Integrierte Prävention bei Drogengebrauchern : CDC bündeln Berichte zu einer Richtlinie

Integrierte Prävention bei Drogengebrauchern im Fokus: Drogengebrauchern verbesserten Zugang zu Prävention von HIV, sexuell übertragbaren Erkrankungen, viraler Hepatitis und Tuberkulose zu ermöglichen und die Wirksamkeit dieser Maßnahmen zu verbessern ist das Anliegen eines neuen Reports der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC.

Der Bericht bündelt Berichte und Empfehlungen diverser mit Öffentlicher Gesundheit befasster US-Agenturen zu wissenschaftsbasierten Präventionstrategien bei Drogengebrauchern und fasst diese zusammen. Er betont die Bedeutung integrierter Prävention

„Implementing integrated services for prevention of HIV infection, viral hepatitis, STDs, and TB is intended to provide persons who use drugs illicitly with increased access to services, to improve timeliness of service delivery, and to increase effectiveness of efforts to prevent infectious diseases that share common risk factors, behaviors, and social determinants.“

Integrierte Prävention bei Drogengebrauchern umfasst dem Bericht der CDC zufolge folgende Bestandteile:

„An integrated approach to service delivery for persons who use drugs incorporates recommended science-based public health strategies, including 1) prevention and treatment of substance use and mental disorders; 2) outreach programs; 3) risk assessment for illicit use of drugs; 4) risk assessment for infectious diseases; 5) screening, diagnosis, and counseling for infectious diseases; 6) vaccination; 7) prevention of mother-to-child transmission of infectious diseases; 8.) interventions for reduction of risk behaviors; 9) partner services and contact follow-up; 10) referrals and linkage to care; 11) medical treatment for infectious diseases; and 12) delivery of integrated prevention services. These strategies are science-based, public health strategies to prevent and treat infectious diseases, substance use disorders, and mental disorders. Treatment of infectious diseases and treatment of substance use and mental disorders contribute to prevention of transmission of infectious diseases. Integrating prevention services can increase access to and timeliness of prevention and treatment.“

Der Bericht geht dabei explizit z.B. auch auf Kriminalisierung und Stigmatisierung ein, zeigt auf, dass diese erfolgreiche Prävention beeinträchtigen und fordert die Einhaltung ethischer Prinzipien sowie die Wahrung von Menschenrechten (Kap. „Fear of Criminalization or Stigmatization“).

Integrierte Prävention bei Drogengebrauchern und schwulen Männern ist auch ein Anliegen der Deutsche Aids-Hilfe. Sie will als eines ihrer jüngst beschlossenen „mittelfristigen Ziele (Horizont 2020)“ erreichen dass

„eine lebensweisenakzeptierende, szenenahe, integrierte HIV-, STI- und Hepatitis- Prävention und -Versorgung insbesondere für schwule Männer und Drogengebraucher/innen umgesetzt wird“

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weitere Informationen:
CDC: Integrated Prevention Services for HIV Infection, Viral Hepatitis, Sexually Transmitted Diseases, and Tuberculosis for Persons Who Use Drugs Illicitly: Summary Guidance from CDC and the U.S. Department of Health and Human Services. Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR), Recommendations and Reports, November 9, 2012 / 61(rr05);1-40
DAH: DAH reloaded. Einen neuen Aufbruch wagen – selbstbestimmt, solidarisch, emanzipatorisch. Beschlussfassung (pdf)
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“ Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit „

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – von der Ungleichwertigkeit zur Ungleichheit, dieses von der Universität Bielefeld (Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung) entwickelte Modell könnte Anregungen geben für die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema Stigmatisierung HIV-Positiver.

Stigmatisierung (nicht nur als) HIV-Positiver und Aids-Kranker stand im Mittelpunkt eines Fachtags der Deutschen Aids-Hilfe. Michael Müller (Universität Bielefeld) stellte dort das Modell (Syndrom) Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) vor.

Eine ‚Ideologie der Ungleichwertigkeit‘ wird dabei als Kern von Vorurteil und Stigmatisierung gesehen und ist zentral im GMF-Syndrom. Was Stigmatisierung und Diskriminierung befördert (zum Beispiel gesellschaftliche Entwicklungen wie eine zunehmende Ökonomisierung sozialer Beziehungen), haben die Bielefelder Wissenschaftler über eine  Zeitraum von zehn Jahren analysiert.

Einen kurzen Überblick über das Modell gibt ein Artikel in „Aus Politik und Zeitgeschehen“ (Bundeszentrale für politische Bildung):

„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit widerspricht der Wertvorstellung von Gleichwertigkeit. Sie rechtfertigt Ideologien der Ungleichwertigkeit, die ihrerseits soziale Ungleichheit langfristig zementieren können.“

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Die Präsentation des Konzepts GMF Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit durch Dipl.Päd. Michael Müller in Vertretung für Prof. Zick – für mich das Highlight auf dem Fachtag „Ausgrenzung. Macht. Krankheit. HIV-bezogener Stigmatisierung entgegentreten!“, den die Deutsche Aids-Hilfe am 27. und 28. Oktober 2012 in Berlin veranstaltet hat.

Gesellschaftlichen Entwicklungen räumen die Bielefelder Forscher eine zentrale Bedeutung im Rahmen des Syndroms Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ein. Diese Zusammenhänge zu verstehen und analysieren könnte Aidshilfe(n) wie auch HIV-positiver Selbsthilfe Grundlagen und Anregungen geben zur Auseinandersetzung mit Stigmatisierung.

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Eva Groß, Andreas Zick, Daniela Krause alle: Universität Bielefeld)
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 16-17/2012)
„Ungleichheit, Ungleichwertigkeit“
als Print vergriffen, Download als pdf hier

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siehe zum Thema auch
Prof. Dr. Andreas Zick, Dr. Beate Küpper, Andreas Hövermann
„Die Abwertung der anderen –
Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung“
Als Download bei der Friedrich-Ebert-Stiftung (pdf)

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„Dass meine Kinder mit einem gefüllten Rucksack unterwegs sind, ist mir bewusst.“

„Offen und öffentlich mit HIV leben“ – das macht Michèle Meyer schon seit einigen Jahren. Wie es dazu kam, wie das geht und mit welchen Folgen, erläutert Michèle Meyer (die auch ondamaris-Autorin ist) in einem Gastbeitrag auf dem schweizerischen Blog „Gesellschaft, Behinderung und die Invalidenversicherung“.

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Michèle Meyer
Mein öffentliches Leben mit HIV

Gastbeitrag auf „Gesellschaft, Behinderung und die Invalidenversicherung“, 25.10.2012

HIV Stigma : Ich bin nicht schuldig – ich bin HIV-positiv

HIV Stigma im Mittelpunkt einer Kampagne: „Ich bin nicht schuldig – ich bin HIV-positiv“ – unter diesem Motto thematisiert das „Stigma Project“ Stereotype und Stigmatisierungen, wie sie oft mit HIV verbunden werden:

I am not guilty - I am HIV-positive
I am not guilty - I am HIV-positive (Grafik: Stigma Project)

 

Ich bin nicht dreckig
Ich bin kein Abhängiger
Ich bin kein Sterbender
Ich bin nicht hilflos
Ich werde nicht bestraft
Ich bin kein Opfer
Ich bin nicht allein
Ich bin nicht krank
Ich bin kein Stereotyp
Ich bin nicht schuldig

Ich bin HIV-positiv

Das ‚Stigma Project‘ beschreibt sein Ziel selbst als „eine HIV-neutrale Welt frei von Urteilen und Ängsten“:

„The Stigma Project seeks to create an HIV neutral world, free of judgement and fear by working with both positive and negative individuals from all walks of life, regardless of their gender, sexual orientation, race, or background. We aim to lower the HIV infection rate by defeating the stigma that strengthens it.“

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The Stigma Project

Deutsche AIDS-Hilfe veröffentlicht erstmals Daten zu Diskriminierung von Menschen mit HIV

Zum ersten Mal liegen aussagekräftige Daten zur Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit HIV in Deutschland vor.

Anlässlich ihrer Konferenz „Positive Begegnungen“, die am Donnerstag in Wolfsburg beginnt, hat die Deutsche AIDS-Hilfe am Mittwochvormittag bei einer Pressekonferenz in Wolfsburg die Ergebnisse ihrer Studie „positive stimmen“ vorgestellt.

„positive stimmen“ ist die deutsche Umsetzung des internationalen Projekts „The People living with HIV Stigma Index“, das unter anderem von der HIV/Aids-Organisation der Vereinten Nationen, UNAIDS, und dem Globalen Netzwerk von Menschen mit HIV, GNP+, getragen wird. Das Prinzip: HIV-Positive befragen HIV-Positive. So werden in dieser Studie nicht nur Stigmatisierung und Diskriminierung sichtbar, sondern gleichzeitig können sich alle Beteiligten mit ihrer Situation auseinandersetzen und Wege zum Umgang damit entwickeln. Forschung und Ermutigung, Hilfe zur Selbsthilfe gehen Hand in Hand.

In Deutschland fanden 1.148 Interviews statt. Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze:

• Knapp 77% der Befragten hatten im Jahr vor der Befragung Diskriminierung erlebt – von Tratsch über Beleidigungen bis hin zu tätlichen Angriffen.

• Rund 20% der Befragten wurde im Jahr vor der Befragung aufgrund von HIV eine medizinische Behandlung verweigert (zum Beispiel beim Zahnarzt).

• Es verloren mehr Leute ihren Job aufgrund von Diskriminierung als aus gesundheitlichen Gründen. Kündigungen hatten in 84% der Fälle mit Diskriminierung zu tun.

• 30% der Befragten haben sich von ihrer Familie zurückgezogen. Bei denen, die zuvor bereits Ausschlusserfahrungen in der Familie machen mussten, waren es sogar 66%.

• Stigmatisierung und Diskriminierung werden verinnerlicht: 42% berichteten, sie hätten im Jahr vor der Befragung aufgrund von HIV ein niedriges Selbstwertgefühl gehabt.

• Die gute Nachricht: 29% der Befragten gehen gegenüber ihrem Arbeitgeber offen mit ihrer Infektion um – mehr als meist vermutet. 61% tun dies allerdings nicht, viele davon aus Angst vor Benachteiligung. (Rest zu 100 Prozent: Mischformen).

• 74% der Arbeitgeber reagierten auf das Coming-out HIV-Positiver unterstützend oder neutral, 26% diskriminierend.

Dazu sagt Carsten Schatz, Mitglied im Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe:

„Die in der Befragung deutlich gewordene Diskriminierung im Alltag ist nicht überraschend, aber völlig inakzeptabel. Unser Ziel bleibt eine Gesellschaft ohne Diskriminierung. Die Politik und die gesamte Gesellschaft sind aufgerufen, sich dafür einzusetzen. Die Bundesregierung muss HIV-Positive und chronisch Kranke endlich ausdrücklich unter den Schutz des Allgemeinen Gesetzes zur Gleichbehandlung (AGG) stellen. Arbeitgeber und Berufsverbände sind aufgefordert klarzustellen, dass HIV kein Hinderungsgrund ist, wenn es um die Ausübung des Berufes geht. Und nicht zuletzt kann sich jeder einzelne Mensch fragen, wo sein eigenes Denken und Handeln von Vorurteilen und Ängsten geprägt ist. Informationen und realistische Bilder vom Leben mit HIV sind die besten Mittel, damit umzugehen. Diskriminierung ist heilbar!“

Die Befragung selbst geht hier mit gutem Beispiel voran. So sagt Teilnehmer Manni im Interview: „,positive stimmen’ ist sicher auch ein Stück auf dem Weg zu mehr Offenheit im Umgang mit HIV!“

Markus Schmidt vom Projektbeirat und selbst HIV-positiv: „Dieses Projekt ist ein wichtiger Schritt, um dem Leben mit HIV aktuelle Gesichter zu geben.“

Und Michael Jähme, ebenfalls vom Projektbeirat und HIV-positiv: „Das Leben mit HIV ist ganz anders, als die meisten sich das vorstellen. HIV-Positive dürfen sich stark fühlen, sie dürfen sich empören und fordern, dass es nicht in Ordnung ist, sie zu benachteiligen.“

Ausführliche Dokumentation der Ergebnisse (PDF)

Mehr Informationen zu den „Positiven Begegnungen“ in Wolfsburg (Die Ergebnisse der Befragung werden bei der Konferenz in vielen Veranstaltungen diskutiert.)

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(Pressemitteilung Deutsche Aids-Hilfe)

Mit HIV vor Gericht : 49% der HIV-Positiven in den USA glauben nicht an faire Behandlung vor Gericht

Mit HIV vor Gericht – 49% der HIV-Positiven in den USA vertrauen nicht darauf, dass sie vor Gericht eine faire Behandlung erhalten für den Fall, dass sie strafrechtlich verfolgt werden, weil sie ihre HIV-Infektion gegenüber Sexpartnern nicht offen gelegt haben. Dies ist eines der vorläufigen Ergebnisse einer Befragung von 2.076 HIV-Positiven in den USA, die im Juni und Juli 2012 stattfand.

30% der Befragten waren sich nicht sicher, wie sie vor Gericht behandelt werden würden. Nur 21% hatten volles Vertrauen in die Gerichte.

29% der Befragten hatten zudem geäußert, sie hätten sich bereits mehrfach Sorgen gemacht, ‚fälschlicherweise beschuldigt‘ zu werden.

Laurel Sprague, die die Studie durchführte, betonte gegenüber Medien, die Stigmatisierung HIV-Positiver habe ein Ausmaß angenommen, dass Menschen mit HIV vor Gericht oftmals Voreingenommenheit befürchten, dass sie die Gefahr sehen selbst wenn sie unschuldig seien im Gefängnis zu landen:

„People felt that because stigma against people with HIV is so great, that the minute they walk into a courtroom as a positive person that there is already a bias against them as not reliable or not trustworthy. And so, even if they are falsely accused, they fear they can still end up in prison.“

Die Befragung wurde durchgeführt vom ‚Sero Project‚, einer Gruppierung die sich der Bekämpfung von HIV-Stigma widmet. Direktor ist Sean Strub, Langzeit – Aids-Aktivist und Gründer des US – Magazins ‚POZ‘.

32 der US-Bundesstaaten haben den US-Gesundheitsbehörden CDC zufolge HIV-spezifische Strafgesetze.

Die vorläufigen Ergebnisse der Befragung von ‚Sero Project‘ wurden erstmals auf der XIX. Internationalen Aids-Konferenz in Washington 2012 vorgestellt.

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American Independant 09.08.2012: People with HIV fear unfair treatment in courts
Sero Preliminary Data Report Final (pdf)

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I party. I bareback. I’m positive. I’m responsible. – Fotos der Aktion von Aids Action Now! in Washington

Die kanadische Aktionsgruppe ‚Aids Action Now!‘ war auf der XIX. Internationalen Aids-Konferenz in Washington u.a. mit ihrer Kampagne ‚I party. I bareback. I’m positive. I’m responsible.‘ (etwa: Ich feiere. Ich habe Sex ohne Kondom. Ich bin HIV-positiv. Ich verhalte mich verantwortunsgbewusst.) präsent.

Der Artikel über diese Aktion der kanadischen Gruppe ‚Aids Action now!‘ (ondamaris 25.07.2012: Bareback / Sex ohne Kondom kann verantwortungsvoller Sex sein – Kunstkampagne wendet sich gegen Kriminalisierung) hat viele Nachfragen verursacht – aus diesem Grund bin ich sehr froh, das Olivier mir zahlreiche weitere Fotos zur Verfügung gestellt hat, die einen Euindruck von der Arbeit der Gruppe und der Präsenz während der XIX. Internationalen Aids-Konferenz in Washington vermitteln.

Die Themen der Kampagne von ‚Aids Action now!‘ reichen von Kriminalisierung HIV-Positiver über HIV-positive Frauen und Sex bis Bareback / kondomfreier Sex und Viruslast-Methode sowie der Situation HIV-Positiver in Haft:

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Merci à Olivier pour les photos!

Elton John : Mehr Mitgefühl!

Pop-Star Elton John hat die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der XIX. Internationalen Aids-Konferenz in Washington aufgefordert, sich deutlich gegfen die Stigmatisierung von HIV-Positiven einzusetzen.

Er forderte mehr Mitgefühl mit HIV-Positiven zu zeigen – dies gelte für alle Menschen mit HIV, für schwule Männer genauso wie für Bisexuelle, für Sexworker, für Drogengebraucher

Elton John 2011 beim Tribeca Film Festival (Foto: David Shankbone)
Elton John 2011 beim Tribeca Film Festival (Foto: David Shankbone)

Wenn mehr Mitgefühl mit HIV-Positiven gezeigt werde, habe auch niemand mehr Angst seine HIV-Infektion behandeln zu lassen, so Elton John:

“We need to put our arms around people who are HIV-positive. If you show compassion, no one will be afraid to seek treatment.”

Angesichts seines eigenen Verhaltens in Sachen Drogengebrauch und Sex betonte Elton John, wie leicht es möglich geswesen wäre, dass auch er sich in dne 1980ern mit HIV infiziert hätte und inzwischen längst verstorben sei:

“I should be dead. Six feet under and in a wooden box. I should have contracted HIV in the 1980s and died in the 1990s.”

Scham und Stigma trügen dazu bei, dass Menschen sterben, auch heute:

“I felt that shame before- it almost killed me. It’s killing people all over the world right now

Aus diesem Grund müsse Schluss sein mit Scham – Scham durch Liebe ersetzt werden, Stigma durch Mitgefühl.

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PinkNews 23.07.2012: Elton John urges International AIDS Conference to show compassion

USA: neue Kampagne gegen HIV – Stigma

HIV – Stigma zu minimieren ist das Haupt-Anliegen einer neuen Kampagne, die die US-Gesundheitsbehörden CDC Centers for Disease Control am 16. Juli 2012 starteten.

Im Mittelpunkt der neuen Kampagne ‚Let’s stop HIV together‘ stehen HIV-Positive sowie ihre Freunde und Familien. Die Kampagne ist Teil der auf 5 Jahre angelegten ‚Act against Aids‘ – Initiative der CDC.

HIV - Stigma Kampagne der CDC 2012: Lets Stop HIV Together (Poster 3, CDC)
HIV - Stigma Kampagne der CDC 2012: Lets Stop HIV Together (Poster 3, CDC)

Selbstzufriedenheit und Stigmatisierung seien die Haupt-Gegner der Aids-Bekämpfung, betonte Kevin Fenton, Direktor des Aids-Centers der CDC, bei der Vorstellung der Kampagne. Stigmatisierung stelle einen bedeutenden Hindernisgrund dar, einen HIV-Test zu machen, Kondome zu verwenden und andere Präventionsstrategien zu nutzen, so die CDC. Das Überwinden von Stigma könne die Lebenssituation vieler HIV-Positiver verbessern und dazu beitragen Leben zu retten.

Die Kampagne benutzt Anzeigen in lokalen und überregionalen Print- und Online-Medien, Außenwerbung sowie soziale Netzwerke.

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weitere Informationen:
CDC 16.07.2012: New CDC Campaign Fights Stigma and Apathy Fueling HIV Epidemic
CDC Juli 2012: Let’s stop HIV together – Takingh aim at the stigma and complacency fueling HIV in the Unjited States (pdf)
Act against Aids
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„UN§CHULDIG – und welchen Sex hast Du?“

„UN§CHULDIG “

POSITHIV HANDELN präsentiert sich auf dem ColognePride

POSITHIV HANDELN NRW, die Positiven-Selbsthilfe in Nordrhein-Westfalen und Kommunikationskampagne der AIDS-Hilfe NRW, wird auch in diesem Jahr wieder zum ColognePride öffentlich auftreten. Etwa 50 Männer und Frauen werden in der CSD-Parade unter dem Motto „UN§CHULDIG – und welchen Sex hast Du?“ gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung und für Solidarität mit den Menschen mit HIV demonstrieren. „Auch 30 Jahre nach Auftreten der ersten HIV-Infektionen bleibt es eine wichtige Aufgabe, ein realistisches Bild des Lebens mit HIV zu vermitteln und gegen Vorurteile und Unwissen in der Gesellschaft vorzugehen“, erklärte Guido Schlimbach, Pressesprecher der AIDS-Hilfe NRW. „Es kann nicht sein, dass Menschen mit HIV vorverurteilt und als kriminell abgestempelt werden, wenn es um die Übertragung von HIV geht!“

Nach wie vor werden in Deutschland Menschen mit HIV verurteilt, nachdem es beim Sex zu einer Übertragung des Virus gekommen ist. Sogar wenn nur die Möglichkeit dazu bestanden hat, ohne dass es tatsächlich zu einer Übertragung gekommen ist („HIV-Exposition“), kann das zu einer Verurteilung führen. Die AIDS-Hilfe NRW lehnt die strafrechtliche Sanktionierung der HIV-Übertragung beziehungsweise -Exposition bei selbstbestimmten sexuellen Handlungen ab. Diese bürdet Menschen mit HIV die alleinige Verantwortung auf und schadet zugleich der HIV-Prävention.

Die Kriminalisierung von HIV-Übertragungen verhindert keine Infektion, eher begünstigt sie welche. Sie macht es auch nicht einfacher, offen mit HIV zu leben. Sie schiebt die Verantwortung allein auf die Menschen mit HIV und lässt vergessen, dass jeder sich um seinen eigenen Schutz sorgen muss. Das thematisiert POSITHIV HANDELN NRW in mit „UN§CHULDIG – und welchen Sex hast Du?“ Dass das Thema vielschichtig ist, das ist POSITHIV HANDELN bewusst. Umso wichtiger ist die Diskussion.

Solange es wie derzeit Praxis in der Rechtsprechung ist, die Exposition oder Übertragung von HIV als kriminellen Akt zu bewerten, steht dies kontraproduktiv einer guten HIV-Prävention entgegen. Natürlich richten die Aidshilfen ihre Prävention darauf aus, dass Menschen Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. „Bei einvernehmlichem Sex hat aber keiner der Partnerinnen und Partner eine höhere Verantwortung als der andere“, verdeutlichte Schlimbach. „Verantwortung ist nicht teilbar.“

„UN§CHULDIG – und welchen Sex hast Du?“ ist während des CSD-Empfangs des Schwulen Netzwerks NRW und der AIDS-Hilfe NRW im Gürzenich, in der CSD-Parade und als Partner von IWWIT auf dem Straßenfest zu sehen.

„UN§CHULDIG – und welchen Sex hast Du?“ (Foto: Aids-Hilfe NRW)
„UN§CHULDIG – und welchen Sex hast Du?“ (Foto: Aids-Hilfe NRW)

(Pressemitteilung Aids-Hilfe NRW)

Berlin: ‚Aidswelt‘ – ein noch zeitgemäßer Begriff ?

Am kommenden Wochenende (16./17.l juni 2012) findet im Berliner Nollendorf-Kiez das 20. lesbisch-schwule Satdtfest statt. Die Besucher werden durch zahlreiche „Welten“ strömen, wie die ‚Politik-Welt‘ oder die ‚Film-Welt‘. Und eben die ‚Aids-Welt‘, in der sich viele auf dem Gebiet HIV /Aids engagierte Organisdationen präsentieren.

„Aids-Welt“ ? Ein Rollenmodell der Kampagne „ich weiss was ich tu!“ der Deutschen Aids-Hilfe kritisiert diesen Begriff als unzeitgemäß:

„Selbst Schulklassen auf dem Land lernen heute den klaren Unterschied in Präventionsstunden und wissen, dass im 21. Jahrhundert AIDS nicht mehr im Vordergrund von HIV-Erkrankungen steht.“

Zudem sei der Begriff irreführend und potentiell diskriminierend und stigmatisierend:

„Schlichtweg irreführend erscheint der Name, wenn man sich die Arbeit all derer anschaut, die in der Motzstraße ehrenamtlich in diesen Tagen Dienst leisten. Unpassend und diskriminierend empfinden sicherlich auch viele HIV-Infizierte den Namen, die an diesen Tagen ihre Freizeit opfern, um im Sinne des Stadtfest-Slogans Besucherinnen und Besuchern die Berührungsängste mit HIV-positiven Menschen zu nehmen.“

Seine Aufforderung an die Veranstalter:

„Wer „Gleiche Rechte für Ungleiche“ fordert, sollte diese auch erfüllen.“

iwwit-Blog 15.06.2012: Willkommen in der Aidswelt – Ein Kommentar von Florian Winkler-Ohm – Rollenmodell der Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU und HIV positiv

Positiv – na und ?

1981 veröffentlichte der Hamburger Schwulen-Aktivist und Autor Thomas Grossmann ein Taschenbuch unter dem programmatischen Titel „Schwul – na und?“. Ein Bändchen, das bald eine gewisse Bekanntheit erreichte, und das mit „Beziehungsweise andersrum“ 1986 eine Fortsetzung fand (darin, nebenbei bemerkt, u.a. auch ein Interview mit mir).

Damals, Mitte der 1980er Jahre, behagte mir der Titel von Grossmanns erstem Band nicht sehr. Ja, ich engagierte ihn direkt für eine Veranstaltung – in der Kleinstadt war das ein guter Weg, das Thema wie auch unsere neu gegründete Schwulengruppe bekannt zu machen. Aber dieses „na und?“, musste das sein? Klang es nicht fast entschuldigend? Mir schien der Titel damals zu defensiv, schien zu wenig eine offensivere Haltung auszudrücken.

„Sing, if you’re glad to be gay„, die Tom Robinson Band (TRB) drückte in ihrem Lied von 1976/78 (einer zu unrecht bei Schwulen in Deutschland in Vergessenheit geratenen Hymne schwulen Lebens zu Beginn der 1980er Jahre) mein Lebensgefühl viel eher aus. Ja, ich war stolz, schwul zu sein, endlich offen schwul. Wollte etwas unternehmen gegen die, die uns weiterhin unterdrücken woll(t)en. Und es machte mir einen Heidenspaß, mein Schwulsein auszuleben, meine mühsam errungene Freiheit in jedem Zug zu genießen. Grossmanns „na und“ – es schien mir damals eher einen verdrucksten, beinahe verklemmten Unterton zu haben.

Erst Jahre später entdeckte ich, dass dieses „na und“ auch anders lesbar ist.
Dass es eine wunderbare Gelassenheit, Unaufgeregtheit ausdrücken kann.
„Na und, stört dich irgendwas daran? Mich nicht …“

Wenige Jahre nach Erscheinen gerieten Grossmanns Bändchen in meinem Bücherschrank ein wenig in Vergessenheit. Die Aids-Krise überrollte uns. Auch ich wurde irgendwann von der (Schwulen-) ‚Bewegungsschwester‘ zum ‚Aids-Aktivisten‘. Jüngst kam Grossmanns „Schwul na und“ wieder zum Vorschein. Und erinnerte mich, an damals, an schwule Bewegungen, an mein Lebensgefühl damals, auch an die Aids-Krise, an die „schlimmen Jahre“.

Was sich alles verändert hat. Auch im Leben mit HIV und mit Aids. Der ‚grosse Horror‘ wie ich ihn Ende der 1980er / Anfang der 90er empfand ist (in den wohlhabenden Industriestaaten) nicht mehr. Das Leben besteht auch für HIV-Positive aus so viel mehr als Helferzellen und Viruslast.

Ist es nun an der Zeit auch zu sagen „Positiv – na und?“

„positiv – na und“ wäre Ausdruck eines Umgangs mit mir selbst, einer Haltung, einer Selbst-Sicht. Einer Sicht, die dabei nicht negiert, dass Positive weiterhin diskriminiert, stigmatisiert, kriminalisiert werden. Einer Sicht die vorher fragt, wie sehe ich mich selbst, wie gehe ich mit mir um – und wie bewege ich mich dann damit in der Gesellschaft

„positiv – na und?“ – das hieße dann auf einer persönlichen Ebene vielleicht: ‚ja, ich habe HIV. Ich mache mir Gedanken darüber, was das für mich und mein Leben bedeutet. Aber ich mach kein Drama draus. Gehe verantwortlich mit mir und meinem Mitmenschen um. HIV steht nicht im Mittelpunkt meines Menschseins. Und es definiert mich nicht – ich definiere mich nicht darüber, und ich will darüber auch nicht von anderen definiert werden. Ich mach‘ kein Drama draus – mach du es auch nicht.‘

Ist es dann – gerade auch in diesem Sinne – an der Zeit, all jenen, die meinen immer noch Menschen mit HIV diskriminieren und stigmatisieren zu können, ein beherzt selbstbewusstes „positiv – na und?“ zu entgegnen? Und zwar zahlreich?

„positiv – na und?“ – das könnte dann in diesem Sinne sagen „Ich bin HIV-positiv. Na und? Hast du ein Problem damit? Dann löse es selbst. Kümmere dich um  dein Problem – und mach es nicht zu meinem. Halse es mir nicht auf. Denn ich komm damit ganz gut klar. Ich bin HIV-positiv – na und?“

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siehe auch
Termabox 278.01.2012: Selbstverständlich positiv – meine „Positive Stimme“
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HIV-Stigma – das „goldene Ticket“ für die Rückkehr in den Schoß der Gemeinde ?

Diskriminierung und Stigmatisierung sichtbar machen – ist das ein positiver Ansatz? Oder ist sie ein weiterer Schritt im Opfer-Dasein? Gar das „goldene Ticket für die Rückkehr in den Schoß der Gemeinde“? Die Festschreibung des Sonder-Status?

Ein Gast-Kommentar von Manuel Schubert, Autor des Blogs „Immunantwort„:

HIV-Stigma – das „goldene Ticket“ für die Rückkehr in den Schoß der Gemeinde ?

Im Regelfall prallt die Präventionsreklame an mir ab. Ausgenommen die Aktion „Positive Stimmen“. Der neueste Streich der Deutschen Aids Hilfe brachte mich tatsächlich ins Grübeln. Stark verkürzt hören sich bei diesem Projekt Menschen mit HIV gegenseitig dabei zu, wie sie über schlechte Behandlungen aufgrund ihres Virus berichten. Aus dem gesammelten Material wird anschließend der sog. „PLHIV Stigma Index“ (neudt.: „People living with HIV Stigma Index“) destilliert. Der soll abbilden, inwieweit und wo auf der Welt Menschen mit HIV diskriminiert werden bzw. aufgrund der Abstempelung als „positiv!“ Leid und Benachteiligungen erfahren. Das Projekt rühmt sich einer Besonderheit: Man verfährt nach den sog GIPA-Prinzipien („Greater Involvement of People Living with HIV/ Aids“), auf gut deutsch: Von Positiven für Positive. Wendet man eine kontroverse Lesart an, dann sind die „Positiven Stimmen“ der Kinderteller, den „uns“ die Präventionsinstanzen ausnahmsweise gewähren. Für mich riecht das irgendwie nach Entmündigung durch die Hintertür. Aber vielleicht missverstehe ich da auch nur etwas.

Sprechen ist jedenfalls angesagt bzw. das Antworten auf Fragen, die positive Interviewer ihren positiven Interviewten anhand eines standardisierten Fragebogens (sic!) stellen. Ferner Sinn des Ganzen ist die Absicht, mit dem sich hoffentlich(?) abzeichnenden Bild von der Schlechterstellung infizierter Menschen, „langfristig“ in Politik und Gesellschaft intervenieren zu können. Klingt nett. Wer diese Interventionen letztlich vornimmt, sei dahin gestellt. Ebenso, ob die „GIPA“ Prinzipien dann gelten.

„Positive Stimmen“ trägt, das D- und das S-Wort trophäenartig vor sich her: Diskriminierung und Stigmatisierung. Die Sprachdatenbank der Uni Leipzig kennt für das D-Wort 12 Synonyme, darunter „Missachtung“ und „Benachteiligung“. Ganz egal ob Versicherungen, Arbeitgeber, Chatpartner oder Richter – Menschen mit HIV im Blut schlechter zu behandeln als vorgeblich „gesunde“ Menschen, ist in westlichen Industriestaaten gängige Praxis. Schnell geraten dabei neben dem persönlichen Respekt auch Grundrechte unter die Räder. Die Frage nach Diskriminierung lässt sich relativ schnell beantworten. Die Antwort ist so mannigfaltig, wie die „Täter der Diskriminierung“ vielgestaltig sind. Und so wie sich deutsche Juden in schöner Regelmäßigkeit für die „Machenschaften“ der israelischen Regierung(-en) rechtfertigen sollen. Genauso oft dürfen sich Positive anhören, dass die Krankenkassen Verletzungen aus Extremsportarten ja auch nicht mehr bezahlen. Der einzig „positive“ Aspekt an Diskriminierung: Sie ist häufig so dermaßen dämlich und offenkundig plump, dass sie sich schnell identifizieren lässt. Sich dagegen dann auch wehren zu können, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Ob Kampagnen wie die „Positiven Stimmen“ hier hilfreich sind, sei erheblich bezweifelt. Ich würde politisch progressive, lautstarke und von Fördermitteln unabhängige Interessenvertretungen bevorzugen.

Beim S-Wort ist die Sache schwieriger. Was ist ein Stigma – in Bezug auf HIV und unter Fortlassung der historischen Wurzeln des Begriffs? Ist die Ordnungsnummer der Ärzte und Krankenkassen für HIV „B24 G“ schon Stigma, oder nur eine Kennziffer im Abrechnungswesen? Ist die Phrase „poz“ für positiv schon ein Stigma, oder einfach nur Slang unter schwulen Positiven? Erneut gefragt: Wie definiert man das „HIV-Stigma“? Und vor allem: Wer definiert es? Jeder Infizierte erfasst den Umstand des Virus im eigenen Blut anders.

Nicht wenige scheinen das Wunschdenken der Prävention vollkommen geschluckt zu haben und sind seit dem „Un-Fall“ der Infektion erstarrt. Sie reagieren mit Selbstvorwürfen oder Verstecken. Andere können mit HIV nur aus einer Opferhaltung heraus umgehen, die wiederum oft mit einer Betonung der eigenen Sonderrolle einhergeht, welche häufig auch noch institutionalisiert wird. Beide Typen, nennen wir sie den „gescheiterten Präventionsgläubigen“ und „das Opfer“, haben meiner Meinung nach ein vordringliches Interesse an der Definierung des Stigma-Begriffs. Die nicht infizierte Gesellschaft ist ihr Ziel oder vielmehr deren Anteilnahme und Aufmerksamkeit. Das HIV-Stigma als „Golden Ticket“ für die Rückkehr in den Schoß der Gemeinde. Was paradox klingt, wird durch Aktionen wie die „Positiven Stimmen“ und Worthülsen wie das „GIPA“-Prinzip auf erschreckende Weise schlüssig.

Doch was soll hierbei für ein Index herauskommen? HIV+, 38, beschimpft in München! HIV+, 22, gemieden in Berlin! HIV+, 41, verurteilt in Rostock? HIV+, 52, arbeitslos in Duisburg? Oder eher so: „Die Deutschen malträtieren ihre Positiven besonders effektiv mit Isolation, Rechtssprechung und gezielter Warnung vor dem Rauswurf aus der Solidargemeinschaft.“ Tauchen wir dann in einer „Hotlist“ von UNAIDS auf – Deutschland, Platz 3 in der Kategorie Psychoterror gegen Positive? Nein, bestimmt nicht. Dieses Volk ist ja so leidenschaftlich gerne Weltspitze. Ergo wird vor Veröffentlichung der Hotlist noch schnell die Gesundheitsversorgung von HIV auf 100% Selbstbeteiligung umgestellt und der Hartz4-Anspruch für Positive gestrichen – damit ist der erste Platz gesichert.

Nochmal: Was soll das werden? Ein Atlas der Schande? Wie viele solcher Atlanten braucht dieses Land noch? Das Suhlen in der eigenen Schande als deutscher Fetisch? „Der deutsche Fetisch – jetzt neu, auch in der Version für HIV! Zusammengestellt von unseren versierten Autoren.“ Werkzeuge stumpfen ab, nutzt man sie zu oft. Und welchen Nutzen hat dieser Atlas, wenn er nur aussagt, dass ich nirgendwo ein zu Hause habe? Ich kann mit den „Positiven Stimmen“ nichts anfangen! Meine Stimme ist nicht „positiv“, sie ist nur die des Manuel Schubert. Ja, der ist auch HIV-positiv und ja, das sogar sehenden Auges. Kein persönliches Scheitern, kein Opfer von jemandem. Aber er ist deswegen noch lange keine „positive“ Stimme, schon gar nicht im Sinne der institutionalisierten Prävention. Nein, in deren Sinne ganz bestimmt nicht!

Ich habe als deutscher Staatsbürger eine Stimme und gehe zu jeder Wahl. Ich bin Mitglied in einer Bundestagspartei. Als Blogger verschaffe ich mir öffentlich Gehör. HIV ist da eines unter vielen Themen. Meine Stimme prangert offen an, dass dieser Staat, seine Institutionen, die Gesellschaft daran gehen, meine Grundrechte, meine körperliche und geistige Konstitution und somit meine Entfaltungsfreiheit in Abrede zu stellen. Die institutionalisierten HIV-Interessenvertretungen reagieren darauf öffentlich kaum und wenn doch, dann mit hilflosen Appellen. Die schlichte Reihenfolge, in der sie ihre Arbeitsschwerpunkte benennen, macht klar, das, da nichts weiter kommen wird: An erster Stelle steht die Schaffung eines „gesellschaftspolitischen Rahmen, in dem Infektionen vermieden werden können“. Ein Perpetuum mobile für fördermittelabhängige Institutionen und ihr Personal. Die Forderung nach einer allgemeinen Lebensstilakzeptanz für Menschen mit HIV findet sich in der Proklamation zum Selbstverständnis der Deutschen Aids Hilfe (DAH) nicht.

Dieser Tage plakatieren die staatlichen Gesundheitsbehörden wieder Floskeln und lassen Rollenmodelle Sprechblasen aufsagen. In ihren gecoachten Sätzen über das positive Zusammenleben schwingt immer auch ein Wohlverhaltensvorbehalt mit: „Aber sicher.“ Etwas anderes als die Sicherheit kommt unterm Strich nicht vor. Da man sich mit der breiten Vermittlung bspw. des EKAF-Statements überraschend schwer tut, kennt die Volksgesundheit nur den Heiligen Gral: Das Kondom. Das Kampagnenziel der gesellschaftlichen Umarmung entpuppt sich so bei genauerer Betrachtung als sinnbildliche Sicherheitsverwahrung für Positive. Staatsanwälte und Richter interpretieren diese anachronistischen Mantras längst in Verhaltensnormen und damit Rechtssprechung um, da ihnen die Paragrafen des StGB den Spielraum dazu lassen. Die Politik duckt sich hier weg. Wir Positiven befragen uns derweil, selbstverständlich nach Anleitung der DAH, gegenseitig über unser Leiden.

Am 1. Dezember legen all jene, die zwischendurch das Bedürfnis haben für ein paar Minuten solidarisch zu sein, wieder die rote Schleife an. Es wird Zeit, dass Menschen mit HIV diesen modernen gelben Stern endlich mit jener Verachtung strafen, die ihm gebührt. Die Schleife ist zum Symbol eines verkommenen Solidarverständnis mutiert, das Infizierte in der Sonderrolle eines gescheiterten und fürsorgebedürftigen Individuums festschreibt. Die Sonderrolle ist die eines Hofnegers, wie er im 18. Jahrhundert von österreichischen Adeligen gehalten wurde. Anstatt mit Spendendosen zu klappern, sollten die lokalen Aidshilfen an diesem Tag Unterschriftenlisten auslegen: „Ich fordere die uneingeschränkte Straffreiheit der Transmission von HIV.“ Übrigens: „Positive Stimmen“ sucht noch Gesprächspartner. Wir sollten uns alle bewerben! Und im Interview die Welt schön biegen, damit der „PLHIV Stigma Index“ am Ende aussagt: Deutschland ist unter den Industrieländern das Paradies für Positive. Natürlich wäre das Humbug. Doch zu denken, der Index würde etwas zur Besserung der Situation Positiver beitragen, grenzt an Aberglauben.

Biohazard: HIV als Tattoo – Zeichen für mehr Akzeptanz?

Tätowierungen, Brandings die den Träger eindeutig als HIV-positiv kennzeichnen – sind sie Zeichen von Selbst-Akzeptanz und HIV-positivem Selbstbewusstsein? Oder Selbst-Stigmatisierung?

In Berlin sieht man sie schon seit einigen Jahren häufiger, auch gelegentlich in Spanien oder Frankreich, und auch in den USA: schwule Männer mit einer auffälligen Tätowierung – einem Tattoo, mit dem sie sich als HIV-positiv zu erkennen geben.

Mehrere Zeichen werden als solche ‚eindeutige‘ Hinweise genutzt, als Tattoos verwendet. So das ‚Red Ribbon‘ (‚Aids-Schleife‘). Das bekannteste Signal unter Positiven jedoch dürfte das Biohazard-Symbol sein:

Biohazard - DIN-Warnzeichen Biogefährdung
Biohazard - DIN-Warnzeichen Biogefährdung

Tätowierungen, die den Träger eindeutig als HIV-positiv kennzeichnen – sie bieten aus Sicht vieler, die diese Tätowierung tragen, einen klaren Vorteil: sie sind eindeutig. Signalisieren dem gegenüber, der Umwelt: ich bin HIV-positiv. Coming-out als Positiver, langwierige unbequeme Gespräche hätten sich damit weitgehend erledigt. Gerade beim Sex weiß jeder, woran er ist, kann sich entsprechend verhalten. Ohne Worte.

„Du bist kein Opfer. Du bist ein Champion, ein Überlebender – das ist der bedeutendste Teil des Tattoos“, zitiert CNN einen HIV-Positiven. HIV-Positive in den USA sprechen von einer ‚Umwidmung‘ eines Symbols, und vergleichen ihre Verwendung des Biohazard-Symbols mit der Verwendung des Rosa Winkels durch die Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Hinzu kommt, viele sehen in dem Tattoo auch ein Signal der Verbundenheit mit anderen Positiven, einen „geheimen Identifikations-Code, der auch gegenseitige Unterstützung signalisiere.

Auch in Deutschland ist das Biohazard-Symbol als Zeichen HIV-Positiver verbreitet. Eine Gruppe HIV-Positiver bezeichnet ihre Parties für Positive als ‚Biohazardmen Parties‘, und erläutert auf ihrer Site

„Biohazard ist die Kurzform des englischen Begriffes „biological hazard“ (biologische Gefahren). Laut des amerikanischen CDC (Centers for Disease Control and Prevention) werden Erreger in unterschiedliche Biohazard-Levels eingestuft. Dabei geht von Organismen des Levels 1 die geringste Gefahr aus. Mit höherem Level steigt das Gefahrenpotential. Der HI-Virus wird mit Biohazard Level 3 gelistet.
Wir, die Biohazardmen, sind alle HIV-positiv. Du bist es auch? Dann bist du bei uns herzlich willkommen.“

Auch Jörg (*), der seit zwei Jahren ein ‚Biohazard‘-Tattoo auf dem Arm trägt, und den ich in einem Berliner Club treffe, betont, sein Tattoo mache vieles einfacher: „Ich find’s einfach klar. Jeder weiß Bescheid, woran er ist. Spart viele Worte und Debatten.“
Und, hat er keine Angst vor Stigmatisierung? „Nein. Die meisten Schwulen hier kennen das Symbol, und sehen’s auch als Vereinfachung – jeder weiß, woran er ist. Und die Heten, die mich damit vielleicht sehen, erkennen darin meist nur ‚irgend so eine Tätowierung‘. Die meisten kennen das Symbol doch nicht mal, und wenn doch, dann wissen sie nichts mit anzufangen, warum ich das trage.“

Doch – auch unter HIV-Positiven sind ‚eindeutige‘ Tätowierungen umstritten. Manche fühlen sich erinnert an die umstrittene Werbekampagne, die der Photograph Oliviero Toscani Anfang der 1990er Jahre für einen italienischen Modekonzern realisierte: ein Plakat mit einem Hinterteil, auf das groß „H.I.V positive“ tätowiert war. Bernd (*), ein weiterer Bekannter von mir, erinnert zudem daran, dass es gerade zu Beginn der Aids-Krise Politiker gab, die ernsthaft forderten, HIV-Positive sollten – womöglich zwangsweise – tätowiert werden, damit sie für jerdermann/frau als solche erkennbar seien.  Schon deswegen käme für ihn persönlich dieses ‚Positiven-Tattoo‘ nicht in Frage.

(*) Name geändert

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weitere Informationen:
CNN 12.08.2011: Tattoos: A journey of HIV acceptance
SZ: Fotograf Oliviero Toscani–Die Farben der Provokation
Biohazardmen
not dead yet 31.01.2008: Biohazard

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Auch in Deutschland kenne ich zahlreiche HIV-Positive, besonders Barebacker, die ’spezifische‘ Tattoos haben, oft das oben dargestellte ‚Bio Hazard Symbol‘ (biological hazard, Biogefährdung).

Ich selbst konnte mich nie mit dem Gedanken anfreunden, mir HIV auch noch auf die Haut tätowieren zu lassen, und aus mehreren Gründen.

Ja, ich mag Tattoos. Sie sind für mich auch Ausdruck verschiedener Aspekte meiner Persönlichkeit, meines Lebens, meines Weges, meines Selbstbildes. Gerne habe ich Tätowierungen, die etwas mit mir, meinem Leben zu tun haben.

 

Aber – HIV auf die Haut tätowiert? Dem Stigma auch noch selbst Zeichen, Bildnis geben? Nein. Ich möchte nicht auf HIV reduziert werden. Und wenn mir jemand gefällt, schaff ich’s auch so (meist) ihm zu verklickern, dass ich positiv bin.

Besonders schwierig finde ich persönlich das ‚Biohazard‘-Symbol, das Gefahrgut-Zeichen der Biogefährdung. Zu sehr erinnert es mich an … genau, leidige Äußerungen eines Politikers, der Positive als Bio-Waffe bezeichnete. Zudem – Tätowierungen wie das Bio-Hazard-Symbol wecken in mir Erinnerungen an auf den Arm tätowierte KZ-Häftlings-Nummern.
Nein, geht gar nicht – für mich persönlich.

Bekannte von mir sehen das ganz anders – und tragen stolz ihr Biohazard-Symbol auf der Haut. Und betonen gern, wie praktisch es sei, wie unkompliziert es vieles mache.

 

HIV auf die Haut tätowiert – eine Möglichkeit des Ausdrucks von HIV-positivem Selbstbewusstsein ???

Was denkst du?

Klartext: wer sich heute mit HIV infiziert …

Ist eine HIV-Infektion eine Frage von „selbst schuld“? Für viele scheinbar ja – zeigt eine Aktion von ‚Pluspunkt‘ auf dem Berliner Straßenfest im Juni 2011.

Am 18. und 19. Juni 2011 fand in Berlin das ’19. Lesbisch-schwule Stadtfest‘ statt. Mit dabei: das Berliner Aids-Projekt ‚Pluspunkt‘, mit einer einfachen Aktion: die Besucher wurden gebeten, Klartext zu reden – und auf zwei Karten jeweils einen begonnenen Satz nach eigenem Ermessen selbst fortzusetzen.

Klartext
Klartext

Die beiden zu ergänzenden Sätze lauteten

  • Wer sich heute mit HIV infiziert …, und
  • Leben mit HIV bedeutet heute …

Während der zwei Tage Straßenfest konnte Pluspunkt ca. 140 von Teilnehmern ausgefüllte Karten sammeln; zudem waren die Karten Anlass für zahlreiche Diskussionen.

Der Halbsatz „Leben mit HIV bedeutet heute …“ erhielt 42 ‚Fortsetzungen‘. Sie schwankten zwischen „ist heute kein Todesurteil mehr“, „immer noch Schwierigkeiten / Diskriminierung“ und „auch das Leben zu genießen“.

Zu deutlich mehr ‚Klartext‘ kam es bei der Zweiten Karte, „Wer sich heute mit HIV infiziert …“. 144 Antworten sammelte Pluspunkt.

Klartext: "wer sich heute mitHIV infiziert ..."
Klartext: "wer sich heute mit HIV infiziert ..."

Die Antworten weisen eine große Spanne auf, zwischen „… verdient Mitgefühl“ und „… kann immer noch sexy sein.“

Allerdings: allein 23 Personen antworten auf den Beginn „wer sich heute mit HIV infiziert …“ mit der Aussage “ … ist selber schuld!“ (oder ähnlichen Formulierungen). Zahlreiche weitere Antworten betonen zudem „… hat nix kapiert“ oder „… ist leichtsinnig“.

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Die Aktion von ‚Pluspunkt‘ auf dem Berliner Straßenfest 2011 ist sicherlich nicht repräsentativ, und hat mit 144 Antworten auch nur eine geringe ‚Teilnehmer‘-Zahl.
Dennoch wirft sie ein Blitzlicht auf Einstellungen und Haltungen zur Frage „wer sich heute mit HIV infiziert …“. Und offenbart, wie weit verbreitet immer noch Vorstellungen von Schuld, von „selbst schuld“ sind – Vorstellungen zudem, die nicht weit von Stigmatisierung entfernt sind.
Es wäre vielleicht spannend diese Aktion in größerem Rahmen durchzuführen …