auseinandersetzungen der achtziger und neunziger Jahre aufarbeiten würde.
Der Film lief über mehrere Monate immer wieder in den öffentlichrechtlichen Fernsehkanälen, die damit einen Teil ihres Bildungsauftrags erfüllten.

Nun teilte mir die Aidshilfe mit, sie könne es sich leider nicht leisten, den Film aufzuführen, da der WDR die einmalige Aufführung im nicht kommerziellen Rahmen von der Zahlung einer Gebühr in Höhe von Euro 225,00 zuzüglich Mehrwertsteuer abhängig gemacht habe. Das befremdet mich sehr. Der WDR sah sich nicht einmal zu einem Dankeschön an die Mitwirkenden in der Lage und belegt mit seiner Gebührenpolitik einen aufklärerischen Film, dessen Herstellung wir mit unseren Gebühren finanziert haben, faktisch mit einem Aufführungsverbot. Das ist schäbig und mit dem Bildungsauftrag nicht vereinbar.

Gesundheits- Informationen, queer.de und das Geld der Pharma-Industrie

Gesundheits-Informationen für schwule Männer mit HIV und Aids – eine gute Idee bestimmt, auch auf einem Portal wie queer.de. Aber – muss das mit Pharma-Geld sein? Kann diese ‚Information‘ dann ‚unabhängig‘ sein? Ein großes Unbehagen macht sich breit … und viele Fragezeichen.

Einen ‚Themenkanal‘ (Rubrik) „gezielt an schwule Männer mit HIV/Aids“ unter dem Namen ‚Gesundheit HIV+‘ hat das Internetportal für Schwule queer.de heute gestartet. Gesundheitsinformationen für schwule Männer, speziell für HIV-Positive – eine gute Idee. Weit weniger gut finde ich: dieser Themenkanal wird durch einen (1 !) Pharmakonzern ‚ermöglicht‘ (spricht: bezahlt). Dass auf dieses Pharma-Sponsoring von Gesundheits-Informationen unter den Artikeln in einem ‚Disclaimer‘ hingewiesen wird, macht die Sache nicht besser …

queer.de teilt in seinem Newsletter heute (29.10.2012) mit

„Heute starten wir einen neuen Themenkanal auf queer.de, der sich gezielt an schwule Männer mit HIV/Aids richtet. Mit Service und Tipps für ein gesundes Leben, Basics für „Einsteiger“ mit frischer HIV-Diagnose, neue Infos aus der Medizin, verständlich aufbereiteten Forschungsergebnissen und Storys aus den Lebenswelten HIV-Positiver.“

Im Newsletter sowie im Hinweis auf die neue Rubrik auf sozialen Netzwerken wird auf den Hinweis auf das Sponsoring durch die Pharmaindustrie verzichtet, ebenso in der Rubrik-Ankündigung auf der Startseite sowie in der Rubrik-Summenseite wird dieser (für den Leser nicht unwichtige) Hinweis verschwiegen. Unter den jeweiligen Artikeln des Themenkanals wird immerhin per ‚Disclaimer‘ hingewiesen:

„Dieser Artikel wurde inhaltlich frei von einem queer.de-Autoren verfasst. Der Themenkanal „Gesundheit HIV+“ wird durch Unterstützung von „[[Name eines Pharmaunternehmens]]“ ermöglicht.“

Das Sponsoring erfolgt durch einen Pharmakonzern, der in den vergangenen Jahren seinen Anteil auf dem Markt der Aids-Medikamente (auch durch gezielte Marketing-Maßnahmen) in bemerkenswertem Ausmaß  gesteigert hat, und der gerade aktuell mit einem Medikament besonders in der Diskussion ist (und ein besonderes Interesse an Publizität haben dürfte).

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Auf den bisherigen Artikel-Seiten ist zudem jeweils eine Anzeige platziert für eine HIV-bezogene Smartphone-App. Es bleibt zu hoffen, dass die Site-Betreiber geprüft haben, wie seriös dieses Angebot ist, wer was mit den Daten macht etc.

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Sponsoring ist (im Gegensatz zu Mäzenatentum) nicht ohne Gegenleistung. Und Pharma-Sponsoring ist vermutlich nicht eben interessenneutral.

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Vielen, die in Medien oder im Bereich der Patienten-Information arbeiten, ist vermutlich bekannt, dass Unternehmen und Verbände der Pharma-Industrie auf viel subtilere Weisen Wege finden, Inhalte zu platzieren, Themen zu setzen, Berichterstattung zu beeinflussen, als durch direkte Einflussnahme.

Da werden vielleicht vom gutaussehenden (im HIV-Bereich gern schwulen) Pharma-Referenten ’spannende Themen‘ vorgeschlagen. Oder die mütterliche Frau vom Pharmakonzern weiß zufällig eine – selbstverständlich unabhängigen – Referentin oder einen Autoren für ein Thema. Und da findet doch dieser spannende Kongress an diesem ziemlich attraktiven Ort statt, ob man denn da vielleicht mal teilnehmen wolle? Man dürfe natürlich anschließend gern darüber berichten …

Phantasien eines Kommentators? So mancher Mitarbeiter einer Aidshilfe, so mancher Redakteur von Gesundheits-Magazinen kann da vermutlich von noch ganz anderen ‚kreativen Ideen‘ berichten.

So sind dies nur einige wenige (zudem eher offensichtliche) Beispiel dafür, wie Einflussnahme auch indirekt sehr gut möglich ist – auch innerhalb dessen, was der ‚Disclaimer‘ an Unabhängigkeit suggeriert.

Wegen dieser möglichen eher subtileren Wege der Wahrnehmung ihrer Interessen durch Unternehmen und Verbände rufen ‚Disclaimer‘ wie oben oft ein gewisses Schmunzeln hervor, suggerieren sie doch eine Unabhängigkeit, die vorsichtig formuliert zumindest hinterfragenswert erscheint.

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Aidshilfe und HIV-positive Selbsthilfe haben sich seit Jahren mit der Frage Finanzierung / Sponsoring durch Pharma-Industrie auseinander gesetzt. Und es sind brauchbare Konzepte entstanden (wenn auch nicht alle Aidshilfen diese immer einhalten, aber dies ist ein anderes Thema).

Dabei sind u.a. folgende Punkte als sinnvoll zu erörtern deutlich geworden:

  • Ist Pharma-Sponsorig wirklich erforderlich, zumal es nie ohne Gegenleistung und nie interessenneutral ist?
  • Pharma-Sponsoring nicht ‚direkt am Thema‘ – d.h. kein Pharma-Sponsoring von an Patienten gerichteten Gesundheits-Informationen
  • Wenn Pharma-Sponsoring, dann nicht direkt durch ein Unternehmen, sondern durch mehrere Unternehmen und über einen (möglichst durch eine mit dem Inhalt nicht befasste Stelle koordinierten) Pool, um direkte wie indirekte Einflussnahmen zu erschweren.

Dies sind nur Beispiel der Gedanken, Konzepte, Ideen (siehe Links unten) zur Frage, wie umgehen mit Pharma-Geld – falls man/frau es denn für unumgänglich hält dies zu nehmen.

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Es bleibt zu hoffen, dass die Macher von queer.de sich zentrale Fragen gestellt haben. Und mir ist klar, dass auch ein Portal wie queer.de, das seine Artikel unentgeltlich zur Verfügung stellt,  Einnahmen braucht.
Allein – es bleiben viele Fragen. Muss es gerade Gesundheitsinformation sein, die durch ein Unternehmen der Pharmabranche gesponsert wird? Und durch ein (einziges) Unternehmen?

Ein großes Unbehagen bleibt.
Und ein nicht eben grundloses Unbehagen.
Ich jedenfalls möchte neutrale Informationen zu Gesundheitsthemen lesen.
Und nicht durch Pharma-Industrie gesponserte ‚Artikel‘ – die werd ich eben nicht anklicken, nicht beachten. Auch auf queer.de nicht, auch in diesem ‚Themenkanal‘ dann eben nicht.

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Einige Informationen und Gedanken zum Themenbereich Pharma-Sponsoring und Gesundheits-Informationen:

Leitsätze der DAH zur Zusammenarbeit mit der pharmazeutischen Industrie
ondamaris 16.9.2010: Selbsthilfe und Pharma-Sponsoring – Materialsammlung
ondamaris 27.07.2010: Unabhängigkeit der Selbsthilfe: Monitoring- Ausschüsse legen 2. Jahresbericht vor
Leitsätze der Selbsthilfe für die Zusammenarbeit mit Personen des privaten und öffentlichen Rechts, Organisationen und Wirtschaftsunternehmen, insbesondere im Gesundheitswesen
ondamaris 22.02.2009: Verdeckte Werbung der Pharma-Industrie
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Wir gehen in die Stadt – Die PoBe verläßt den geschützten Hochschulort und geht in der Einkaufsstraße von Wolfsburg demonstrieren.

Irgendwie ist es immer noch etwas Besonderes, für die eigene HIV-Infektion demonstrieren zu gehen. Man sieht mir auf den ersten Blick nix an und mir ist auch nix Schlimmes bisher passiert – persönlich ist es für mich also eher ein abstrakter Grund, mich bei den Wolfsburgern zu beschweren. Trotzdem ist in mir das Gefühl es tun zu wollen. Wolfsburg ist ein guter Ort, dieser gefühlten Pflicht etwas nachzukommen.

Wir gehen sehr artig durch das mäßige Einkaufstreiben eines kleinstädtischen Samstagmittags. Die Menschen bleiben stehen, drehen sich um – und fragen sich was das ist was da durch ihre friedliche Innenstadt schreitet, und ein wenig auch worum es geht? Wie die meisten Menschen in Deutschland wissen die Wolfsburger nur wenig zu HIV. Die Lebenspraxis mit dieser chronischen Erkrankung ist für sie fremd.

Irgendwann spüren wir Demonstranten, daß wir nicht mit Steinen beworfen werden und auch keine offene Feindseligkeit aufkommt. Das Klima in mir entspannt sich. Der Auftritt der gutaussehenden Ortspolizei ist daher sehr unterhaltend.

Wir beginnen mit einzelnen Wolfsburgern zu reden und erklären ihnen unsere Anliegen, da diese oft nicht erkennen worum es uns überhaupt geht. Hier müssen wir noch Kommunikationsformen entwickeln, die auch am Samstag in einer deutschen Kleinstadt funktionieren. Auf beiden Seiten bleibt man meist höflich.

Für mich war es gut zu demonstrieren, weil es wieder einmal ein Schritt zur Überwindung meiner eigenen Ängste war – ich habe es ja überlebt…. und fühle mich etwas wie der junge Che.

Therapiefreiheit : Therapieumstellung, um Versorungs-Kosten zu senken ? Das wirft Fragen auf …

In Großbritannien wird die Zusammenstellung der antiretroviralen Therapie zukünftig auch von Kosten-Gesichtspunkten bestimmt (siehe ondamaris 29.08.2012: Einschränkung der Auswahl der ART-Medikamente – erste Untersuchung) Die vorgelegte Studie aus London zeigt ein Spannungsfeld in der Gesundheitsversorgung auf, in dem auch wir Positive uns mehr und mehr bewegen.

Auf der einen Seite sollen die Kosten von HIV-Therapien eine Akzeptanz durch die Versichertengemeinschaft behalten, und auf der anderen Seite soll gleichzeitig eine Auswahl von guten Therapien durch behandelnde Ärzte und Patienten erfolgen. Jede Anforderung für sich ist schon eine Herausforderung. Beide Ziele zusammen verfolgt, haben ein gewisses Konfliktpotential, welches einer Diskussion unter den Beteiligten bedarf.

Es ergeben sich für mich Fragestellungen aus diesem Versuch, die Kosten der Versorgung zu senken, die einer weitergehenden Diskussion bedürfen:

  • Wie wirkt sich eine solche Behandlungsvorgabe auf das Arzt – Patienten Verhältnis aus? Wird das Vertrauen in die für mich als Patienten „richtige“ Entscheidungen des Arztes gestört?

Im NHS sind die Ärzte Angestellte des NHS und damit viel leichter zu lenken als zum Beispiel ein niedergelassener Schwerpunktarzt in Deutschland. Dieses Faktum spricht für eine Belastung des Vertrauensverhältnisses. Es scheint auch so zu sein, das „aufgeklärte“ Patientengruppen wie weiße, homosexuelle Männer eher nicht einem Therapiewechsel unterzogen wurden.

Was ist mit den untersuchten 69 Fällen von „anderen“ (nicht von den Kosten getriebenen) Gründen? Waren das wirklich in allen Fällen medizinische Gründe, die für den Wechsel sprachen, oder hat man es sich einfach gemacht und einfach diese „medizinischen“ Gründe nur vorgeschoben, um eine Diskussion mit dem Patienten zu umgehen? Hier könnte nur eine zweite unabhängige Studie zu jedem Wechselfall etwas Licht ins Dunkel bringen.

  • Wenn mein Arzt mit mir offen und ehrlich die Kostenfrage anspricht und keinerlei wesentliche medizinische Gründe gegen einen Wechsel des PI zu ATV sprechen, würde ich da als verantwortungsbewusster Patient meine Zustimmung geben?

Je offener und transparenter Kostenfragen mit Patienten besprochen werden, desto besser können diese in die gesamte Therapieplanung mit eingehen (diese besteht ja nicht nur aus Kostenerwägungen). Voraussetzung für den Erfolg ist der aufgeklärte Patient (wie auch bei der rein medizinischen gemeinsamen Therapieplanung).

Hier wäre es hilfreich, wenn jeder Patient sich zusätzlich einen unabhängigen Rat von dritter Seite einholen könnte. (Der behandelnde Arzt ist ja als Angestellter des NHS nicht als gänzlich unabhängig anzusehen. – Ist der HIV-Behandler im deutschen Gesundheitssystem immer unabhängig?)

  • Ist es eine gute Idee, den Pharmafirmen durch große Abnahmemengen erhebliche Rabatte abzutrotzen?

Grundsätzlich verändert sich durch den zentralen Einkauf der Medikamente und die Erhöhung der bisherigen Menge eines bestimmten PIs die Verhandlungsposition zu Gunsten der Einkäufer (Versicherte; Steuerzahler). Der Beschaffungsprozess kann sogar in vielen Bereichen transparent geführt werden (aber nicht in allen).

Ein potentieller Kostenvorteil ist aber nur real umzusetzen, wenn man die Therapiefreiheit von Arzt und Patient einschränkt.

  • Soll man sich als HIV Positiver grundsätzlich solchen Modellen verweigern, da diese immer die Therapiefreiheit einschränken? Oder beteiligt man sich aktiv an der Entwicklung solcher Gedankenmodelle?

Eine aktive, fordernde und gestaltende Mitarbeit durch Positive (GIPA!) an solchen Überlegungen erlaubt frühzeitige, weiterreichende Einflussnahme. Diese Beteiligung kann auch zur vollständigen Ablehnung einer angedachten Kostensenkungsmöglichkeit durch die Positiven führen.

Nach Washington: Genug des Optimismus – Packen wir’s an

Die XIX. Internationale Aids-Konferenz ist vorbei.

Verfolgte man die Berichterstattung in den Medien, kann man den Eindruck gewinnen, es sie alles nicht mehr so schlimm mit HIV und Aids – und werde von nun an immer besser. „Optimistischer Abschluss der Welt-Aids-Konferenz“ titeln auch seriöse Medien, oder ziehen noch prägnanter das Resümee „Der Anfang vom Ende der Aids-Epidemie“.

Oder die Statements von Politikern. Eine „Generation ohne Aids“ sieht Hillary Clinton, US-Außenministerin, schon am Horizont, und Francois Hollande, französischer Staatspräsident, sieht (wie andere auch) die Möglichkeit, „die Aids-Epidemie in der ganzen Welt zu beenden“.

Nun müssen große Konferenzen große Schlagzeilen produzieren, um hohe mediale Aufmerksamkeit zu erlangen (oder: die Verantwortlichen glauben dies zumindest). Und Politiker benutzen solche Momente gerne für starke  Worte, einprägsame Formulierungen, um selbst Schlagzeilen zu produzieren (in wessen Interesse, bliebe dabei zu hinterfragen).

Allein – bei all dem Jubel bleibt ein schaler Beigeschmack.

Millionen HIV-Positive weltweit erhalten keinerlei antiretrovirale Behandlung, obwohl sie sie dringend benötigen. Warum? Weil das Geld fehlt. Weil die erforderlichen Strukturen fehlen. Weil die Medikamenten-Preise für viele Staaten (u.a. aufgrund von Patentrechten von Pharamkonzernen aus Industriestaaten) unerschwinglich hoch sind. Ganz abgesehen von den sozialen Bedingungen, der Stigmatisierung und Diskriminierung, der Verfolgung und Kriminalisierung, der HIV-Positive in vielen Staaten der Welt ausgesetzt sind.

Und auch hierzulande ist nicht ‚alles im grünen Bereich‘, bei weiten nicht. HIV-positiv am Arbeitsplatz, das ist immer noch ein alles andere als sorgenloses Thema. HIV-Zwangstests stehen wieder auf der politischen Tagesordnung. Kriminalisierung HIV-Positiver ist auch hierzulande bedrückt auch hier. Probleme mit Kondomen in Knästen, Methadon-Programmen im Strafvollzug sind immer wieder Grund für Ärger. HIV-Positive haben immer wieder Probleme bei bzw. mit ihrem Zahnarz . Und dies sind nur einige beispielhafte Probleme im Leben mit HIV, das derzeit auch hierzulande noch weit davon entfernt ist, entspannt zu sein.

Es ist schön, Visionen zu haben, Visionen von einer „Generation ohne Aids“.

Und ich wünsche zukünftigen Generationen weltweit, dass sie ohne den Horror, der Aids für meine Generation war, leben können.

Bis diese Visionen vielleicht Realität werden, sollten wir die realen Probleme nicht aus den Augen verlieren – und sie anpacken. Die Probleme vor der eigenen Haustür, genauso wie die in Regionen die manchmal so weit entfernt schienen, uns aber dennoch sehr wohl viel angehen.

Egal ob ignorante Politiker, desinformierte Zahnärzte oder Regierungen, die glauben sich unterfinanzierte Aids-Programme leisten zu können – unsere Probleme liegen (auch) vor unserer Haustür.

Wie sagte es ein längst aus der Mode geratener Werbespruch:

Packen wir’s an.

 

 

Truvada ® – Chemotherapie für Gesunde? Wirklich?

Am 16. Juli 2012 hat die US-Arzneimittelbehörde FDA der Kombination der beiden Wirkstoffe Tenofovir und Emtricitabine (Truvada ®) die Zulassung für die Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) in den USA erteilt.

Hierzu ein Gast-Kommentar von Udo Schüklenk. Udo ist Professor of Philosophy an der Queen’s University in Kingston, Ontario und Ontario Research Chair in Bioethics sowie Joint Editor-in-Chief BIOETHICS & DEVELOPING WORLD BIOETHICS.

Prof. Udo Schuklenk (Foto: privat)
Prof. Udo Schuklenk (Foto: privat)

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Truvada ® – Chemotherapie für Gesunde? Wirklich?

Die US-amerikanische ‚Food and Drug Administration‘ hat also Truvada® als HIV Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) für den Markt zugelassen (http://www.fda.gov/NewsEvents/Newsroom/PressAnnouncements/ucm312210.htm). UNAIDS hat die Zulassung begrüßt, einige einflussreiche AIDS Hilfe Organisationen in den USA haben sich kritisch zu Wort gemeldet. Ich bin mir nicht sicher was ich von der FDA Entscheidung halten soll. Die Handlungsoption hier ist schließlich, völlig gesunden Menschen dauerhaft Chemotherapie zu verschreiben, damit sie sich gegen HIV besser schützen können. Kostenpunkt: bis zu 13.000 US-$ pro Jahr. Welche anderen Handlungsmöglichkeiten stünden Leuten zur Verfügung, die skeptisch sind, sowohl, was das Preisschild betrifft, als auch gegenüber der Idee, dass lebenslange Chemotherapie für Gesunde eine kluge Handlungsoption darstellt? Nun ja, da bleiben die altbewährten – aber eben nicht bei allen schrecklich beliebten – Kondome. Oder, wenn Du Sex mit jemandem hast, von dem Du weißt, dass er oder sie HIV-positiv ist, mach Dich schlau in Bezug auf die Frage, ob er oder sie HAART bekommt und wie es um die Viruslast bestellt steht. Wenn die Viruslast unter der Nachweisgrenze ist, ist das Risiko einer Ansteckung so niedrig, dass unklar ist, ob es die Schäden die die Chemotherapie über Dauer anrichten würde, wirklich wert sind. Naja, und dann gibt’s ja auch noch Post-Expositions-Prophylaxe (PEP). Wenn Du in einem Land wohnst, in dem die HIV Prävalenz sehr hoch ist, ist es eher sehr wahrscheinlich, dass Du in einem Entwicklungsland lebst. Das Gesundheitssystem Deines Landes sollte wahrscheinlich noch nicht einmal ernsthaft darüber nachdenken PrEP einzuführen, angesichts dessen, was das Medikament kostet pro Jahr, angesichts der vielen Menschen denen es dann verschrieben werden müsste, und angesichts der vielen anderen Krankheiten, die ebenfalls behandelt werden müssen mit den geringen Ressourcen die dem Gesundheitssystem Deines Landes zur Verfügung stehen.

Truvada®, das jedenfalls führt die Presseerklärung der FDA aus, ist hauptsächlich an Leuten getestet worden, die zu jenen Hochrisikogruppen gehören, die es der politisch korrekten Meinung zufolge ja nicht gibt. Also Leute, die viel kondomfreien Sex mit häufig wechselnden PartnerInnen haben, Leute, die Sex mit einem Sexpartner haben, von dem sie wissen, dass er HIV-positiv ist, sex workers etc. (Die Presseerklärung der FDA sagte nicht darüber aus, ob diejenigen, die wissentlich Sex mit HIV-infizierten hatten, Bescheid wussten über die Höhe der Viruslast der Infizierten.) Nehmen wir also den schlimmsten Fall an, vermuten wir dass sie nichts darüber wussten. Nun ja, falls Du also zu einer dieser Gruppen gehörst, Du also aus Gründen, die hier unwichtig sind, russisches Roulette spielst, wirst Du wahrscheinlich musterknabenhaft Deine Chemotherapie zu Dir nehmen, täglich. Wirklich? Ich vermute, dass die 42% Effizienz (im Vergleich mit der Plazebo-Kontrolle) damit zu tun hat, dass einige (viele?) Leute in diesen Bevölkerungsgruppen Probleme damit haben, dieses Medikament diszipliniert zu sich zu nehmen. Welche Auswirkungen das über Dauer hat für Medikamenten-Resistenzen bei HIV, ist unklar. Kein Wunder, dass eine der FDA-Auflagen ist, dass Virusisolate von Leuten, die sich infiziert haben, obschon sie – hin und wieder? – Truvada® nahmen, auf Medikamentenresistenz untersucht werden müssen. Natürlich weiß auch niemand so genau, welche Auswirkungen dieses Medikament bei schwangeren Frauen hat, deshalb muss Gilead, der Truvada® Produzent, weitere Daten sammeln während das Medikament auf dem Markt ist.

Vielleicht gibt es ja tatsächlich einen Markt für dieses Medikament. Ich frage mich allerdings, wie schlau es ist, sich täglich mit Chemotherapeutika zu versorgen um unsafe sex haben zu können. Wäre es nicht besser sie warteten, bis sie infiziert sind, und dann mit der Behandlung zu beginnen? Wird für Länder, in denen die HIV Prävalenz sehr hoch ist, ernstlich vorgeschlagen, dass eine sehr große Anzahl von sexuell aktiven Leuten damit beginnt, über viele viele Jahre hinweg Chemotherapeutika zu sich zu nehmen? All dies hat etwas Absurdes an sich.

Wie ich eingangs schon bemerkte, ich bin mir nicht sicher, was von dieser Logik zu halten ist. Permanente Chemotherapie für Gesunde als eine ‚für den „Fall der Fälle“ Strategie‘. Gute Nachrichten jedenfalls für die Aktionäre von Gilead, der Firma die Truvada® produziert. Sie verdienen gut daran, gesunde Menschen mit Chemotherapie zu ‚behandeln‘.

Fairerweise sollte ich hier einräumen, dass es natürlich nichts Außergewöhnliches ist, im Zusammenhang mit Präventionsmassnahmen Gesunde zu behandeln. Man denke nur an Grippeimpfstoffe, Hepatitis-B-Impfstoffe usw usf. Der Unterschied hier liegt darin, dass Gesunden lebenslang Chemotherapeutika verabreicht werden sollen. Das hat, im Vergleich zu dem was heute sonst üblich ist, eine deutlich neue Qualität und verlangt eine sorgfältigere und tiefergehende Diskussion des Für und Wider als das bis heute geschehen ist.

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Danke an Udo Schüklenk für den Gast-Kommentar!

Der Text ist die deutschsprachige Version eines Artikels, den Udo auf seinem Blog ‚Udo Schuklenk’s Ethx Blog‚ veröffentlicht hat: Truvada and HIV Pre-exposure Prophylaxis
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HIV-positiv beim Zahnarzt: Es reicht … wann ziehen wir Zahnärzten diesen Zahn ?

Erneut hat vor wenigen Tagen ein Zahnarzt einem HIV-Positiven die Behandlung verweigert. Eine daraufhin gestartete Nachfrage der lokalen Aids-Hilfe hat bestürzende Ergebnisse geliefert: nur einer von zehn Zahnärzten vor Ort war bereit, HIV-Positive zu behandeln.

Behandlungsverweigerungen, Behandlungen nur in Nebenzeiten, oder nur in Notfällen – oft begründet mit dem vermeintlich erhöhten Hygiene-Aufwand, oder damit, man befürchte negative Konsequenzen für die eigene Praxis. Selten die direkte Antwort, man / frau habe zu wenig Kompetenz bei diesem Thema – oder schlicht Angst.

Das Robert-Koch-Instuitut hat sich hierzu bereits 2010 begrüßenswert klar geäußert:

“Die Weigerung von Zahnärztinnen und Zahnärzten, Patienten mit HIV-Infektion zu behandeln, lässt sich NICHT aus der Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention ableiten bzw. begründen. Wer sich auf diese Empfehlungen beruft, um eine diskriminierende Behandlung HIV-infizierter Patienten in der zahnärztlichen Versorgung zu begründen, setzt sich dem Verdacht aus, diesen Grund nur vorzuschieben, um eine auf Halbwissen und Ängsten beruhende Diskriminierungsbereitschaft zu verschleiern.”

Dennoch – die Weigerung von Zahnärzten, HIV-Positive zu behandeln, häufen sich – seit Jahren. Hier handelt es sich nicht (wie Verbandsvertreter gelegentlich gerne entschuldigend äußern) um ‚bedauerliche Einzelfälle‘. Zu viele dieser Fälle sind inzwischen dokumentiert (einige z.B. hier auf ondaamris unter dem Stichwort ‚Zahnarzt‘ oder auch bei Blogger alivenkickin zur Situation in Frankfurt,. Darmstadt und Dieburg: ‚HIV + der Gang zum Zahnarzt‚ und ‚Zahznärzte – besser als ihr Ruf?‚). All diese Fälle und Umfragen zeigen: dieses Problem tritt nicht vereinzelt auf, sondern seit langem immer wieder. Ob Ignoranz, Unwissen, Angst oder Dummheit beteilgt sind, mag dem betroffenen HIV-Positiven letztlich egal sein. Wichtig ist, dass sich endlich etwas ändert.

Es ist an der Zeit, dass der klaren Positionierung des RKI, den Stellungnahmen von Fachgesellschaften, den netten Worten des Bundesgesundheitsministers sowie einiger Verbandsvertreter nun auch Taten seitens der Zahnärzte folgen – dass endlich dieser Stigmatisierung und Behandlungsverweigerung durch Zahnärzte ein Riegel vorgeschoben wird.

Behandlungsverweigerung, Diskriminierung HIV-Positiver – wann ziehen wir Zahnärzten endlich diesen Zahn ?

Oder wird es Zeit, dass HIV-Positive den Deutschen Zahnärzte-Tag aufmischen, hier ihren Protest deutlich hörbar machen? Der nächste Deutsche Zahnärztetag wäre dann am 9. und 10. November 2012 in Frankfurt. Kurz vor dem Welt-Aids-Tag und der Paulskirchen-Veranstaltung der Frankfurter Aids-Hilfe … ein guter Zeitpunkt, dass Zahnärzte sich endlich dem Thema HIV stellen, Position beziehen. Und klar machen, wie sie zum Thema Behandlungsverweigerung und Stigmatisierung HIV-Positiver stehen.

‚Achtung – erhöhte Aids-Gefahr‘ – aber bitte keine Panik in der Provinz …

„Gesundheitsamt Region Kassel warnt vor erhöhter Aids-Gefahr“.

Das Gesundheitsamt Region Kassel warnt die Bevölkerung, die Formulierung erinnert an schwere Unwetter-Warnungen, spricht es doch von „erhöhter Aids-Gefahr“ – und ergänzt „wir brauchen nicht in Panik geraten“.

Was ist da schon wieder los in der Provinz? Erst im Januar 2011  „400% Zuwachs an Neuinfizierungen“ in Oldenburg, und nun das große Desaster in der Region Kassel?

„Erhöhte Aids-Gefahr“? Für wen? Und – an wen richtet sich diese Warnung?

Zwar konzediert das Gesundheitsamt, bei der festgestellten Zunahme handele es sich „mehrheitlich um Übertragungen durch homosexuelle Kontakte unter Männern“, wendet sich  aber an die Allgemeinbevölkerung und Medien – mit der Formulierung einer „Warnung vor erhöhter Aids-Gefahr“.

Warum diese „erhöhte Aids-Gefahr“ für die (überwiegend vermutlich auch in Kassel heterosexuell verkehrende) Bevölkerung so dermaßen erhöht ist, dass es einer „Aids-Warnung“ über die Medien bedarf? Kein Wort davon.

Was das Gesundheitsamt unternimmt, um in schwulen Szenen der Region (die es vermutlich ja viel eher angehen dürfte) die Information über HIV, Prävention und Test- und Beratungsmöglichkeiten zu verbessern? Kein Wort davon.

Dass Leben mit HIV heute anders ist als vor 20 Jahren, dass es Veränderungen gegeben hat – kein Wort davon.

Und davon, dass antiretrovirale Behandlung auch die Infektiosität drastisch reduziert, auch davon – kein Wort.

Statt dessen:

‘Achtung – erhöhte Aids-Gefahr’ – aber bitte keine Panik …

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Die Information des Gesundheitsamts Region Kassel:

„Das Gesundheitsamt Region Kassel gibt eine Warnmeldung bezüglich einer erhöhten HIV-Infektionsgefahr für Kassel und die Region heraus. Die Leiterin des Gesundheitsamtes Region Kassel, Frau Dr. Karin Müller, begründet dies mit einem alarmierenden Anstieg der Neuinfektionen in 2012. So seien im ersten Quartal 2012 dem Robert-Koch-Institut in Berlin sechs neue Fälle aus dem Postleitzahlbereich 341 gemeldet worden, hinzukommen noch einmal sechs Fälle allein aus dem Monat April. Damit sei, so die Amtsleiterin, bereits in den ersten vier Monaten des Jahres 2012 die Gesamtzahl der Meldungen aus 2011 erreicht worden. Im Jahre 2011 habe es nämlich 12 Fälle im gesamten Jahr gegeben.
In diesem Zusammenhang weist Frau Dr. Müller auch darauf hin, dass mit Rückblick auf die Jahre 2008 bis heute die Fallzahl im Postleitzahlbereich 341 langsam aber stetig zugenommen hat. So gab es 2008 drei Fälle, 2009 sieben Fälle, 2010 acht Fälle und im Jahre 2011 zwölf Fälle. Dies, so Frau Dr. Müller kann uns nicht gleichgültig lassen.
Wie die Auswertung der anonymisierten Meldebögen im Robert-Koch-Institut in Berlin ergeben hat, handele es sich mehrheitlich um Übertragungen durch homosexuelle Kontakte unter Männern. Das entbinde jedoch niemanden von der Verantwortung im Umgang mit seinem Partner/seiner Partnerin, ganz gleich, ob es sich um männliche homosexuelle Kontakte, heterosexuelle Kontakte oder lesbische Kontakte handele. „Wir brauchen nicht in Panik zu geraten“ so Frau Dr. Müller, „aber wir haben allen Grund die Bevölkerung an ihre Verantwortung im Umgang mit ihren jeweiligen Sexualpartnern/innen zu erinnern. Das heißt in erster Linie und vor allem, dass mit Ausnahme treuer Zweierbeziehungen beim Sex immer ein Kondom benutzt werden sollte“. Sie führt die steigenden Fallzahlen in der Region unter anderem auch darauf zurück, dass die zunehmend besseren Behandlungsmöglichkeiten für HIV-Infizierte zu einem gewissen Leichtsinn verleiten. Darüber hinaus könne speziell die junge Generation die Mitte der 80er Jahre erlebte Angst vor einer damals tödlich bedrohlichen Erkrankung wohl zum Teil nicht mehr nachvollziehen und handele deshalb unvorsichtig.
„Schützen Sie sich und Ihre/n Partner/in durch verantwortungsvollen Sex und die Benutzung von Kondomen“ so der abschließende Appell der Gesundheitsamtsleiterin.“

Mittelalter à la grecque ? – griechische Polizei stellt HIV-positive Frauen öffentlich an den Pranger

Hat Athen mitten in der Krise nun den Pranger wieder entdeckt? Diesmal in der ‚modernen‘ Kombination Aids, Prostitution – und Internet und Polizei?

Elf Frauen, jede mit Namen, Geburtsdaten und Photos – öffentlich als an Aids erkrankt bezeichnet, im Internet, auf einer offiziellen Seite, einer Seite der griechischen Polizei …

Was ist geschehen?

„Aids-Angst in Athen“ oder „Aids: Behörden suchen Freier“ titeln die Medien. Den Hintergrund, ja Anlass für aktuelle Berichte liefert – die griechische Polizei und Staatsanwaltschaft.

Etwa einhundert nicht registrierte Prostituierte haben die Behörden in Athen festgenommen, auf dem Straßenstrich und in illegalen Bordellen. Sie wurden auf  Veranlassung der griechischen Gesundheitsbehörden (KEEL.PNO) mit mobilen Tests auf HIV untersucht – ob freiwillig, darüber sagen die Medienberichte nichts. Elf von ihnen wurden HIV-positiv getestet.

Und  nun sucht die Staatsanwaltschaft Athen nach Freiern, die Sex mit diesen Frauen hatten. Dazu ordnete sie an (!), Bilder dieser Frauen zu veröffentlichen (!) – im Internet (!).

Um ‚die Kunden zu warnen‘, wie es heißt – und vielleicht auch, um etwaige Kunden nicht nur zu einem HIV-Test zu bewegen, sondern auch zu einer Anzeige zu motivieren. Die Frauen hatten den Berichten zufolge gestanden, Sex ohne Kondome gehabt zu haben.

So finden sich seit dem 1. Mai 2012 nun auf einer offiziellen Internetseite der Athener Polizei (hier; ergänzt um eine Pressemitteilung) 22 Fotos – jede der elf Frauen ist in einer Ganzaufnahme sowie einer Gesichts-Aufnahme zu sehen. Alle elf Frauen werden nicht nur in je 2 Photos gezeigt, auch ihr voller Name sowie Geburtsort und Geburtsdatum werden genannt. Das Ganze unter dem Titel „Bekanntmachung der Veröffentlichung von Photos von elf Frauen, die einer Gesundheitskontrolle zufolge AIDS haben“.

Griechische Medien berichten seit einigen Tagen breit über die Verhaftungen und HIV-Tests – und auch deutsche Medien greifen das Thema inzwischen auf.

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Erschüttert sehe ich erste Meldungen. Recherchiere ein wenig [danke, A.!]. Stoße bald auf die Internetseite der griechischen Polizei, die die Photos von elf Personen mit Namen und Geburtsdaten veröffentlicht.

Bin erschüttert, fassungslos.

Geht’s noch?

Mittelalter in Zeichen des Internets?

Pranger à la grecque?

Haben die Frauen keinerlei Persönlichkeitsrechte?

Gibt es keinen Datenschutz?

Oder waren sie etwa mit der Veröffentlichung ihrer Photos  und Daten einverstanden?

Hat irgend jemand die Freier gezwungen, beim Sex auf die Benutzung von Kondomen zu verzichten?

Oder haben die Freier – und nicht die Prostituierten – vielleicht eher selbst nach „Sex ohne“ (Kondom) verlangt?

Werden die Freier jetzt eigentlich auch öffentlich an den Pranger gestellt? Mit Foto und Geburtsdaten? Weil sie ohne Kondome zu benutzen Sex mit Prostituierten hatten?

Niemand darf wegen seiner HIV-Infektion an den Pranger gestellt werden.

Dies gilt für jeden Menschen – unabhängig u.a. auch von seiner Tätigkeit, unabhängig von seinem Aufenthaltsstatus.

Im Umgang mit Medien erleben Menschen mit HIV schon seit Jahren oft genug keinen Respekt – und erwarten ihn doch, selbstverständlich.

Respekt, Sensibilität –  gerade von staatlichen Stellen sollte ihn jeder Mensch  mit HIV erwarten dürfen. Und nicht das Gegenteil – öffentlich an den Pranger gestellt zu werden.

Oder rechtfertigt Aids hier – wieder einmal – jedes Mittel?

Wenn wir dies ohne Protest hinnehmen – befinden wir uns bald wieder im Mittelalter.

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Pranger im Folter-Museum Freiburg (Foto: Flominator)
Pranger im Folter-Museum Freiburg (Foto: Flominator)

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siehe auch
The Times That Belong To Us 03.05.2012: Greek brothel arrests
DAH 06.05.2012: Hilflos gefangen in den Netzen der Huren?

Kondome – ein verblassender Mythos?

„Kondome sind nicht die niedlich geredeten „flutschigen Dinger“ aus den frühen Anzeigen der Deutschen Aids Hilfe. Sie sind nicht „in“, schick, schrill oder der letzte Schrei. Soviel Spaß kann das gegenseitige Überstreifen nicht machen, wir wären sonst früher darauf gekommen“ wettert der leider an den Folgen von Aids früh gestorbene Detlev Meyer 1988 in einem Leporello für die Deutsche Aids Hilfe, um dann allerdings zu konstatieren, dass es aber zu ihnen keine Alternative gibt.

Auch wenn das Kondom lange als Goldstandard der Prävention galt, sind, wie Martin Dannecker immer wieder feststellt, die Vorbehalte gegen das Kondom geblieben, sei es aus der Sicht der Positiven die Erinnerung an die eigene Infektion, sei es allgemein in der Behinderung sich im Akt unkontrolliert treiben zu lassen, den Impulsen des Augenblicks zu folgen, sich zu verschmelzen, zu verströmen, den anderen aufzunehmen.

Daneben gab es immer die ideologischen Vorbehalte etwa der katholischen Kirche. Der Münchener Aids Hilfe wurde untersagt, Kondome in Kneipen zu verteilen, weil dies gegen das Ladenschlussgesetz verstoßen sollte, Saunen für schwule Männer wurde wegen der Bereitstellung von Kondomen die Schließung angedroht. Die Zerschlagung der schwulen Szene wurde gefordert.

Als nächstes erlebten wir einen Diskurs, schwule Kneipen und Saunen zu belangen, wenn sie keine Kondome zur Verfügung stellen. Gebots- und Verbotsphantasien sind für das schwule Leben und für den Bereich der gewerblichen Sexarbeit ständiger Begleiter seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Der Bundes Zentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Deutschen Aids Hilfe verdanken wir, dass Kondome heute nicht mehr nur im Zwielicht der Herrentoiletten aus dem Automaten zu beziehen sind sondern als ganz alltägliche Gebrauchsartikel angesehen werden, die neben der Schwangerschaftsverhütung vor allem ihre Bedeutung in der Verhütung sexuell übertragbarer Krankheiten haben.

Dabei ist für das schwule Leben das Kondom erst einmal auf die Vermeidung der HIV-Übertragung fokussiert worden und so getan worden, als könne man jede Infektion vermeiden, als sei das mit dem Safer Sex doch ganz einfach. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt postulierte dann auch, dass man von 50 Jährigen doch wohl erwarten könne, dass sie wissen, wie es geht. Merkwürdigerweise richteten sich diese Erwartungen der Politik nur an die schwulen. Männer.

Es gibt ja ein Paradox. Auf dem Hintergrund der unterschiedlichen Prävalenz infizieren sich mehr schwule als heterosexuelle Männer mit HIV, obwohl sie sich im Schnitt wesentlich besser schützen als die heterosexuellen. Von Kondomquoten von etwa 70 % bei insertivem Sex im Rahmen flüchtiger Begegnungen kann man für das heterosexuelle Leben doch nur träumen. Würden schwule Männer das heterosexuelle Verhalten übernehmen, hätten wir deutlich höhere Infektionsraten. Dennoch wurde bei jeder Veröffentlichung des RKI darüber spekuliert, was denn schon wieder mit den schwulen Männern los ist. So entdeckte man – darauf bezog sich der Kommentar der Ministerin – die besonders riskierten Älteren. Bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, dass lediglich geburtenstarke Jahrgänge aufgerückt waren.

Martin Dannecker erkennt hinter der Frage, wie man sich heute noch infizieren kann, einen gewissen Pathologieverdacht, eine Schuldzuweisung, das Konstatieren eines Scheiterns. Dabei wird übersehen, dass es sich bei kondomfreier Sexualität im Grunde um ein völlig natürliches Verhalten handelt, das den Heterosexuellen ganz selbstverständlich zugestanden wird. Trotzdem wird das Kondom von schwulen Männern, wie Michael Bochows Studien belegen, in breitem Maße angewendet. Es ist für Dannecker eines der beeindruckendsten Ergebnisse der Präventionspolitik und der Individuen, wie sehr Verhalten geändert wurde.

Als schwuler Mann ist man im Austarieren von Nähe und Distanz gut beraten, sich die Auswirkungen der unterschiedlichen Prävalenzen klar zu machen, was bei flüchtigen Kontakten zur Sinnhaftigkeit des Kondomgebrauches führen kann. Aber man muss doch auch verstehen können, dass Individuen sich situativ oder habituell anders entscheiden, andere Bedürfnisse nach Nähe, Verschmelzung und Verströmen haben.

In diese seelische Gemengelage, die mit dem Kondom jedenfalls nicht wirklich für alle befriedigend aufzulösen war, geriet nun die Erkenntnis, dass der gut therapierte HIV infizierte Mann das ideale Gegenüber für völlig ungeschützten Sex ist. Sie wurde aber durch Bilder überdeckt, die immer noch die Gefahren an einer epidemiologisch völlig unbedeutenden Ecke theoretischer Restrisiken auch beim gut Therapierten betonte und damit auch verortete. Und dann gibt es unterschiedliche Wissensstände, Vertrautheiten, Bilder von HIV, Aids und seiner Übertragung. Das macht die Sehnsucht nach einfachen Lösungen erklärlich. Das Leben hält nur keine einfachen Lösungen bereit und ungefährlich, seelisch oder körperlich, war Sexualität noch nie.

Getrieben war der Diskurs nicht etwa von dem Bemühen, den Menschen mehr Handlungsoptionen zu geben sondern von der Angst, jetzt nehme niemand mehr ein Kondom. Alle sexuell übertragbaren Krankheiten würden nun fröhliche Urstände feiern. Und weiss nicht jede Schwerpunktpraxis von den wiederholten Syphilis und Hepatitis C Infektionen ihrer positiven Patienten zu berichten? Und war nicht vor Jahren eine Barebackdebatte im Gang, die mal wieder zu übelsten Verbotsphantasien führte? Dabei geht es im Kern darum, dass im wesentlichen Positive in relativ geschlossenen Zirkeln untereinander wegen HIV keinen Schutz mehr brauchen und den Rest als tolerierbar für ihr Leben ansehen, jedenfalls als den geringeren Preis gegenüber dem Triebverzicht. Anders ist die statistische Verteilung, die die Syphilis und Hepatitis C -Infektionen im wesentlichen bei den positiven Männern zeigt, nicht zu erklären.

Vielen Menschen gelingt es, eine Kompromisslösung zwischen dem Gesundheitsdiktat, mit dem sie ständig auf Risiken hingewiesen werden und dem, was sie individuell wollen, zu finden. Das Aushandeln der Rahmenbedingungen der Sexualität im Rahmen der negotiated Safety ist eine Antwort der Seelen. Da hat sich erfreulicherweise etwas Bahn gebrochen, worauf die Seele nicht ohne Schaden verzichten konnte. Die strikten Ge- und Verbote vorher haben den Menschen individuell nicht gut getan.

Nach der CROI 2012 in Seattle erwartet uns ein neuer Diskurs. Pietro Vernazza stellt auf Infekt.ch eine Studie vor, die belegt, dass die PrEP mit 4 x wöchentlich Truvada sicher ist. Wir lassen jetzt mal die ethischen Fragen beiseite, ob es vertretbar ist, HIV Medikamente zur Prävention einzusetzen, solange weltweit – und übrigens auch in Deutschland für Nicht Krankenversicherte – der Zugang zu medizinisch notwendigen Therapien nicht gesichert ist. Wir lassen beiseite das alte Phänomen, dass Gesundheitsschutz auch eine Frage des Geldes ist. Mit etwa 400 € im Monat ist die pharmazeutische Prophylaxe nicht gerade billig. Aber vielleicht wird sich erweisen, dass die Pille davor und danach, oder vielleicht nur davor, oder vielleicht mit billigeren Substanzen auch reicht.

Interessant daran ist zweierlei. Es verweist darauf, dass Schutz vor HIV eine ganz egoistische Triebfeder hat. Die Verantwortungsdebatte der letzten Jahre, die die Gefahr beim wissenden Positiven verortete, ging an dem Problem vorbei, dass die weitaus überwiegende Mehrzahl der HIV Infektionen zwischen Menschen stattfindet, die mehr oder weniger guten Gewissens davon ausgehen, nicht positiv zu sein. Ebenso wie die schädlichen Strafverfahren verstärkte die falsche Zuschreibung der Verantwortung an die Positiven die Möglichkeit, HIV als etwas zu betrachten, dass nicht mit dem eigenen Lebensstil verbunden ist sondern als etwas Außenstehendes.

Zum zweiten ist schon bemerkenswert, dass dieselben Forscher, die sich vehement auf die Restrisiken bei der Erklärung der EKAF zur Nichtinfektiosität unter Therapie gestürzt haben und sie nicht laut genug und wider besseres Wissen verkünden konnten, jetzt erhebliche Energien in die Erforschung der doch eher elitären PREP investieren.

Wenn jetzt endlich in diesem Zusammenhang breit öffentlich kommuniziert wird, dass die Therapien hoch wirksam sind, nicht nur in der Verhinderung der Progression der Krankheit sondern auch im Liebesleben, soll es mir recht sein. Denn nur eine wahrhaftige und realistische Schilderung dessen was HIV und Aids heute in unseren Breiten sind, bereitet den Boden für einen unaufgeregten Umgang.

Und der beinhaltet für Paarungen im Rahmen eines vertrauensvollen Umgangs möglicherweise die ART als Schutz vor der Übertragung von HIV, für den Selbstschutz für einige wenige die PrEP, für viele das Praktizieren nicht HIV-relevanter Praktiken und für die vielen flüchtigen Begegnungen das Kondom oder das Femindom. Mancher entscheidet sich habituell oder situativ dafür mit dem Risiko einer Infektion zu leben. Das darf er auch, so wie andere das Risiko von Sportverletzungen eingehen oder sich überhaupt den Gefahren des Alltags aussetzen.

Es kann einem aber auch in der Berliner Scheune passieren, dass ein Mann erklärt: „Hier muss man es ja extra sagen. Ich bin negativ und möchte es auch bleiben“. Da ist es doch sehr komfortabel antworten zu können. „Das ist doch kein Problem. Es gibt Gummis und Handschuhe. Ich bin positiv, seit langem unter der Nachweisgrenze. Da wäre es noch nicht mal tragisch, wenn irgendetwas mit einem Pariser schief geht.“ Die Verkaufszahlen für Kondome steigen übrigens immer noch an. Es ist halt ein bewährtes Hilfsmittel gegen sexuell übertragbare Infektionen und gegen die Ängste.

Ich jedenfalls bin der Forschung, der Pharmaindustrie und den Ärzten dankbar, dass die Bandbreite der Verhaltensmöglichkeiten erweitert wurde und dies inzwischen auch endlich offen kommuniziert wird.

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(Bernd Aretz)

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Auch 2015 kann ‚Safer Sex ohne Kondom‚ noch Aufregungen verursachen …

„Gauweiler“ bringt’s nicht. Ob in der light-Version oder Hardcore. oder: Kriminalisierung der HIV-Übertragung stoppt die Verbreitung des Virus nicht, sondern befördert sie.

Ein 17-jähriger Österreicher ist Anfang März am Landesgericht Feldkirch zu drei Monaten bedingter Haft verurteilt worden. „Auch wenn ein Kondom verwendet worden wäre, würde dies nichts an der Strafbarkeit ändern“, erklärte der Richter.
Dazu ein Gast-Kommentar von Carsten Schatz:

„Gauweiler“ bringt’s nicht. Ob in der light-Version oder Hardcore.

oder

Kriminalisierung der HIV-Übertragung stoppt die Verbreitung des Virus nicht, sondern befördert sie.

Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass wieder einmal ein Richter einen HIV-Positiven verurteilt hat, weil der, nach den Maßstäben des Richters, nicht ausreichend dafür gesorgt hat, seine Infektion nicht weiter zu verbreiten.

Da sind sie wieder: die unverantwortlichen Viren-Schleudern.

Genau von diesem Bild ging seinerzeit der Herr Gauweiler aus, als er den berüchtigten Bayerischen Maßnahmenkatalog vorschlug, um die HIV-Epidemie in Deutschland zu bekämpfen. Massentestungen und Absonderungen waren sein Vorschlag. Ein massiver Eingriff in die freiheitliche Verfasstheit dieser Gesellschaft, der von vielen zurückgewiesen wurde und letztlich auch besiegt werden konnte. Durchgesetzt hat sich eine Präventionspolitik, die von der Entscheidungsfähigkeit und Verantwortung von Menschen ausgeht.

Außer im Bereich der Justiz. Zeitgleich zur damals tobenden Debatte wurde auch in Deutschland ein Prozess bis zum Bundesgerichtshof durchgereicht, der schließlich höchstrichterlich eine Konstruktion auf den Weg brachte, nach der auch heute immer noch Menschen mit HIV verurteilt werden.

Der Fall um den es hier geht, ereignete sich nicht in Deutschland, sondern in unserem Nachbarland Österreich. Doch es geht uns was an.

Weil mit jeder Verurteilung ein Bild von Menschen mit HIV reproduziert wird, das uns nicht weiterhilft, im Gegenteil eher dazu führt, dass die Zahl der HIV-Infektionen nicht zurück geht, sondern zunimmt.

Warum?

Wir wissen heute, dass der Großteil neuer Infektionen in Situationen entsteht, in denen eine oder einer der Beteiligten nicht wissen, dass sie HV-positiv sind. Das schützt sie in der deutschen, aber auch in vielen Rechtsordnungen vor der Strafverfolgung. Verfolgt werden kann nur eine oder einer, der von seinem Sero-Status weiß. Nun frage ich: Wie groß ist die Motivation, sich ein Testergebnis abzuholen, das ich vermutlich schon erahnen kann, das mir jedoch eher Nachteile und im schlimmsten Fall ins Gefängnis bringt? Meine These: Nicht so groß.

Wenn wir aber andererseits heute wissen, dass es unter medizinischen Aspekten von Vorteil ist, eine frühe Diagnose zu stellen, um früh behandeln zu können und so auch die Viruslast in den Körperflüssigkeiten zu senken, um damit auch die Übertragbarkeit von HIV deutlich zu erschweren oder gar zu verhindern, dann schließt das eine das andere aus. Denn die Botschaft jeder Verurteilung ist klar: Wissen macht strafbar. Egal, was Du tust.

Nach allem, was ich über die Strafverfolgung von HIV-Übertragungen gelesen und mitbekommen habe, geht es um nichts anderes, als um den staatliche Eingriff in die Privatsphäre von Menschen, ein merkwürdig voyeuristisches Verlangen der Normierung und letztlich auch öffentlichen Anklage von sexuellen Verhaltensweisen, die nach wie vor als nicht der Norm entsprechend beurteilt werden.

Und da habe ich insgesamt noch nicht über gemeinsame Verantwortung und den berühmten Satz: „HIV bekommt man nicht, das holt man sich!“ gesprochen.

Mein Plädoyer bleibt klar: Solange die gesellschaftlichen Tabus hinter einer HIV-Infektion, Sexualität und Rausch nicht ohne Drama und Hysterie debattiert werden können, bleibt die Gefahr einer HIV-Infektion bestehen. Sie gehört auf individueller Ebene zum allgemeinen Lebensrisiko. Wir können dieses Risiko minimieren, aber nicht gänzlich ausschließen – solange HIV nicht heilbar ist, also aus dem Körper entfernt werden kann.

Was Gesellschaft – also wir alle – kann, ist Bedingungen zu schaffen unter denen Menschen verantwortlich Entscheidungen für sich treffen können, mit anderen und auch für andere. Dafür brauchen sie Wissen, Fakten und eine Umgebung, die dies befördert und ihnen nicht vorgaukelt: Mach mal, Vater Staat schützt Dich schon.

Das ist eine trügerische Sicherheit, die zu ihrer Aufrechterhaltung immer neue Exempel braucht.

Aus diesem Teufelskreis müssen wir ausbrechen und die Kriminalisierung der HIV-Transmission endlich beenden.

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Carsten Schatz ist Vorstandsmitglied der Deutschen Aids-Hilfe e.V.

Wir sind nicht nur Leidende und Opfer, wir gestalten unser Leben selbst !

offener Brief an Herrn Kohlbacher, Geschäftsleiter der Aids-Hilfe Schweiz:

Sehr geehrter Herr Kohlbacher

Ihr Interview im Tagesanzeiger vom 2.März 2012 veranlasst mich Ihnen offen und öffentlich zu schreiben. Ich schreibe Ihnen persönlich, als HIV-positive Frau und als AIDS-Aktivistin.

Darf ich Sie fragen mit welchen Zahlen Sie Ihre Aussage betreffend den grossen psychischen Problemen von Menschen mit HIV und AIDS, und der hohen Selbstmordrate, in der Schweiz belegen? Meines Wissens sind immerhin rund 70% der Menschen mit HIV und AIDS berufstätig, was sich mit grossen psychischen Problemen eher schwierig gestalten würde.

Ich stosse mich enorm an dieser einseitigen Darstellung von Lebensrealitäten von Menschen mit HIV und AIDS im Jahre 2012. Wir sind nicht nur Leidende und Opfer, wir gestalten unser Leben durchaus selbst und auch erfolgreich. Selbstverständlich ist das gesellschaftliche Stigma, durch Unwissenheit und Vorurteile, nach wie vor hoch und es gibt vieles an Ungleichbehandlung und Diskriminierung. Nach wie vor werden Menschen mit HIV und AIDS kriminalisiert und in Versicherungsfragen unnötig benachteiligt. Auch im privaten Leben gibt es immer wieder Unschönes zu erleben – aber Sie scheinen mir hier doch sehr zu einseitig zu kommunizieren.

Ich gehe davon aus, dass diese Darstellung der Aids-Hilfe Schweiz (und den erhofften Spenden) und ihrer Legitimation als Patientenorganisation dienlich sein soll.

Davon habe ich nach 18 Jahren AIDS-Aktivismus nun endgültig genug. Menschen mit HIV und AIDS haben der Aids-Hilfe über Jahrzehnte Glaubwürdigkeit verschafft, die ihr längst nicht mehr gebührt. Nebenbei: Wissen die Spendenden denn, dass nur ein Teil der Spenden, seit Jahren (!), Menschen mit HIV und AIDS in Form von Direkthilfe oder Projekten zu Gute kommt? Vielmehr wird damit die Geschäftstelle (33%) und die Primärprävention (24%+15%) unverhältnismässig hoch berappt. Tatsächlich bezahlt das BAG Ihnen keine Gelder für Menschen mit HIV/AIDS, aber Sie scheinen zu vergessen, dass dies das BSV bis anhin immer tat! (Immerhin geht dies aus der Jahresrechnung 2010 der Aids-Hilfe Schweiz hervor (pdf).

Das dauernde Hochhalten der armen, ausgegrenzten leidenden Menschen mit HIV/AIDS, die sich verstecken müssen, ihre Stellen verlieren und eine ungleich hohe Selbstmordrate haben, fördert wohl eher die Ausgrenzung anstatt die Inklusion, eventuell noch Mitleid und Spendengelder und nicht zu unterschätzen das Selbststigma.

Kurz es beleidigt mich und andere Menschen mit HIV und AIDS in der Schweiz.
Unsere Realitäten sind um einiges vielfältiger lebendiger und selbstbewusster!

Wir sind Teil der Gesellschaft- wir müssen es nicht erst noch werden. Und wir lassen uns nicht dauernd zu Opfern stilisieren, damit die Aids-Hilfe weiterhin behaupten kann, wir bräuchten sie, während es doch genau umgekehrt zu sein scheint. Ich hoffe in Zukunft verzichten sie auf solche Augenwischereien und werden immerhin denen, die sie angeblich vertreten, etwas gerechter in ihrer öfftenlichen Kommunikation. Ansonsten wäre es endlich an der Zeit öffentlich klar zu bekennen, dass die Aids-Hilfe eine Service-Organisation ist welche allerhöchstens Stellvertretung praktiziert und vorallem Menschen mit HIV und AIDS zur eigenen Glaubwürdigkeit braucht bzw. für Stellenprozente, Subventionen und Spendenaquise instrumentalisiert.

Beste Grüsse

Michèle Meyer
AIDS-Aktivistin

HIV-Alarm? Infektionswelle? Und was sagt meine Oma dazu?

„HIV-Alarm“, gellen die Schlagzeilen. Was ist da los? Die Leserin, der Leser mag (soll?) erschrecken – was ist denn jetzt wieder los? Drohen neue Infektionswellen, gar ein Rückfall in die furchtbaren alten Aids-Zeiten? Ist es schon wieder so furchtbar? Schauen wir einmal nach …

HIV-Alarm in St. Gallen„, gellt es aus dem Internet-Nachrichten des Schweizer Fernsehens, „Präventionsstellen in Sorge“. „Deutlich mehr HIV-Infektionen“ berichtet das St. Galler Tageblatt, der ‚Bote der Ur-Schweiz‘ hingegen erkennt nüchtern eine „Häufung von HIV-Infektionen in St. Gallen“.  Ein „neuer Infektionsherd“ lauert, sorge laut Schweizer Fernsehen „für Schlagzeilen“. Es muss also tatsächlich schlimm sein. Vielleicht sehr schlimm? Es sieht so aus. „Überdurchschnittlich viele HIV-Ansteckungen in St. Gallen„, vermelden die TV-Nachrichten des gleichen Senders.

Hören wir genauer hin, lesen wir nach, halten wir inne.

Wer ist betroffen? „Auffällig viele homosexuelle Männer“ seien es, melden die TV-Nachrichten. Und, schlimmer noch, es geht um Männer die sich teiweise „bei männlichen Prostituierten angesteckt“ hätten. Waren da etwa gewissenlose Stricher am Werk? Und unschuldige Opfer, die mit HIV infiziert wurden? Eine Meldung immerhin, die das Kantonsspital später korrigiert – genauer dementiert und in das Gegenteil korrigiert (ohne dass die Pressemeldung des Kantons korrigiert wurde): „Im Bericht von SF-DRS wird gesagt, dass eine Quelle für diese Infektionen ein Mann sei, der sich prostituiere. Dies entspricht aber nicht unseren Informationen. Wir wissen, dass mindestens ein Mann, der Sex gegen Geld anbietet, auch Opfer dieser Infektionswelle geworden ist. Den umgekehrten Weg haben wir bisher nicht nachgewiesen bei diesen neu diagnostizierten Personen.“

Wer schlägt Alarm? Besorgte Präventions-Arbeiter, oder eine lokale Aids-Hilfe? Irritierte oder hilflose Patienten? Besorgte Krankenkassen? Nein,keiner davon. „Die Staatskanzlei im Kanton St. Gallen schlägt Alarm“, berichtet der TV-Beitrag. Die Staatskanzlei.

Und worum geht es? Genau, es geht, wie es das Kantonsspital vermeldet, um „Handlungsbedarf“. „Der [Kantons-; d. Verf.] Arzt bietet darum in der Schwulenszene von St. Gallen derzeit Tests vor Ort an“, berichten die Nachrichten, „mobile Teams in Saunas, Bars und Discos“. Das Kantonsspital meldet auch den Hintergrund: „Grund für die Information waren die Ergebnisse der Abklärung von frischen HIV Diagnosen in diesen Wochen. Es zeigte sich nicht nur, dass ein grosser Teil der neuen Diagnosen auf eine kürzlich zurückliegende Infektion zurückzuführen sei, sondern auch dass ein grosser Teil der frisch infizierten Personen mit demselben Virus angesteckt wurden.“ Auch hier wieder: „viermal mehr Patienten“ werden beklagt.

Aber – wie viele Menschen sind denn nun von dieser „Welle“ betroffen in St. Gallen? Der TV-Beitrag weiß zu berichten von „deutlich mehr“ Ansteckungen. Und die TV-Nachrichten konkretisieren „Viermal mehr Personen als im Vorjahr“ seien betroffen. Viermal so viele, das sieht schlimm aus, sehr schlimm. Und der St. Galler Chefarzt befürchtet sogar, „dass sich noch weitere Männer angesteckt haben“. Die Zahlen können also steigen, immer weiter steigen. Das klingt ganz furchtbar.

Schauen wir einmal in die Zahlen. Schließlich schlagen die Nachrichten doch Alarm, sprechen vone einer Infektionswelle, die duch St. Gallen rolle. Um wie viele HIV-Neudiagnosen geht es denn? Moment – die Zahlen werden ja in den Berichten zunächst gar nicht genannt. Viermal so viel – das klingt gewaltig, es muss schlimm hergehen in St. Gallen. Aber – viermal so viel von was, von welchem Ausgangswert? Haben sich in St. Gallen gerade Hunderte, womöglich Tausende mit HIV infiziert?

Die Medienbrichte basieren auf einer Pressemitteilung des Kantons St. Gallen „Gehäufte HIV-Infektionen in der Ost-Schweiz„. Auch hier ist die Rede von „deutlich mehr HIV-Infektionen“ (und, nebenbei, wieder und bisher unkorrigiert vom „Umfeld von käuflichem Sex“). Es folgen Verweise auf Safer-Sex-Regeln und den HIV-Test – aber keine konkreten Zahlen. Wir bleiben ratlos. Zumal auch das Kantonsspital auf seiner Seite von „viermal mehr Patienten“ spricht – aber keine absoluten Zahlen nennt.

Dann suchen wir einmal die Zahlen. Nach den grellen Schlagzeilen blendet der TV-Beitrag kurz eine Grafik ein, eine Grafik des Kantonsspitals „Neueintritt ambulanter Patienten mit HIV-Infektion“. Bei genauerem Betrachten (die Stop-Taste hilft) ist zu erkennen: im vergangenen Jahr wurden am Kantonsspital St. Gallen pro Monat durchschnittlich ein bis fünf  neue HIV-Patienten aufgenommen (im Januar 2011 vier; über das Jahr durchschnittlich drei). Im Januar 2012 aber „ist die Zahl explodiert“ – es kamen 13 neue HIV-Patienten. 13 – einzig noch DRS1 regional vermeldet diese absolute Zahl in einer kurzen Notiz.

Einen HIV-Test zu propagieren, gerade wenn es risikobehaftete Sitautionen oder Konstellationen gegeben hat, das mag gut und sinnvoll sein. Aber – rechtfertigt das alarmistische Schlagzeilen von „HIV-Alarm“ und „Infektionswelle“?

Oder ertönt hier ‚Begleit-Musik‘, gar ein Ablenkungs-Manöver? Schließlich wird in St. Gallen gerade auch eine Klage verhandelt, Ehemann und Tochter einer an den Folgen ihrer HIV-Infektion verstorbenen Frau verklagen eine Ärztin, die Unterlassung eines HIV-Tests während der Schwangerschaft habe den Tod der Frau verursacht; sie fordern 1,5 Mio. Schweizer Franken Schadenersatz.

Wurden große Schlagzeilen produziert, um ‚mal wieder in den Medien zu sein‘? Oder ‚um auch mal was mit MSM zu machen (und nicht mit serodifferenten heterosexuellen Paaren)? (Was, nebenbei, die Frage aufwirft, warum werden nun zwar Schwule (MSM) angesprochen, sich auf HIV testen zu lassen – nicht aber die Sexworker (Stricher), die gezielt mit in die Berichte eingebracht wurden?)

Viele Frage. Es bleibt der bittere Eindruck von effekthascherischen Schlagzeilen, die die Frage nach dem Grund aufwerfen.
Mir kommen Erinnerungen an den „Schock zu Neujahr: Tausende absichtlich mit HIV infiziert – oder doch nicht?

Ohne einen Anstieg der Zahlen verharmlosen zu wollen – mich erinnert diese Art, Schlagzeilen zu generieren an meine Oma.
Die hätte, wenn jemich kleine Zahlen gaaanz gross aufgeblasen hätte, gesagt „Junge nun hör mal auf aus einer Mücke einen Elefanten zu machen“, und ergänzt „nun laß mal die Kirche im Dorf“.


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Nachtrag:
27.02-2012, 10:15: „HIV-Massentests für Schwule“ kündigt die NZZ an. „Die schnelle Verbreitung des HI-Virus in St. Gallen hat mit dem sexuellen Verhalten von schwulen Männern zu tun.“

„Wir setzen auf einsichts- und lernfähige Menschen“

Düsseldorf Januar 2012: Spezialkräfte der GSG-9 verhaften einen Aidshilfe-Mitarbeiter unter dem Verdacht, die rechtsextreme Terror-Gruppe ‘NSU’ unterstützt zu haben. Wie kommt ein (ehemaliger) Rechtsextremer zur Aids-Hilfe?

Die Aids-Hilfe Düsseldorf hat sich in Reaktion auf die Verhaftung in einer Presseerklärung „von der rechten Szene und ihrem Gedankengut“ distanziert. Bei vielen Mitgliedern, Klienten und Angestellten hat die Verhaftung vermutlich Bestürzung ausgelöst, Fragen aufgeworfen. Die Aids-Hilfe Düsseldorf steht derzeit zudem unter erheblichem medialem Druck. Partner in Politik ebenso wie Unterstützer und Geldgeber haben Erwartungen, fordern vermutlich klare Worte. Insofern ist die Distanzierung der Aids-Hilfe Düsseldorf verständlich, vermutlich auch richtig, vielleicht sogar hinreichend.

Dies ist sie jedoch nicht für den Dachverband, die Deutsche Aids-Hilfe (die sich bisher außer in Form einer Übernahme der Düsseldorfer Presseerklärung nicht zu dem Vorgang geäußert hat).

„Recht auf Selbstbestimmung, Teilhabe und Solidarität“ und „verantwortungsvoll und solidarisch mit den Bedrohten und Betroffenen umgehen“ – Werte wie diese stehen im Mittelpunkt es Grundverständnisses von Aidshilfe, so formuliert im Leitbild der Deutschen Aids-Hilfe. „Deshalb setzen wir in unserer Arbeit auf das verantwortliche Handeln vernunftbegabter, einsichts- und lernfähiger, freier und gleichberechtigter Menschen“.

Politischer Extremismus egal welcher Richtung (insbesondere, aber nicht nur in seiner gewaltbereiten Form) ebenso wie religiöser Fundamentalismus (egal welcher Glaubensrichtung) bedrohen und gefährden diese Werte, diese Basis der Arbeit von Aidshilfe. Schon aus diesem Grund muss Aidshilfe in ihrem Reden und Handeln immer auch ihre Werte reflektieren und sich aktiv für sie einsetzen.

Sich von Extremismus und Fundamentalismus zu distanzieren, aktiv gegen sie und für Freiheit und Solidarität einzusetzen sollte also zum Wesen des Handelns von Aidshilfe gehören.

Ein Distanzieren von Extremismus und Fundamentalismus – wie es jetzt die Aids-Hilfe Düsseldorf gemacht hat – ist somit nicht nur verständlich. Es sollte für jede Aidshilfe selbstverständlich sein.

Distanzierung darf jedoch nicht alles sein. Aktive Schritte des Engagements gegen Extremismus sind erforderlich. Dieses Engagement darf nicht nur Lippenbekenntnis sein, es muss reales Handeln beinhalten.

Hierzu gehört dann auch, Aussteigern aus dem Extremismus, aktuell: der rechten Szene, eine reale Chance zu geben, eine Chance auf Neubeginn, auf einen persönlichen, menschlichen wie auch beruflichen Neuanfang.

Chance auf Neuanfang für Aussteiger, dies ist gesellschaftlich wie politisch wichtig im Engagement gegen Extremismus und Fundamentalismus. Und hier ist selbstverständlich auch Aidshilfe gefordert. Chancen geben, dies beinhaltet auch: Risiken eingehen. Risiko und der Umgang mit Chancen und Risiken – Themenfelder, die für Aidshilfe nichts Unbekanntes sind.

Dass die Aids-Hilfe Düsseldorf einem Aussteiger aus der rechten Szene diese Chance auf Neuanfang gegeben hat, ist also nur konsequent. Und es ist zu begrüßen.

Die Deutsche Aids-Hilfe ist gefordert, nicht nur das Selbstverständliche zu sagen, die Distanzierung von Extremismus und Gewalt. Sondern auch das Unbequemere:

Es ist wichtig, Aussteigern eine Chance auf Neuanfang zu geben.
Die Aids-Hilfe Düsseldorf hat, indem sie Carsten S. diese Chance auf Neuanfang gab, eine mutigen, einen richtigen Schritt gemacht.
Einen Schritt im Sinn der Werte von Aidshilfe. Ein Schritt, den der Dachverband begrüßen und unterstützen sollte.

Wie heisst es im Leitbild der Deutschen Aids-Hilfe?
„Deshalb setzen wir in unserer Arbeit auf das verantwortliche Handeln vernunftbegabter, einsichts- und lernfähiger, freier und gleichberechtigter Menschen“.


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siehe auch ondamaris 10.02.2012: DAH: Respekt und Solidarität für Einräumen einer zweiten Chance

Lasst uns aus der kollektiven Schockstarre des Verseuchtseins erwachen! Freut euch!

MichèleZwei drei Gedankesprünge und Freudehüpfer, mehr nicht. Exakt 4 Jahre nach der Veröffentlichung des „swiss statement“ der eidgenössischen Komission für AIDS-Fragen EKAF titeln und reden wir immer noch von „Erleichterung“ mit Fragezeichen. Ich sage immer noch: FREUDE!

Muss ich euch wirklich lauthals ein Plädoyer für den Austausch von Körperflüssigkeiten, Gerüchen, dem Erleben von Haut und Haar halten? Ich mach das. Sofort!
Und darum FREUE ich mich über kondomloses Miteinander.

Was denkt ihr denn? Dass es mensch nur zusteht verhalten erleichtert zu sein und sich präventiv zu ducken vor der breit-um-sich-schlagenden Moralinkeule? Warum denn? Weil es einige gibt, die mit der Moralinkeule versuchen das Leben totzuschlagen, indem sie schnell sind beim Verallgemeinern, Verurteilen und Beschuldigen?
Nein danke.

Ich will über meine Freude nicht leugnen wieviel noch zu tun ist, weil Gerechtigkeit und FREUDE Zugang zu Information, harm reduction und Behandlung bedingt. Für alle! Wenn es um die Therapie-und Test-Freiheit aller geht. Da frage ich: Erleichterung? Ja. Mich dünkt sie haben längst einen Deal beschlossen, denn Volksgesundheit ist hoch im Kurs! Schon damals, 2008, nach unendlicher Vorlaufzeit.

Ich sage trotzdem, immer noch und immer wieder:FREUDE!
Ja ich freue mich. Ich bin so frei.

Nicht Erleichterung mit Fragezeichen. Wer mich dafür der versuchten schweren Körperveletzung oder versuchten Verbreitung einer schweren menschlichen Krankheit beschuldigen möchte, sei ebenso frei. Ich halte dem nebst meiner Verantwortung, auch meine Nicht-Infektiosität entgegen.

Trotzallem. Die Angst vor der Entängstigung treibt seltsame Blüten und so fehlen uns verbindliche übergeordnete gerichtliche Urteile, um uns auch darüber zu freuen? (aber wenn wir brav die Pillen schlucken und engmaschig zur Kontrolle antraben, dann bekommen wir bestimmt das Zückerchen Straffreiheit unter erfolgreicher Therapie)

Ich denke, es erleichtert den Druck auf „uns.“

Uns könnte die FREUDE! aber auch noch mehr zu Gerechtigkeit und Freiheit verführen. Das wünsch ich mir! Die Frechheit selbstbestimmt und vollwertig Verantwortung zu leben!

Lasst uns mal aus der kollektiven Schockstarre des Verseuchtseins erwachen!
Freut EUCH!

Ja! mich freut es doch auch, dass nach so langer Vorlaufzeit die Komission sich auf den Ast herausliess und die „ganze“ Welt schockte!
War höchste Zeit, „damals“, nicht? !

Der medizinische Fortschritt ist riesig, die Freude darf sein.

Beim grossen Rest bleibt die Erleichterung mit Fragezeichen – noch!