Berlin: Zahnärztin verweigert HIV-Positivem die Behandlung – trotz akuter Entzündung

Berlin: Ihre Praxis sei  ein Ausbildungsbetrieb, sie könne HIV-Patienten nicht behandeln. Mit dieser Begründung verweigerte eine Zahnärztin in Berlin einem HIV-positiven Mann die Behandlung – trotz akuter Schmerzen.

Ralf (Name geändert) freute sich auf die Hochzeit eines befreundeten Paares am Wochenende, berichtet er. Doch am Montag bekam er Zahnschmerzen. Als diese auch am Dienstag (6. September 2011) noch anhielten, entscheid er sich, zum Zahnarzt zu gehen. Die Praxis einer Zahnärztin in Berlin-Wedding wurde ihm empfohlen, erst für Donnerstag bekam er einen Termin.

„Ach, ich seh schon“, begrüßte ihn die Sprechstundenhilfe, sein Problem war offensichtlich. Ralf bezahlte die Praxis-Gebühr, füllte den Patienten-Fragebogen aus. Doch – schon bald wurde klar: hier ist er nicht willkommen, aufgrund seiner HIV-Infektion. Die Zahnärztin erläuterte ihm -am Empfang, in Anwesenheit anderer Patienten – klipp und klar, ihre Praxis bilde aus, sie könne HIV-Positive nicht behandeln. Trotz längerer Diskussion, Erläuterung der Situation (Ralf nimmt erfolgreich antiretrovirale Medikamente, Viruslast unter der Nachweisgrenze), die Zahnärztin beharrte auf ihrer Position. Obwohl der Patient dezidiert auf starke Schmerzen und Entzündung hinwies, um Hilfe bat, verweigerte sie die Behandlung. Verwies ihn an einen anderen Zahnarzt oder die Zahnklinik – „zur Weiterbehandlung“, obwohl sie überhaupt keine Behandlung begonnen hatte. Trotz offensichtlicher Entzündung (Fieber) erhielt er auch keine Medikamente vorgeschlagen.

Demgegenüber hatte das Robert-Koch-Institut erst im September 2010 in einer Stellungnahme zur Behandlung HIV-Positiver beim Zahnarzt erneut betont, dass “nach Behandlung eines Patienten mit HIV-Infektion … die routinemäßig erforderlichen Hygienemaßnahmen” genügen. Im Oktober 2010 hatten die beiden Aids-Gesellschaften dagnä und DAIG betont, bei der Behandlung HIV-Infizierter beim Zahnarzt gelten keine über Standardhygiene hinaus gehenden hygienischen Anforderungen.

Ralf hat veranlasst, dass die Berliner Zahnärztekammer sowie die Berliner Patientenbeauftragte von dem Verhalten der Zahnärztin informiert werden. Und sich einen anderen Zahnarzt gesucht …

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Gleiche Geschichte, schon wieder – nur dieses Mal mit einer neuen Variante der Begründung, der Ausbildung. Als würden in der Ausbildung andere Hygiene- oder Behandlungsvorschriften gelten. Als böte sich nicht gerade in dieser Situation die Chance, ihren Auszubildenden zu zeigen, wie eine diskriminierungs- und vorurteilsfreie und rein an Sachverhalten orientierte Praxisführung aussieht.

Ganz offensichtlich besteht bei der Zahnarzt-Behandlung HIV-Positiver in Deutschland immer noch ein gravierendes Problem.

Die Stellungnahmen von dagnä und DAIG sowie des RKI waren ein wichtiger, ein begrüßenswerter Schritt – allein, die Realität zeigt, dass sie nicht ausreichen. Nun sind die Politik sowie die Bundes-Zahnärztekammer gefragt, endlich für Klarheit zu sorgen.

12 Gedanken zu „Berlin: Zahnärztin verweigert HIV-Positivem die Behandlung – trotz akuter Entzündung“

  1. ja die begründung hat was. spitzenreiter is aber immer noch der spruch: Nein, wir sind nicht auf HIV Patienten eingestellt . . . . . wir sind sehr christlich eingestellt“

  2. Wer weiß wann die gute Ihre Ausbildung gemacht hat???
    Ich war mal beim Zahnarzt und dort waren auch sehr junge Mädels in der Ausbildung, Behandlung war kein Problem nur Ich hab gemerkt das die 16 Jährige Auszubildende sich nicht wohl gefühlt hat Sie war sehr verunsichert.Was Ich Ihr noch nichtmal übel genommen habe. Ich habe von mir aus um eine ältere Helferin gebeten. Ich fand das aber nicht weiter schlimm.
    In meiner jetzigen Praxis hab Ich keine Probleme, keinerlei Sonderbehandlung.
    Wenn selbst Sanitäter noch nie was von nicht-infektiösität unter HAART gehört haben und erst durch mich über GR davon erfahren im Gespräch finde Ich das noch bedenklicher.

    LG

  3. Unglaublich so ein unprofessionelles,armseliges und unaufgeklärtes Verhalten!
    Wäre ich einer der anwesenden Patienten gewesen,hätte ich mit protestiert! Die Ärztin sollte man als Konsequenz zu einer „Nachschulung“ schicken,damit sie auch den richtigen und normalen sozialen Umgang mit HIV-Patienten lernt!

  4. alivenkickn:“spitzenreiter is aber immer noch der spruch: Nein, wir sind nicht auf HIV Patienten eingestellt . . . . . wir sind sehr christlich eingestellt“. “
    Omg. Das reißt ja dem Fass den Boden aus!
    Doch auch in Krankenhäusern wird man auch heute oft nicht wesendlich besser behandelt.
    Ich habe Verständnis dafür, wenn Menschen Angst haben. Es ist mir allerdings lieber, sie geben es offen zu, als dass sie sich in unlogische Ausflüchte flüchten.
    Es ist wahrscheinlich auch nicht von Erfolg gekrönt, den Arzt, der Angst hat, zur Behandlung zu zwingen. Doch eine ehrliche 4 Augenaussprache wäre das mindeste, was man von diesem Menschen erwarten können müsste!

  5. Das sind ja hier sehr milde Kommentare zu diesen absolut gegen jede ärztliche Ethik verstoßenden Fall. Nachschulung? Wozu? Solchen Ärzten sollte man die Kassenzulassung entziehen, dann wird’s klamm im Portemonnaie und dann klappt es auch wieder mit der Behandlung von „ungeliebten“ Patienten.

  6. Da ich derjenige bin, der die oben geschilderte Situation erlebt hat, möchte ich mich erstmal bei ondamaris und den Kommentatoren bedanken!
    Es ist doch erstaunlich, wie hilflos und ohnmächtig man sich fühlen kann, wenn man von so etwas auf dem falschen Fuß erwischt wird, selbst nach zwei Jahrzehnten Mitarbeit in der Aids-Selbsthilfe… Und da ist es dann tatsächlich schon eine Hilfe, mit dem Erlebten nicht allein da zu stehen.
    Die in den Kommentaren anklingende Vermutung, es handele sich bei der Ärztin vielleicht um eine uralte Dame mit entsprechenden Ausbildungsmängeln in einer dubiosen Weltgegend, trifft (leider?) nicht zu: das ganze spielte in einer normalen bis modernen Berliner Praxis, und die Ärztin (ich schätze sie auf Mitte 40) machte bis zu dem Moment, wo es um die HIV-Infektion ging, einen durchaus offenen und freundlichen Eindruck.
    Ich wäre dankbar, wenn jemand noch konstruktive Ideen hat, was man unternehmen könnte, damit sich sowohl in dieser einzelnen Praxis, als auch endlich in der Ausbildung von ZahnmedizinerInnen und ArzthelferInnen wirklich etwas bewegt.
    Eine Beschwerde über die Zahnärtztekammer und die Patientenbeauftragte ist selbstverständlich und auch bereits in Vorbereitung (Danke! an Stephan und Leo von der Schwulenberatung); und auch der Gedanke, der Ärztin eine Aussprache anzubieten, ist gut. Aber ich denke, daß das nicht alles sein kann, um tatsächlich etwas zu ändern…

  7. @matthias

    im märz 2010 habe ich dort wo ich lebe eine umfrage bei zahnärzten gemacht. einer der sprüche war besagter “ . . .wir sind sehr christlich eingestellt.“

    http://alivenkickn.wordpress.com/2010/03/31/zahnarzte-%E2%80%93-besser-als-ihr-ruf/

    interessant ist auch das feedback der aids hilfe hanau zu einer von ihr durchgeführten ähnlichen aktion . . .

    der tenor war allerdings der “ na ja n paar ärzte haben ja kein problem mit menschen die hiv + sind. zu denen schicken wir klienten wenn sie uns nach nem arzt fragen“. da darf man sich schon mal frage was in besagter ah so los ist . . . .

    eines meiner prinzipien ist es „NICHT roß und reiter“ namentlich zu benennen. davon komme ich immer mehr ab. würde ich heute noch einmal eine ähnliche umfrage machen ich würde die arztpraxis namentlich benennen. es kann nicht angehen das nach 30 jahren hiv ärzte sich weigern uns zu behandeln. vor diesem schritt ist es allerdings ratsam sich ne rückendeckung bei einem anwalt zu holen.

    was die frage der gesprächsbereitschaft betrifft . . das funktioniert am besten auf der pers ebene. dies ist die art und weise wie man etwas verändern kann – in kleinen schritten.
    http://alivenkickn.wordpress.com/2010/08/19/beim-zahnarzt-die-249ste-oder-so/

    eine andere möglichkeit wären angebote zu einem gespräch an einem runden tisch unter einbezeihung der dagnä http://www.dagnae.de/ . . nur und da sind wir beim problem . .wenn man 50 ärzte einlädt kannste froh sein wenn 5 kommen . . . .

    also gehts imo nur über direkte öffentliche konfrontation . . . . über facebook, blog und unter einbeziehung von bestehenden kontakten zu den medien . . . . . . .

    lg alivenkickn

  8. wenn die Ärtztin vor anderen patienten die hiv infektion angesprochen hat ist das nicht eine verletzung der ärtztlichen schweigepflicht? da müste sie doch zu kriegen sein.
    mein za meinte er hätte den beruf verfehlt wenn er mich wegen hiv anders behandleln würde. kann ja jeder haben. mir hat er auch 8 kronen gemacht bevor es bei mir gleich als aids aufflog. TOM

  9. *kotz*

    das reicht wirklich. ich finde, da dürfen wir jetzt auch unsere ärztlichen freundinnen und freunde nicht aus der pflicht lassen. wir haben ihnen geholfen, als es um ihre kohle ging. jetzt erwarte ich von ihnen auch hilfe gegenüber den ärztlichen standesorganisationen. die müssen da ran.

    letztlich ist das nichts anderes al unterlassene hilfeleistung.

  10. @ carsten & all:

    dagnä und daig als ärztliche organisationen haben ja mit der stellungnahme vom herbst 2010 schon einen ersten begrüßenswerten schritt unternommen.

    die zahl der dokumentierten fälle ist ja inzwischen doch beachtlich (und sicher sind zahlreiche weitere fälle bisher nur noch nicht bekannt – was sich aber ändern ließe). die begründung „einzelfälle“ dürfte damit hinfällig sein.

    nun gilt es m.e. unter anderem, die bundeszahnärztekammer zu einer eindeutigen äußerung zu bringen. hier könnte unterstützung seitens dagnä und daig sicher sehr hilfreich sein. es bedürfte unsererseits m.e. eines koordinierenden akteurs – hier wäre die DAH gefragt.

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