Trauer unterm Regenbogen – Talkrunde und Kongress in Berlin

“ Trauer unterm Regenbogen “ – eine Talkrunde am Freitag 2.11. und ein Kongress am Samstag 3.11.2012 widmen sich der Frage, ob und wie die Erfahrung von Tod und Trauer (insbes. bei Schwulen) in den frühen Jahren der Aids-Krise die Trauerkultur verändert haben – und was davon geblieben ist.

Die Initiatoren beschreiben den Kongress wie folgt:

„In den 1980er und 1990er Jahren konnten sich viele von HIV und AIDS Betroffene in den bis dahin gebräuchlichen Formen des Umgangs mit Sterben, Tod und Trauer nicht wiederfinden. Aus diesem Mangel entwickelten sich neue Elemente einer anderen Trauerkultur. Diese Um- und Aufbrüche haben, weit über die ursprünglich Betroffenen hinaus reichend, den gesellschaftlichen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer verändert. Der Kongress möchte die Veränderungen nachzeichnen und aktuelle Entwicklungen innerhalb und außerhalb der queeren Communities herausarbeiten.“

Trauer unterm Regenbogen (Logo: Konferenz)
Trauer unterm Regenbogen (Logo: Konferenz)

Auftakt zum Kongress ist eine Talkrunde am Freitag, 2.11.2012 im Rathaus Schöneberg.

Am Samstag, 3.11. finden acht Workshops statt, die sich u.a. beschäftigen mit Themen wie „Trauerfeier – Stimmig: Reverenz und Respekt vor dem_der Verstorbenen – Hilfe und Begleitung für Partner_innen“, „Unser Leben ist aufregend und bunt! Warum also einen trostlosen Abgang machen?“, „Sterben ist das Leben vor dem Tod“ oder „pflegende Angehörige im Kontext schwul/lesbischer Lebensvielfalt“.

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Kongress „Trauer unterm Regenbogen –
Kongress zu Trauerkultur und queeren Communities“
Berlin, 2. & 3. November 2012
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Beispiele für Trauerkultur in Zeiten von Aids auf dem Alten St. Matthäus Kirchhof in Berlin Schöneberg
DAH-Blog 09.11.2012: Wie privat, wie politisch ist unsere Trauer?
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Schwule Männer mit Aids starben Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre nicht wie Generationen zuvor zurückgezogen ins stille Kämmerchen, möglichst ungesehen – sondern sichtbar, offen, wahrnehmbar.
Die Todesanzeigen auch in Schwulenmagazinen waren un-übersehbar. Die Trauerfeiern waren teilweise bunt, bizarr, individuell. Individuelle Ausdrucksformen wurden gesucht, von Trauerfeier über Grabstein bis Sarggestaltung, von anonymer Beisetzung über Einzelgrab bis Gemeinschaftsgrabstätten.

Ein großer Schritt, ein Fortschritt – weg von Scham und Schweigen, hin zu Versuchen eigener schwuler und queerer Trauerkultur.

Und heute? Fast mag man den Eindruck haben, heute wird oft wieder lieber ver-schämt, ‚leise‘, ver-schwiegen gestorben und getrauert. Im Stillen, kaum wahrgenommen vom ‚Rest‘ der Gesellschaft. Sind Scham und Schweigen zurück?

Die eigenen Formen und Ausdrucksweisen queerer Trauerkultur, die einst gesucht und individuell gefunden wurden, sie sind zu wertvoll, um in Vergessenheit zu geraten. An sie zu erinnern, sie wieder in Erinnerung zu rufen ist einVerdienst. Die wichtige Frage zu stellen, was uns dies heute sagen, wie kann Trauer, auch queere Trauer heute, auch in digitalen Zeiten, aussehen, noch mehr.

Ein großer Dank an die Initiatoren, dass sie dieses Thema aufgegriffen haben.
Es bliebt zu hoffen, dass Inhalte und Ergebnisse der Talkrunde und der Workshops anschließend dokumentiert und breiter zugänglich werden.

New York: neues Design für geplanten Aids Memorial Park

Für den in New York geplanten Aids Memorial Park auf dem Gelände des ehemaligen St. Vincent Hospitals hat das Community Board ein modifiziertes Design verabschiedet.

Das frühere St. Vincent’s Hospital war die erste Einrichtung in New York, in der Aids-Patienten behandelt wurden. Lange Zeit stellte es sozusagen den Mittelpunkt, das Epizentrum der Aids-Epidemie in New York dar. Das Krankenhaus ging im April 2010 pleite. Das Gelände wurde an eine Entwicklungs-Firma verkauft, die hier Luxuswohnungen errichten will. Allerdings wurden die Entwickler verpflichtet, als Teil des Projekts öffentliche Räume zu entwickeln und bereit zu stellen. Hier soll der Aids Memorial Park entstehen.

Infinite Forrest - Sieger des Wettbewerbs für den New York City Aids Memorial Park (Quelle: Aids Memorial Park campaign)
Infinite Forrest (ursprünglicher Entwurf) - Sieger des Wettbewerbs für den New York City Aids Memorial Park (Quelle: Aids Memorial Park campaign)

Zunächst hatte der Entwurf ‚Infinite Forest‘ gesiegt. Der ursprüngliche Entwurf wurde jedoch vom Entwickler des Geländes (Rudin Development) abgelehnt. Die Firma wandelt das ehemalige Krankenhaus in Luxus-Wohnungen um. Der überarbeitete Entwurf sieht nun eine Art ‚lebenden Baldachin‘ über dem Park vor.

Bis Oktober könnte der Planungs-Prozeß für den Aids Memorial Park abgeschlossen sein. Ein endgültiges Budget für die Realisierung wurde allerdings noch nicht beschlossen.

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weitere Informationen:
Gay City News 20.07.2012: Community Board Approves AIDS Memorial in Greenwich Village Park
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siehe auch:
ondamaris 30.01.2012: New York: ein ‘unendlicher Wald’ als Aids-Gedenk-Park im West Village ?
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Berlin bekommt endlich eine Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße (akt.2)

Berlin bekommt eine Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße. Der Bezirk Schöneberg ehrt so ein „Vorbild und Inspirationsquelle der Emanzipationsbewegung der Homosexuellen“, so die Initiatoren.

Am 15. Februar 2012 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Schöneberg, die Einemstrasse in Karl-Heinrich-Ulrichs-Strasse umzubenennen. Geehrt wird damit „der erste Schwule der Weltgeschichte“, wie Volkmar Sigusch ihn bezeichnete.

Karl Heinrich Ulrichs (der auch unter dem Pseudonym Numa Numantius schrieb) ist einer der Vorkämpfer für die Rechte der Homosexuellen in Deutschland (Karl-Heinrich Ulrichs: Biographie). Der am 28. August 1825 in Westerfeld (heute zu Aurich gehörend) geborene Jurist stellte die Hypothese auf, bei manchen Menschen wohne eine weibliche Seele in einem männlichen Körper. Dies sei nicht krankhaft, sondern natürlich – und dürfe nicht bestraft werden.

Karl Heinrich Ulrichs
Karl Heinrich Ulrichs

„Die heterosexuelle Majorität der Männer hat kein Recht, die menschliche Gesellschaft ausschließlich heterosexuell zu determinieren.“
(Karl Heinrich Ulrichs)

Umbenannt in „Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße“ wird die (bald ehemalige) Einemstraße. Der preußische Offizier, Kriegsminister (1903 – 1909), fanatische Monarchist und Hitler-Bewunderer Karl von Einem (1853 – 1934) gilt nach Angabe der ‘schwulen Juristen’ als Wegbereiter des Faschismus und wünschte in seiner Funktion als Kriegsminister in einer Reichstagsrede 1907 die Vernichtung homosexueller Männer.

Die Umbenennung geht zurück auf Aktivitäten der Initiative „Eine Straße für Karl„. Die initiatoren Gerhard Hoffmann und Dirk Siegfried: „Wir sind glücklich darüber, dass Karl Heinrich Ulrichs, Vorbild und Inspirationsquelle der Emanzipationsbewegung der Homosexuellen, nun diese lange verdiente Würdigung in Berlin erhält.“

symbolische Umbenennung der Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße 2011 (Foto;: Pressemitteilung)
symbolische Umbenennung der Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße 2011 (Foto: Axel Hildebrand / Pressemitteilung)

Video Dirk Siegfried: „Von Karl zu Karl: Eine Straße für Karl-Heinrich Ulrichs!“ :

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weitere Informationen:
ondamaris 17.03.2010: Berlin: Straße zum Gedenken an Karl-Heinrich Ulrichs gefordert
ondamaris 12.04.2012: Göttinger Laudationes: Karl Heinrich Ulrichs, Jurist
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Wie wichtig sind uns Erinnern und Gedenken an die an Aids Verstorbenen?

New York gibt sich vielleicht bald einen grossen Park – zur Erinnerung, zum Gedenken, an all die an den Folgen von Aids verstorbenen Bürger. Den New York City Aids Memorial Park. Bravo, möchte man rufen – und zugleich sich vor Scham weg beugen. Vor Scham darüber, wie, in welcher Form wir in Deutschland oftmals der an den Folgen von Aids verstorbenen Mitbürger gedenken.

Nur wenige Städte in Deutschland (unter ihnen Berlin, Frankfurt und Köln) haben überhaupt dem Gedenken der an Aids Verstorbenen gewidmete Orte. Viele Orte haben – nichts. Oder kleine Initiativen, die mit Veranstaltungen gedenken, aber keinen Ort des Erinnerns haben. Die Städte, die einen Ort des Aids-Gedenkens aufweisen können, haben nur selten eine Form gefunden, die mehr ist als die kleine Form. Gedenken und Erinnern an die an Aids Verstorbenen – jenseits der Welt-Aids-Tags-Rituale findet es nur noch selten statt, wird es kaum noch beachtet. Vergessliches Aids?

Michael Jähme fragte im November 2011 “Brauchen wir eine neue Kultur des Erinnerns?“. Die Frage steht immer noch im Raum, einer Antwort harrend.

Ein Aids-Gedenk-Park mitten in Berlin (oder Köln, Hamburg, Stuttgart, München …) – warum nicht? Platz hat die Stadt genug – und allein in Berlin sind Tausende Menschen bisher an den Folgen von Aids verstorben.

Sollten wir die Kampagne für einen Aids Memorial Park in New York zun Anlass nehmen, auch hierzulande neu über Erinnern und Gedenken nachzudenken – und aktiv zu werden?

New York: ein ‚unendlicher Wald‘ als Aids-Gedenk-Park im West Village ? (akt.)

Die Stadt New York will im West Village einen Park als Aids-Gedenk-Ort errichten. Sieger des Gestaltungs-Wettbewerbs: der ‚infinite forrest‘ (unendlicher Wald).

Ein Park zum Gedenken an die vielen tausend Aids-Toten der Stadt – das soll es nach dem Willen einer Kampagne bald in New York geben. Nun wurde der Sieger des Design Entwurfs vorgestellt.

New York ist von der Aids-Epidemie besonders betroffen. Bereits 1981 wurde der erste Aids-Fall in New York City berichtet. Allein für das Jahr 2009 wurde nach Angaben des New York City Department of Mental Health and Hygiene geschätzt, dass weit über 100.000 Menschen mit HIV in der Stadt leben. Über 1.600 Menschen starben allein 2009 in New York City an den Folgen von Aids. Allen an den Folgen von Aids verstorbenen Bürgern New Yorks soll nun mit einem neu zu errichtenden Aids memorial park gedacht werden.

Sieger des im November 2011 gestarteten Design Wettbewerbs für einen Park-Entwurf: die Gruppe ’studio a+1′ (Mateo Paiva, Lily Lim, John Thurtle, Insook Kim, Esteban Erlich). Der Park soll dem Sieger-Entwurf zufolge mit drei Wänden von den ihn umgebenden Starssen abgeschirmt werden. In dem sich ergebenden Dreieck sollen Bäume wachsen. Getrennte Statuen, Skulpturen oder Plaketten soll es nicht geben. Der Park solle von der Reflektion über die Weite des Waldes leben. Unter dem Park soll ein Dokumentaionszentrum (learning centre) errichtet werden.

Infinite Forrest - Sieger des Wettbewerbs für den New York City Aids Memorial Park (Quelle: Aids Memorial Park campaign)
Infinite Forrest - Sieger des Wettbewerbs für den New York City Aids Memorial Park (Quelle: Aids Memorial Park campaign)

Der ‚Aids memorial park‘ könnte auf der so genannten ‚Triangle Site‘ entstehen. Die ‚Triangle Site‘ ist Teil des Geländes des ehemaligen St. Vincent’s Hospital und wird gebildet aus den drei Strassenzügen 7th Avenue, 12th Street und Greenwich Avenue. Der zukünftige Park läge zudem direkt gegenüber dem LGBT Community Center. Das Gebiet des ehemaligen St. Vincent’s Hospital wird derzeit restrukturiert.

Das frühere St. Vincent’s Hospital war die erste Einrichtung, in der Aids-Patienten behandelt wurden. Lange Zeit stellte es sozusagen den Mittelpunkt, das Epizentrum der Aids-Epidemie in New York dar.Das Krankenhaus ging im April 2010 pleite. Das Gelände wurde an eine Entwicklungs-Firma verkauft, die hier Luxuswohnungen errichten will. Allerdings wurden die Entwickler verpflichtet, als Teil des Projekts öffentliche Räume zu entwickeln und bereit zu stellen.

Die Initiative ‚Aids memorial park – campaign for a beautiful memorial park at St. Vincent’s campus‘ wurde 2011 gegründet. Ziel ist es, mit dem Park der über 100.000 Männer, Frauen und Kinder zu gedenken und sie zu ehren, die in New York City an den Folgen von Aids gestorben sind.

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siehe auch Kommentar: Wie wichtig sind uns Erinnern und Gedenken an die an Aids Verstorbenen?

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Aktualisierung
31.01.2012, 07:15: Der Eigentümer des Geländes Triangular Space, ‚Rudin Management‘, hat den mit dem ersten Preis prämierten Gestaltungs-Entwurf sofort nach Bekanntgabe zurückgewiesen. Man sei bereit, mit der Initiative für den ‚Aids Memorial Park‘ zusammen zu arbeiten. Der von ‚a+1‘ vorgerlegte Entwurf würde aber zu Verzögerungen im Baufortschritt führen und werde deswegen abgelehnt. Bill Rudin, geschäftsführendes Vorstandsmitglied (CEO) von ‚Rudin Management‘ kündigte stattdessen an, das Unternehmen wolle mit seinen eigenen Planungen für das Gelände voranschreiten, man habe den Landschaftsplaner Rick Parisi damit beauftragt. Dabei solle sowohl der an den Folgen von Aids Verstorbenen gedacht als auch an die 160jährige Geschichte des St. Vincent’s Hospital erinnert werden. Dies meldete DNA info / Manhattan Local News („AIDS Memorial Park Design Winner Chosen, But Developer Says No Thanks“)

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Campaign ‚Aids memorial park
Memorial park: Sieger ‚infinite forrest‘
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„Unsere Geschichte sind unsere Geschichten“ – Brauchen wir eine neue Kultur des Erinnerns?

Vom 4. bis 6. November 2011 fand in Berlin die Präventions-Konferenz der Deutschen Aids-Hilfe statt. Michael Jähme befasste sich in einem hier dokumentierten Impuls-Vortrag mit der Frage des Erinnerns:

„Unsere Geschichte sind unsere Geschichten“ –
Brauchen wir eine neue Kultur des Erinnerns?

Impulsvortrag zur DAH-Präventionskonferenz „Bis hierher – und noch weiter…“, 4.-6.11.2011 in Berlin
Workshop 1.3. Neues AIDS – alte Bilder / „Es sterben doch immer noch so viele!“

Wenn ich mich an die nun 30 Jahre von HIV und Aids erinnere, spüre ich als erstes, welch mächtigen Einfluss HIV auf mein Leben genommen hat. Durch HIV kam ein Faktor ins Leben, den weder ich noch andere schwule Männer ignorieren konnten. Wir mussten eine Form des Umgangs und des Arrangements mit diesem Virus finden. Das Virus wurde eine fremdbestimmende Einflussgröße, welche Autonomie und Eigenart zu beherrschen drohte, sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene.

Erinnerungen sind scheu. Sie stellen sich nicht auf Kommando ein. Erinnern ist nicht planbar. Erinnerungen kommen spontan. Manchmal überfallen und erschüttern uns Erinnerungen, wenn wir gar nicht damit rechnen: Untrennbar sind Erinnerungen mit Emotionen verbunden.

Wir spüren, dass das, was wir erinnern, immer emotional besetzt ist. Überhaupt erinnern Menschen nur, was emotional bedeutsam war im Leben. Es sind oft Begegnungen mit Menschen, bei denen wir uns wohl, geborgen und sicher gefühlt haben, mit denen wir Nähe erlebt haben, eben besondere, herausragende Momente im Leben.
Wir erinnern Erlebnisse, die selbstwertstärkend waren, wo wir uns angenommen und verstanden gefühlt haben – aber eben auch genau gegenteilige Erfahrungen: Situationen von Bedrohung, Gefahr und kränkender Ablehnung. Wir erinnern Brüche und Wendepunkte im Leben, Ereignisse, die starke Veränderungen ausgelöst haben, wo etwas Neues in unser Leben hineingekommen ist.

Wenn wir uns erinnern, vergewissern wir uns dabei unserer Identität und der Kontinuität unseres Lebens. Wie bedeutsam, ja existenziell die Fähigkeit zur Erinnerung für unser Identitätserleben ist, wird deutlich, wenn Menschen durch ein Hirntrauma, Demenz oder andere Ursachen ihr Erinnerungsvermögen verlieren: Sie wissen dann nicht mehr, wer sie sind, sie sind beziehungslos und verloren in der Zeit.

Unsere Erinnerungen sind also unser Anker und unsere Verortung in der Welt und in unserer Lebensumgebung, die sich permanent verändert. Durch das Bewusstsein über den eigenen Lebensweg erhalten wir die Gewissheit und Sicherheit, wo wir hingehören, wo wir zuhause und verwurzelt sind. Erinnerung ist Halt und Orientierung. Wir identifizieren uns mit dem, was wir erlebt haben: Es ist unsere Geschichte, die wir erzählen können und es ist unser Biografie, unsere Lebensgeschichte, unsere Einzigartigkeit.

Für ein selbstbewusstes Älter-werden hat in meinem Verständnis eine zentrale Bedeutung, möglichst umfassend zu allem, was ich erlebt habe und was ich handelnd getan habe, sagen zu können: „Ja, so war es – genau so war es!“

Angesichts von HIV und Aids wird es nun schwer, rückblickend auszuhalten, wie es war. Es sind doch viele Erinnerungen von starker und existenzieller Bedrohung: HIV machte Angst, die homophobe, sexualfeindliche Gesellschaft machte Angst – und gleichzeitig erlebten viele von uns, wie Partner, Freunde, Weggefährten, Menschen in unserem Umfeld, starben– oder auch wir selber durch HIV krank wurden.

Ob als HIV-Positiver, HIV-Negativer oder Ungetesteter: es ging ums Überleben in einer bedrohlichen und feindlichen Welt. Der Solidarität anderer konnten wir nie selbstverständlich gewiss sein. Unsere Erinnerungen sind oft bittere und schmerzhafte Erfahrungen.

Wie kann man überhaupt mit der Fülle all dieser Erfahrungen leben? Als ich einen über 60-jährigen schwulen Langzeitpositiven und HIV-Aktivisten der ersten Jahre einmal fragte: „Was machst du nur mit all deinen vielen Erinnerungen?“, antwortete dieser nach einem kurzen Moment des Innenhaltens spontan: „So schnell wie möglich vergessen!“
Diese Antwort stimmt mich nachdenklich. Ja, es ist eine Wahrheit, dass es vieles in unserem Leben gibt, an das wir uns nicht gerne erinnern, weil der Schmerz immer noch so groß ist – und wahrscheinlich auch bis an unser Lebensende groß bleiben wird.

Das ist glücklicherweise nur die eine Seite der Medaille.

Denn Not schweißt auch zusammen und angesichts der früher auszuhaltenden Not gab es oft unerwartete Hilfe und Solidarität von außen, und es gab einen sich immer stärker organisierenden Zusammenhalt von innen. Es gab nicht nur die persönlichen Niederlagen, wenn Freunde und Weggefährten an Aids starben, es gab auch Siege, wo wir uns als starke Gemeinschaft erlebten, wo wir uns in der Gesellschaft behaupteten, Einfluss und Macht errungen und unsere Realität in die öffentliche Wahrnehmung gerückt haben.

Zum Wesen der Erinnerung gehört die Nachdenklichkeit. Beim Erinnern blicken wir aus einer veränderten Perspektive und aus zeitlicher Distanz auf das Erlebte zurück. Indem wir Erinnerungen teilen und mitteilen, bewerten wir darin das Erlebte immer wieder neu, können es in einen größeren Zusammenhang stellen und die Bedeutung der Ereignisse neu bewerten.

Und wenn wir erst einmal anfangen, uns zu erinnern, dann erinnern wir auch immer mehr! Auch vergessen geglaubte Erfahrungen werden wieder wach. Sich zu erinnern braucht Zeit – und das Erinnern widersetzt sich damit hartnäckig einem Zeitgeist, der auf Professionalität, Ergebnisproduktion und Effektivität fokussiert ist. Wer sich erinnert, geht eben nach „innen“, geht auf eine Zeitreise in seine innere Welt. Vielleicht ist das Erinnern auch deshalb eher dem Alter vorbehalten, weil dann – befreit von beruflichen Zwängen – mehr Zeit da ist, sich zu erinnern. Gleichzeitig entsteht ein Bedürfnis, in der Fülle der eigenen Biografieerfahrungen den Überblick nicht zu verlieren: Wir finden eine Struktur, definieren Episoden und Abfolgen, konzentrieren Erlebtes in erzählbaren Geschichten.

Brauchen wir also eine neue Kultur des Erinnerns?

Ich vermag nicht zu benennen, ob wir überhaupt eine „alte“/bisherige Kultur des Erinnerns leben. Unsere Geschichte sind unsere Geschichten – und Geschichten zu erzählen wird häufig als verstaubt und unangebracht sentimental abgewertet. Wo gönnen wir uns denn im Alltag die Zeit, uns Geschichte und Geschichten zu erzählen? Wenn aber in unserer Geschichte unsere Identität liegt, vernachlässigen wir uns selber, wenn wir unsere Geschichten nicht wertschätzen und erzählen. Es lohnt, die Erinnerungen einzuladen. Erinnerungen sind stolz: Sie kommen nur zu denen, die ein offenes Ohr mitbringen.

Ich glaube, wir brauchen zunächst eine Sensibilität und ein Bewusstsein für den Wert des Erinnerns. Unsere Erinnerungen sind ein Schatz an Erfahrungen. Schließlich leben wir noch – und verfügen offensichtlich über Fähigkeiten und Lebensweisheiten, die dieses Überlegen zustande gebracht haben.

Kurz notiert … Dezember 2010

22. Dezember 2010: Eine in Kenia geborene 28-jährige Frau wurde in Finnland zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Frau, die als ‚Erotik-Tänzerin‘ arbeitete, wurde vorgeworfen, zwischen 2005 und 2010 kondomlosen Sex mit 16 Männern gehabt zu haben, ohne ihren HIV-Status mitzuteilen.

Die US-Medikamentenbehörde FDA hat für die USA eine 200mg-Tablette von Etravirine (Handelsname Intellence®) zugelassen.

Die US-Medikamentenbehörde FDA hat erstmals einen Impfstoff auch zur Prävention von Anal-Karzinomen zugelassen (zur Anwendung bei Männern und Frauen im Alter von 9 bis 26 Jahren).

21. Dezember 2010: Der Pharmakonzern BMS erwirbt vom japanischen Unternehmen Oncolys BioPharma die Lizenz für den NRTI Festinavir. Die Substanz ist ein Derivat von d4T (Stavudin, Handelsname Zerit®). Festinavir soll Phase-I-Studien-Daten zufolge auch wirksam sein bei Resistenzen gegen Abacavir und Tenofovir. Für die weiteren Entwicklungsrechte zahlt BMS bis zu 286 Millionen US-$.

20. Dezember 2010: In den Vorgängen um die Verhaftung von Wikilekas-Gründer Julian Assange rückt immer mehr die Frage von Kondom-Benutzung und HIV-Test in den Vordergrund.

Ein Angeklagter vor dem Strafgericht Lüttich drohte dem Vorsitzenden, er werde den Richter mit HIV infizieren. Bevor er den Richter erreichte, überwältigten ihn Sicherheitsbeamte.

17. Dezember 2010: Auf den Zusammenhang zwischen der Verhaftung von Wikileaks-Gründer Julian Assange und den sehr repressiven HIV-Gesetzen in Schweden weist Edwin J. Bernard in seinem Artikel auf ‚Criminal HIV Transmission‘ hin.

In San Francisco hat am 10. Dezember 2010 das GLBT History Museum eröffnet. Betrieben wird es von der GLBT Historical Society.

16. Dezember 2010: Die USA und Südafrika haben eine auf fünf Jahren angelegte Partnerschaft zur Bekämpfung von Aids vereinbart.

15. Dezember 2010: Ein HIV-infizierter Amerikaner, der mit mehreren Frauen Sex ohne Kondom gehabt haben soll, wurde vom Landgericht Nürnberg-Fürth zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt. Damit wurde das Urteil erster Instanz des Amtsgerichts Neumarkt bestätigt. Das Urteil ist rechtskräftig.

14. Dezember 2010: Richard Holbrooke stirbt im Alter von 69 Jahren. Der US-Star-Diplomat war neben vielen anderen Aktivitäten auch gegen Aids engagiert, war z.B. maßgeblich am Zustandekommen der Sitzung (wie der daraus folgenden Resolution) des Welt-Sicherheitsrates zu Aids im Jahr 2000 beteiligt.

HIV-Positive mit erhöhten Triglyzerid-Werten haben auch ein erhöhtes Risiko für Neuropathien, so eine (online auf AIDS publizierte) Studie.

9. Dezember 2010: In Südafrika startet 2011 ein „real life“ – test der ‚test-and-treat‚-Strategie (möglichst viele Menschen auf HIV testen, als HIV-positiv diagnostizierte Menschen direkt antiretroviral behandeln). Die Studie wird von der französischen ANRS durchgeführt.

8. Dezember 2010: In London solle ein Aids-Memorial errichtet werden, dass an diejenigen erinnert, die an den Folgen von HIV-Infektion und Aids verstorben sind, fordert eine neue Kampagne.

6. Dezember 2010: Tabu, Scham & Co. – eine im Auftrag der DAH erstellte Studie untersucht, warum viele HIV-Infektionen spät erkannt werden.

„Großer Erfolg“ – die DAH berichtet über erste Ergebnisse der EMIS-Befragung.

4. Dezember 2010: Die European Medicines Agency (EMA) weitet die Zugangsmöglichkeiten der Öffentlichkeit zu Unterlagen über Medikamente aus.

3. Dezember 2010: Die US-Medikamentenbehörde FDA erteilt einem „1-Minute – HIV-Schnelltest für die USA die Zulassung.

Schweiz: R. Staub, im Bundesamt für Gesundheit zuständig für Prävention und Promotion im BAG, benennt den gewünschten „kulturellen Wandel“ in der HIV-Prävention: Menschen mit neuer HIV-Diagnose sollen sich per SMS bekennen und Sexpartner zu informieren.

In New York wurden am Rand eines Benefiz-Events mehrere Aids-Aktivisten verhaftet. Sie hatten gegen die Aids-Politik von New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg protestiert.

2. Dezember 2010: Die Polizei in Russland hat am Welt-Aids-Tag zehn HIV-Positive festgenommen, die gegen die Politik des Gesundheitsministeriums protestiert hatten.

Das Pharmaunternehmen Vertex hat in den USA einen Zulassungsantrag für den Hepatitis-C – Proteasehemmer Telaprevir gestellt.

1. Dezember 2010:Auch Menschen ohne einen legalen Aufenthaltsstatus haben Anspruch auf Behandlung, darauf weist die Bundesärztekammer hin („Patientinnen und Patienten ohne legalen
Aufenthaltsstatus in Krankenhaus und Praxis“, pdf)

Der Pharmakonzern MSD hat nach Empfehlung des Sicherheits-Komitees eine Phase-III-Studie zur einmal täglichen Anwendung von Raltegravir (Isentress®) vorzeitig abgebrochen. Insbesondere bei HIV-Infizierten mit hoher Viruslast sei die virologische Antwort weniger gut gewesen als bei der zweimal täglichen Dosierung.

Pünktlich zum Welt-Aids-Tag startet auf Kuba eine neue Kampagne für Sexual-Aufklärung und Aids-Prävention.

In China wird ein Erstklässler wegen seiner HIV-Infektion nach Protesten anderer Eltern der Schule verwiesen.

Gisela Marsen-Storz gestorben

Deutsche AIDS-Hilfe gedenkt einer Pionierin der Zusammenarbeit zwischen Staat und Aidshilfe

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln hat am 20. Juli mitgeteilt, dass Frau Gisela Marsen-Storz gestorben ist. Sie war viele Jahre in der BZgA tätig, zuletzt als Leiterin der Abteilung Prävention von Krankheiten und Missbrauchverhalten/Sucht.

Anfang der 1980er Jahre trug Frau Marsen-Storz maßgeblich zu den ersten Treffen zwischen Vertretern aus Gesundheitsministerium und BZgA sowie der Aidshilfe bei – die zunächst unter beinahe konspirativen Umständen stattfanden. Der Erfolg: Schon ab Herbst 1985 wurde die Arbeit der DAH mit staatlichen Mitteln gefördert – ein Novum in der Geschichte der öffentlichen Gesundheit.

„Frau Marsen-Storz war eine mutige Frau“, sagt DAH-Geschäftsführer Peter Stuhlmüller. „Vieles wusste man damals noch nicht, vieles war umstritten und umkämpft. Aber der Weg der Einbeziehung der Zielgruppen, der Arbeitsteilung zwischen Staat und NGOs sowie der Aufklärung und der Information hat sich bewährt – und das ist auch und gerade ihr Weg.“

HIV- und Aids- Geschichte(n) erzählen – Film-Projekt geht neue Wege

Geschichten vom Leben mit HIV erzählen –  in San Francisco geht das Filmprojekt „Generations HIV“ anlässlich des San Francisco Pride neue Wege.

Filmemacher aus der San Francisco Bay Area haben sich zusammen geschlossen für das Projekt „Generations HIV“. Sie wollen einen ‚Aids Quilt des 21. Jahrhunderts‘ entstehen lassen – eine Zusammenstellung von Geschichten über das Leben mit HIV und Aids unter Nutzung der Möglichkeiten neuer Medien.

Ein publikumswirksamer Ansatz: für zwei Wochen während des San Francisco Pride wird das Projekt einen Stand anbieten, auf dem jedermann und jederfrau seine / ihre Geschichte vom leben mit HIV erzählen kann. Die gesammelten Geschichten sollen Ausgangsmaterial für den Film werden, der in Zusammenarbeit mit Menschen mit HIV und Aids entstehen soll.

The HIV story project
The HIV story project

Mit einer ‚Video Story Telling Booth‘ wird das Filmprojekt – als offizielles Projekt des San Francisco Pride – vom 17. bis 30. Juni 2010 auf der Castro Street präsent sein. Lokale Aids-Organisationen können die ‚Booth‘ für jeweils drei Stunden für ihre Geschichte(n) als ‚Salon‘ einsetzen.

Eine Möglichkeit, seine Geschichte vom Leben mit HIV online über das Internet zu erzählen, soll das Projekt zukünftig ergänzen.

Quilts sind eine überwiegend US-amerikanische Tradition von Patchwork- / Stepp-Decken. Sie wurden in den 1980er / 90er Jahren zu einem riesigen Gedenk-Projekt für an den Folgen von Aids verstorbenen Menschen. Größter Aids Quilt ist der 1987 in San Francisco gestartete  „NAMES Project AIDS Memorial Quilt“, der aus derzeit etwa 5.750 Blöcken mit insgesamt über 44.000 individuellen Erinnerungs-Panels besteht.

weitere Informationen:
The HIV Story Project
The AIDS Memorial Quilt
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[via Joe.My.God]

Magnus Hirschfeld – Gedenken zum 75. Todestag (akt.)

Vor 75 Jahren, am 14. Mai 1935, starb Magnus Hirschfeld in Nizza. Am 10. Mai 2010 wird Hirschfeld in Berlin mit einer Gedenkveranstaltung in Anwesenheit von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit sowie Bundesjustizministerin a.D. Brigitte Zypries gedacht.

Magnus Hirschfeld, am 14. Mai 1868 in Kolberg / Kołobrzeg geboren, studierte von 1888 bis 1892 in Straßburg, München, Heidelberg und Berlin Philosophie, Philologie und Medizin. Danach eröffnete er in Magdeburg eine naturheilkundliche Arztpraxis; zwei Jahre später zog er nach Berlin.

1897 gründete Magnus Hirschfeld gemeinsam mit dem Verleger Max Spohr, dem Juristen Eduard Oberg und dem Schriftsteller Max von Bülow das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK), zu dessen Vorsitzendem er gewählt wurde. Das WhK setzte sich u.a. zum Ziel, homosexuelle Handlungen zwischen Männern zu entkriminalisieren. Eine Petition zur Abschaffung des §175 fand große Unterstützung, scheiterte jedoch letztlich.

Magnus Hirschfeld gründete 1918 gemeinsam mit dem Dermatologen Friedrich Wertheim und dem Psychotherapeuten Arthur Kronfeld in Berlin das ‚Institut für Sexualwissenschaften‚ mit dem Ziel der „Förderung wissenschaftlicher Forschung des gesamten Sexuallebens und Aufklärung auf diesem Gebiete“.

Magnus Hirschfeld (1901)
Magnus Hirschfeld (1901)

Das Institut wurde 1933 durch die Nationalsozialisten geschlossen, die umfangreiche Institutsbibliothek bei der Bücherverbrennung auf dem Opernplatz (heute Bebelplatz) vernichtet.

Hirschfeld selbst war schon 1932 nach einer Auslandsreise direkt ins Exil gegangen, zunächst in die Schweiz (Ascona), dann nach Frankreich (Paris, dann Nizza). In Nizza starb Hirschfeld am 14. Mai 1935, seinem 67. Geburtstag. Er wurde auf dem Cimetière de Caucade von Nizza beigesetzt.

An Magnus Hirschfeld erinnert in Berlin seit Mai 2008 das Magnus-Hirschfeld-Ufer. Schon seit 1994 erinnert zudem eine Stele an das frühere Institut für Sexualwissenschaften. Zum 145. Geburtstag von Magnus Hirschfeld (geboren 14. Mai 1868 in Kolberg) soll am Magnus-Hirschfeld-Ufer ein Denkmal für Hirschfeld eingeweiht werden.

Am 10. Mai 2010 wird Hirschfeld mit einer Gedenkveranstaltung auf dem Bebelplatz in Berlin gedacht (15:30Uhr, am Mahnmal für die Bücherverbrennung). Ein Grußwort spricht Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin; die Gedenkrede hält Brigitte Zypries MdB, Bundesministerin der Justiz a.D..

Vom 11. Mai bis bis 10. Juni 2010 findet im Foyer der Humboldt-Universität („Kommode“) am August-Bebel-Platz die Ausstellung „Das erste Institut für Sexualwissenschaft 1919-1933“ statt. Anhand von Fotos und Dokumenten gibt die Ausstellung einen Überblick über die Arbeit des Instituts ab 1919. Sie stellt die wichtigsten Mitarbeiter, namhafte Besucher und Gäste vor. Exemplarisch werden das Engagement der Mitarbeiter illustriert, ihre Aktivitäten in der Sexualreformbewegung, in der Gerichtsmedizin, in Beratung, Aufklärung und Sexualerziehung.

Nachtrag 16.05.2010:
Am 14. Mai 2010 fand eine Gedenkveranstaltung auch am Grab von Magnus Hirschfeld in Nizza (Cimetière de Caucade) statt. Bericht und Foto auf tetu: Magnus Hirschfeld, vedette posthume 
du festival «Espoirs de mai» à Nice

weitere Informationen:
Magnus Hirschfeld Gesellschaft e.V., Stiftung Topographie des Terrors, Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, hannchen mehrzweck stiftung: Pressemitteilung Gedenken zum 75. Todestag von Magnus Hirschfeld (pdf)
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Sylvester: Disco-Pop unterstützt Aids- Organisationen

Bekannt wurde er mit Hits wie „Do You Wanna Funk“ oder „You Make Me Feel (Mighty Real)“. Nun kommen Einnahmen aus der Musik von Sylvester Aids-Organisationen zugute.

Sylvester James, US-amerikanischer Soul- und Disco-Musiker, wurde bekannt unter seinem Vornamen „Sylvester“ – und durch seine spektakulären Drag-Auftritte. Songs wie „Do You Wanna Funk“ (1982) oder „You Make Me Feel“ (1978) wurden große Hits in der Disco-Ära der späten 1970er und frühen 80er Jahre. Immer noch sind sie gelegentliche Party-Hits – oder kommen als Remakes wieder auf den Markt, wie „You Make Me Feel“ 1990 von Jimmy Somerville. Eine Single seines letzten Albums „Mutual Attraction“, der Song „Someone Like You“, wurde 1986 mit Cover Art von Keith Haring veröffentlicht.

Sylvester - offizielle Internetseite, Screenshot
Sylvester - offizielle Internetseite, Screenshot

Der offen schwul lebende Musiker Sylvester James starb im Alter von 41 Jahren am 16. Dezember 1988 in Oakland, Kalifornien an den Folgen von Aids.

Über 21 Jahre nach seinem Tod kommen nun Einnahmen aus seiner Musik zwei lokalen Aids-Organisationen in Kalifornien zugute. ‚AIDS Emergency Fund‘ und ‚Project Open Hand‘ erhalten aus dem Nachlass einen Scheck über zusammen 140.000 US-$.

Sylvester selbst hatte bereits im Mai 1988 die Rechte an seinen Liedern dem AEF und einem Nahrunsgprogramm für HIV-Positive am San Francisco General Hospital vermacht. Doch Sylvester hinterließ bei seinem Tod Schulden, so dass Nachlassverwalter (und Freund) Tim McKenna den beiden Organisationen kein Geld auszahlen konnte. Nach seinem Tod übernahmen Tony Elite und seine Frau die Nachlass-Verwaltung. Ende der 1990er waren Sylvesters Schulden abgetragen – und Überschüsse wurden erwirtschaftet.

Nun erhalten AEF und Project Open Hand 75% bzw. 25% der Nachlass-Einnahmen – und können zukünftig mit weiteren Mitteln rechnen, aus Rechten an Sylvesters Songs.

weitere Informationen:
Sylvester (Offizielle Site, inzwischen von seinem Estate betrieben)
New York Times 18.12.1988: Sylvester, Singer and Entertainer, Dies at 42
queerculturalcenter: Sylvester
Bay Area Reporter 15.04.2010: Sylvester songs profit local AIDS agencies
Advocate 17.04.2010: Sylvester’s Music Benefits AIDS Agencies

iwwit-Blog 19.04.2010: Endlich Sylvester

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Berlin: Straße zum Gedenken an Karl-Heinrich Ulrichs gefordert (akt.2)

Die Einemstraße in Berlin soll in Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße umbenannt werden. Dies fordern die ’schwulen Juristen‘ sowie die SPD. Auf Antrag der CDU soll zunächst ein Gutachten Klarheit verschaffen.

Magnus Hirschfeld hat in Berlin einen ganzen Uferweg, das Magnus-Hirschfeld-Ufer, und eine Gedenk-Stele für das Institut für Sexualwissenschaften. Kurt Hiller hat einen ‚Park‘ (de facto mehr ein Plätzchen) – den Kurt-Hiller-Park. An Karl-Heinrich Ulrichs erinnert bisher in Berlin – nichts.

Dies zu ändern versucht nun eine Initiative schwuler Juristen mit Unterstützung der SPD Berlin Tempelhof-Schöneberg. Sie fordern, dass die Einemstraße in Berlin-Schöneberg in Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße umbenannt wird.

Karl Heinrich Ulrichs
Karl Heinrich Ulrichs

Karl Heinrich Ulrichs (der auch unter dem Pseudonym Numa Numantius schrieb) ist einer der Vorkämpfer für die Rechte der Homosexuellen in Deutschland (Karl-Heinrich Ulrichs: Biographie). Der am 28. August 1825 in Westerfeld (heute zu Aurich gehörend) geborene Jurist stellte die Hypothese auf, bei manchen Menschen wohne eine weibliche Seele in einem männlichen Körper. Dies sei nicht krankhaft, sondern natürlich – und dürfe nicht bestraft werden.

Ulrichs sprach damals noch nicht von ‚Homosexuellen‘ – diesen Begriff prägte erst Jahre später 1869 der österreichisch-ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny (Karl Maria Benkert). Ulrichs selbst bezeichnete sich und seinesgleichen als ‚Urninge‘.

Der preußische Offizier, Kriegsminister (1903 – 1909), fanatische Monarchist und Hitler-Bewunderer Karl von Einem (1853 – 1934) gilt nach Angabe der ’schwulen Juristen‘ als Wegbereiter des Faschismus und wünschte in seiner Funktion als Kriegsminister in einer Reichstagsrede 1907 die Vernichtung homosexueller Männer.

Karl von Einem 1907:

„Ein Eindringen jüdischer Elemente in das aktive Offizierskorps [ist] nicht nur schädlich, sondern für direkt verderblich zu erachten“. (zit. nach Volker Ullrich „Die nervöse Großmacht: Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918“)

Ein Teil der Maaßenstrasse in Berlin Schöneberg (von Nollendorfplatz bis Lützowplatz) wurde am 13. Juni 1934 in Einemstrasse umbenannt. Die schwulen Juristen fordern nun, diesen Abschnitt in ‚Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße‘ umzubenennen. Melanie Kühnemann, Stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD-Fraktion der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Berlin Tempelhof-Schöneberg, brachte am 11. Januar 2010 einen entsprechenden Antrag in die BVV ein. Sie begründete

„Karl von Einem war ein aktiver Gegner der Demokratie. In seiner Funktion als Kriegsminister rief er zum Kampf gegen die Sozialdemokratie auf und forderte im Reichstag explizit die Vernichtung homosexueller Männer.“

Kühnemann sieht gute Chancen für die Umbenennung:

„Das Berliner Straßengesetz vom 29.11.2005 sieht Umbenennungen zur Beseitigung von Straßennamen aus der Zeit von 1933 bis 1945 vor, insofern diese nach aktiven Gegnern der Demokratie und zugleich Wegbereitern bzw. Verfechtern der nationalsozialistischen Ideologie benannt wurden.“

In einigen Städten wird Karl-Heinrich Ulrichs bereits geehrt. So wurde 1998 in München der Platz an der Ecke Holzstraße / Am Glockenbach im Glockenbachviertel Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz benannt. In Bremen wurde 2002 im Stadtteil Ostertor der Platz im Mündungsbereich von Wulwestraße und Hohenpfad Ulrichsplatz genannt, zeitgleich wurde eine nahegelegene Straßenbahn-Haltestelle entsprechend umbenannt. Und in Hannover-Mitte erhielt 2006 ein Verkehrsweg den Namen Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße.

Aktualisierung 19.03.2010:
Melanie Kühnemann (SPD, BVV Berlin Tempelhof-Schöneberg) teilt auf Anfrage zum aktuellen Stand mit: „Der Antrag wurde im Kulturausschuss am beraten. Die CDU-Fraktion hat einen Änderungsantrag gestellt, nach dem zunächst ein wissenschaftliches Gutachten erstellt werden soll. Dieses soll prüfen, ob Herr von Einem nicht nur als Feind der Demokratie, sondern auch als Wegbereiter des Nationalsozialismus gelten kann. Letzteres wurde von den anderen Fraktionen angezweifelt. Der Antrag ist nun am vergangenen Mittwoch, den 17. März in der BVV in der veränderten Fassung einstimmig beschlossen worden.“
Der einstimmige Beschluss der BVV vom 17.03.2010 (Drucks. Nr: 1300/XVIII) lautet „Die BVV ersucht das Bezirksamt zu prüfen, ob die Einemstraße umbenannt werden kann, ob die Voraussetzungen der AV Benennung vorliegen. Hierzu ist ein wissenschaftliches Gutachten einzuholen.“
Ergo: zunächst muss auf Drängen der CDU ein Gutachten beauftragt, erstellt und das Ergebnis diskutiert und politisch bewertet werden. Auf die Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße muss noch gewartet werden.

siehe auch:
Detlev Grumbach: „Der erste Schwule der Weltgeschichte“
SPD Berlin BVV-Fraktion Tempelhof-Schöneberg 11.01.2010: Umbenennung der Einemstraße
Berliner Zeitung 22.08.2003: Herrenrunde – Schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten beschäftigte ein schwuler Politiker die Medien
LSVD 24.03.2010: „Von Karl zu Karl!“ – Straße zum Gedenken an Karl Heinrich Ulrichs gefordert
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Stephanie Schmidt ist tot

Am 22. Januar starb Stephanie Schmidt, langjährige JES-Aktivistin.

Stephanie Schmidt, Mutter zweier Kinder, engagierte sich seit Mitte der 1990er Jahre für akzeptierende Drogenarbeit und für die Interessen drogengebrauchender Menschen mit HIV. Stephanie arbeitete hauptamtlich in der Aids-Hilfe Braunschweig und war u.a. engagiert bei JES (sowohl lokal als auch als Bundessprecherin).

Stephanie Schmidt (c) Dirk Schäffer
Stephanie Schmidt (c) Dirk S.

Ich habe vor einigen Jahren mit Stephanie Schmidt eine Zeit lang enger zusammen gearbeitet, im Rahmen des Community Boards beim Deutschen Aids-Kongress 1999 in Essen. Ich habe dabei Stefanie sehr zu schätzen gelernt – ihre offene, dem Leben zugewandte Art, ihre Fähigkeit sich auch in andere Menschen und ihre Anliegen hinein zu denken – und vor allem ihre Fähigkeit, die Belange drogengebrauchender Menschen mit HIV verständlich zu machen und aktiv und engagiert zu vertreten. Durch Stephanie lernte ich ein wenig Einblick zu bekommen, zu verstehen aus Welten, die mir eher fremd schienen.

Solidarität der Betroffenengruppen – Stefanie lebte sie. Danke!

siehe auch:
DAH-Blog 03.02.2010: Nachruf auf Stephanie Schmidt
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Geschichten und Geschichte – Vergessen macht sich breit …

„Keine Atempause – Geschichte wird gemacht – es geht voran“, sangen ‚Fehlfarben‘ (auf ‚Monarchie und Alltag‚) im Jahr 1980. Ein Jahr später werden erste Fälle einer Erkrankung festgestellt, die später als Aids bezeichnet wird.

„Keine Atempause – Geschichte wird gemacht.“
Und wie weiter?
„Spacelabs falln auf Inseln, Vergessen macht sich breit, es geht voran.“

Zwar fielen bisher meines Wissens keine Spacelabs auf Inseln. Aber Vergessen macht sich tatsächlich breit, allenthalben. Es geht voran, scheinbar, indem wir über unsere eigene Geschichte hinweg gehen, vergessen. Vergessen unserer Aids-Geschichten. Vergessen unserer Geschichte.

Inzwischen sprechen wir munter von „altes Aids“ im Unterschied zu „neues Aids“ – doch was das hieß, „altes Aids“, das gerät abseits einiger immer wieder gern präsentierter Klischees und Mythen zunehmend in Vergessenheit.

Warum?
Wie gehen wir mit unserer eigenen Geschichte um?
Wann wird Erlebtes zu Geschichte?
Sind diese, unsere  Geschichten überhaupt erzählbar?
Ist diese Geschichte überhaupt vermittelbar?

Sind diese Fragen bedeutend?

Wer wenn nicht wir soll diese Geschichte(n) erzählen? schreiben?
Und wer aufarbeiten?

Wer, wenn nicht wir?

Wenn wir nicht unsere eigenen Geschichten aufschreiben, unsere eigene Geschichte schreiben, werden andere es irgendwann tun. Auf ihre Weise. Werden dabei ihre eigenen Bilder (die nicht unsere sind) transportieren, auch ihre pejorativen Bilder.

Doch – es ist unsere Geschichte!
Erzählen wir sie aus unseren Blickwinkeln!

Denn sonst …

Hegel konstatiert in seinen ‚Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte‘, dass Geschichte immer zweimal stattfinde. Und sein Schüler Karl Marx verfeinert im ‚Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte‘, Geschichte wiederhole sich “ das eine Mal als große Tragödie, das andere Mal als lumpige Farce“.

Dann lasst uns vorher unsere Geschichte(n) erzählen, all die Tragödien, all die schönen, schmerzvollen, erfolgreichen, vorzeitig abgebrochenen … Geschichten …

Den  Anfang im „unsere Geschichte(n) erzählen“ macht ein positiver Mann aus Berlin, Nikolaus Michael, der in den nächsten Wochen hier in vier Texten einen Teil seiner Geschichte(n) erzählt …

1. Die ‚Totenbank‘
2. Stress im Krankenhaus
3. Schmunzeln, Quengeln, Hilferufe
4. Drei Engel

Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele Leser dies zum Anlass nehmen, selbst ihre HIV-positiven Geschichte(n) zu erzählen – und bei Interesse auch andere lesen lassen. Ich biete dafür auf ondamaris gerne Zeit und Raum [und bei genügend Interesse auch gerne eine eigene Rubrik „unsere Geschichte(n)} – wer mag, sende mir eine Mail mit seinen Texten, ich melde mich baldmöglich …

Erzählt vom Leben. Das Ende kennen wir schon.

„Erzählt vom Leben. Das Ende kennen wir schon.“ Zu diesem Schluss kommt Richard Kämmerlings, Literarturkritiker der FAZ, in einem lesenswerten Artikel über „Krebsliteratur“.

Schlingensief, Diez – Literatur über Krebs und den eigenen oder bei nahen Menschen erlebten Krebs-Tod erfreut sich gerade wieder einer bemerkenswerten Aufmerksamkeit.
„Lasst mich damit in Ruhe“, meint der FAZ-Literatur-Kritiker Richard Kämmerlings, und erläutert warum.Das Werk des Künstlers, das leben des Menschen gerate in den Hintergrund angesichts einer ‚Kontamination mit dem Boulevard‘, die auch durch vermeintliche Tabubrüche nicht (mehr) gerechtfertigt sei.

Kämmerlings vergleicht die heutige „Krebs-Literatur“ auch wegen dieser Frage des Tabu-Bruchs mit der „Aids-Literatur“ der 1990er Jahre:

„Hier ist ein Vergleich mit anderen Krankheiten lehrreich. Die Aids-Literatur der neunziger Jahre, die Filme von Derek Jarman oder die „Geschichte meines Todes“ von Harold Brodkey standen tatsächlich gegen ein soziales Tabu, und insofern hatte der aufklärerische Impetus seine Berechtigung. Aids war keine Volkskrankheit, sondern ein Stigma, eine vermeintliche Minderheitenangelegenheit, mit deren genauen Ursachen und Folgen man sich nicht befassen wollte – und nicht musste, denn das war eine Sache bestimmter „Schichten“.“

Kämmerling bezieht sich auch auf Susan Sontags „Aids als Metapher“ – und konstatiert auch hier einen Wechsel:

„Schon Susan Sontag hatte in ihrer Fortsetzung „Aids und seine Metaphern“ Ende der Achtziger festgestellt, dass die einstige Tabuisierung und Metaphorisierung von Krebs durch Aids abgelöst worden war. Heute wäre es vielleicht angebracht, „Demenz als Metapher“ zu beschreiben.“

Sein klares Resümee: „Erzählt vom Leben. Das Ende kennen wir schon.“

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Richard Kämmerlings: „Krebsliteratur – Der Schleier über den letzten Dingen„, FAZ 14.08.2009

6. Todestag Hans Peter Hauschild

Am 4. August 2003, heute vor sechs Jahren, starb Dr. Hans Peter Hauschild an den Folgen von Aids.

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Hans Peter Hauschild gilt u.a. als „Mit-Erfinder“ des Konzepts der strukturellen Prävention, das bis heute tragender Gedanke der Aids-Prävention in Deutschland ist (siehe Leitbild der Deutschen AIDS-Hilfe).

weitere Informationen:
Homepage Dr. Hans Peter Hauschild
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