Berlin bekommt endlich eine Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße (akt.2)

Berlin bekommt eine Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße. Der Bezirk Schöneberg ehrt so ein „Vorbild und Inspirationsquelle der Emanzipationsbewegung der Homosexuellen“, so die Initiatoren.

Am 15. Februar 2012 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Schöneberg, die Einemstrasse in Karl-Heinrich-Ulrichs-Strasse umzubenennen. Geehrt wird damit „der erste Schwule der Weltgeschichte“, wie Volkmar Sigusch ihn bezeichnete.

Karl Heinrich Ulrichs (der auch unter dem Pseudonym Numa Numantius schrieb) ist einer der Vorkämpfer für die Rechte der Homosexuellen in Deutschland (Karl-Heinrich Ulrichs: Biographie). Der am 28. August 1825 in Westerfeld (heute zu Aurich gehörend) geborene Jurist stellte die Hypothese auf, bei manchen Menschen wohne eine weibliche Seele in einem männlichen Körper. Dies sei nicht krankhaft, sondern natürlich – und dürfe nicht bestraft werden.

Karl Heinrich Ulrichs
Karl Heinrich Ulrichs

„Die heterosexuelle Majorität der Männer hat kein Recht, die menschliche Gesellschaft ausschließlich heterosexuell zu determinieren.“
(Karl Heinrich Ulrichs)

Umbenannt in „Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße“ wird die (bald ehemalige) Einemstraße. Der preußische Offizier, Kriegsminister (1903 – 1909), fanatische Monarchist und Hitler-Bewunderer Karl von Einem (1853 – 1934) gilt nach Angabe der ‘schwulen Juristen’ als Wegbereiter des Faschismus und wünschte in seiner Funktion als Kriegsminister in einer Reichstagsrede 1907 die Vernichtung homosexueller Männer.

Die Umbenennung geht zurück auf Aktivitäten der Initiative „Eine Straße für Karl„. Die initiatoren Gerhard Hoffmann und Dirk Siegfried: „Wir sind glücklich darüber, dass Karl Heinrich Ulrichs, Vorbild und Inspirationsquelle der Emanzipationsbewegung der Homosexuellen, nun diese lange verdiente Würdigung in Berlin erhält.“

symbolische Umbenennung der Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße 2011 (Foto;: Pressemitteilung)
symbolische Umbenennung der Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße 2011 (Foto: Axel Hildebrand / Pressemitteilung)

Video Dirk Siegfried: „Von Karl zu Karl: Eine Straße für Karl-Heinrich Ulrichs!“ :

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weitere Informationen:
ondamaris 17.03.2010: Berlin: Straße zum Gedenken an Karl-Heinrich Ulrichs gefordert
ondamaris 12.04.2012: Göttinger Laudationes: Karl Heinrich Ulrichs, Jurist
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‚Stonewall Uprising‘ – Dokumentation über einen Wendepunkt der Geschichte der Homosexuellen

„Stonewall Uprising“ – der Stonewall-Aufstand, einer der zentralen Wendepunkte der modernen Schwulenbewegung und Namensgeber der heutigen CSDs, ist als Doku-Drama im Kino angekommen.

28. Juni 1969. Wieder einmal Polizei-Razzia im ‘Stonewall Inn’ in der Christopher Street im New Yorker Greenwich Village. Doch in dieser Nacht war etwas anders. Anders als zuvor kuschen die Gäste nicht, beugen sich nicht der Willkür der Polizei – sondern wehren sich.

Stonewall“ – die Aufstände Homosexueller gegen Drangsalierungen und Verfolgungen durch die New Yorker Polizei wurden zu einem der Startpunkte der Schwulenbewegung. „The big news here is gay power“, kommentierte damals Edmund White die Vorgänge um die Stonewall Bar in der Christopher Street in New Yorks Greenwich Village.

In dem Film „Stonewall Uprising“ kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort. Historische Aufnahmen werden mit Spielszenen kombiniert

Der Verleih bewirbt den Film lautstark: „Vor nicht zu langer Zeit … 1969 waren  homosexuelle Handlungen in den ganzen USA illegal. … Die Geschichte einer Revolution …“.

Der Trailer für den Film:

Die New York Times betont in ihrer Filmkritik Notwendigkeit der Dokumentation wie auch der Form des Doku-Dramas:

„It is a sad indication of the marginalization of homosexuality in the late 1960s that media coverage of the Stonewall riots was mostly after the fact. And even then it was cursory and often condescending. Because so little photographic documentation exists of the unrest, the film relies mostly on eyewitnesses, including Seymour Pine, the now-retired police officer who led the initial raid of six officers and who describes it as “a real war.”“

Der 80 Minuten dauernde Film hatte am 16. Juni 2010 in New York Premiere und wird am 24. Juni auf dem ‚Frameline San Francisco International LGBT Film Festival‘ aufgeführt. Ob er auch nach Deutschland kommt, ist bisher nicht bekannt.

CSD – was bedeutet das nochmal? Viele feiern an den kommenden Wochenenden den „CSD“, nicht allen ist bewusst, was CSD bedeutet, warum ein Homo-Party-Spektakel mit diesen drei Buchstaben abgekürzt wird. Was auf der Christopher Street stattfand, welchen Schritt die Unruhen in und um eine von der Mafia betriebene Bar für Homosexuelle damals bedeuteten – und was das mit uns heute zu tun hat. Filme wie „Stonewall Uprising“ könnten dazu beitragen, ein wenig mehr Geschichtsbewusstsein, ein wenig mehr Wissen um unsere eigene Vergangenheit zu schaffen. Bleibt zu hoffen, dass es der Film auch in Kinos in Deutschland schafft …

weitere Informationen:
towleroad 17.06.2010: Watch Stonewall uprising trailer
New York Times 16.06.2010: Movie Review Stonewall Uprising
Stonewall Uprising bei IMDb
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Magnus Hirschfeld – Gedenken zum 75. Todestag (akt.)

Vor 75 Jahren, am 14. Mai 1935, starb Magnus Hirschfeld in Nizza. Am 10. Mai 2010 wird Hirschfeld in Berlin mit einer Gedenkveranstaltung in Anwesenheit von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit sowie Bundesjustizministerin a.D. Brigitte Zypries gedacht.

Magnus Hirschfeld, am 14. Mai 1868 in Kolberg / Kołobrzeg geboren, studierte von 1888 bis 1892 in Straßburg, München, Heidelberg und Berlin Philosophie, Philologie und Medizin. Danach eröffnete er in Magdeburg eine naturheilkundliche Arztpraxis; zwei Jahre später zog er nach Berlin.

1897 gründete Magnus Hirschfeld gemeinsam mit dem Verleger Max Spohr, dem Juristen Eduard Oberg und dem Schriftsteller Max von Bülow das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK), zu dessen Vorsitzendem er gewählt wurde. Das WhK setzte sich u.a. zum Ziel, homosexuelle Handlungen zwischen Männern zu entkriminalisieren. Eine Petition zur Abschaffung des §175 fand große Unterstützung, scheiterte jedoch letztlich.

Magnus Hirschfeld gründete 1918 gemeinsam mit dem Dermatologen Friedrich Wertheim und dem Psychotherapeuten Arthur Kronfeld in Berlin das ‚Institut für Sexualwissenschaften‚ mit dem Ziel der „Förderung wissenschaftlicher Forschung des gesamten Sexuallebens und Aufklärung auf diesem Gebiete“.

Magnus Hirschfeld (1901)
Magnus Hirschfeld (1901)

Das Institut wurde 1933 durch die Nationalsozialisten geschlossen, die umfangreiche Institutsbibliothek bei der Bücherverbrennung auf dem Opernplatz (heute Bebelplatz) vernichtet.

Hirschfeld selbst war schon 1932 nach einer Auslandsreise direkt ins Exil gegangen, zunächst in die Schweiz (Ascona), dann nach Frankreich (Paris, dann Nizza). In Nizza starb Hirschfeld am 14. Mai 1935, seinem 67. Geburtstag. Er wurde auf dem Cimetière de Caucade von Nizza beigesetzt.

An Magnus Hirschfeld erinnert in Berlin seit Mai 2008 das Magnus-Hirschfeld-Ufer. Schon seit 1994 erinnert zudem eine Stele an das frühere Institut für Sexualwissenschaften. Zum 145. Geburtstag von Magnus Hirschfeld (geboren 14. Mai 1868 in Kolberg) soll am Magnus-Hirschfeld-Ufer ein Denkmal für Hirschfeld eingeweiht werden.

Am 10. Mai 2010 wird Hirschfeld mit einer Gedenkveranstaltung auf dem Bebelplatz in Berlin gedacht (15:30Uhr, am Mahnmal für die Bücherverbrennung). Ein Grußwort spricht Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin; die Gedenkrede hält Brigitte Zypries MdB, Bundesministerin der Justiz a.D..

Vom 11. Mai bis bis 10. Juni 2010 findet im Foyer der Humboldt-Universität („Kommode“) am August-Bebel-Platz die Ausstellung „Das erste Institut für Sexualwissenschaft 1919-1933“ statt. Anhand von Fotos und Dokumenten gibt die Ausstellung einen Überblick über die Arbeit des Instituts ab 1919. Sie stellt die wichtigsten Mitarbeiter, namhafte Besucher und Gäste vor. Exemplarisch werden das Engagement der Mitarbeiter illustriert, ihre Aktivitäten in der Sexualreformbewegung, in der Gerichtsmedizin, in Beratung, Aufklärung und Sexualerziehung.

Nachtrag 16.05.2010:
Am 14. Mai 2010 fand eine Gedenkveranstaltung auch am Grab von Magnus Hirschfeld in Nizza (Cimetière de Caucade) statt. Bericht und Foto auf tetu: Magnus Hirschfeld, vedette posthume 
du festival «Espoirs de mai» à Nice

weitere Informationen:
Magnus Hirschfeld Gesellschaft e.V., Stiftung Topographie des Terrors, Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, hannchen mehrzweck stiftung: Pressemitteilung Gedenken zum 75. Todestag von Magnus Hirschfeld (pdf)
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„Eine Straße für Karl “ – Unterschriften-Aktion angelaufen

Die Forderung, in Berlin eine Straße nach Karl-Heinrich Ulrichs zu benennen, kann nun mit einer Unterschriften-Aktion unterstützt werden.

„Eine Straße für Karl“ heißt die Initiative um die Landesarbeitsgemeinschaft Schwule Juristen Berlin, die fordert, die bisherige Einemstraße in Berlin in Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße umzubenennen.

Über die Aktion informiert die Initiative nun auf einer Internetseite „Eine Straße für Karl„. Dort ist auch der Download von Unterschriften-Listen möglich; zukünftig soll seit 8. Mai 2010 ist auch eine Online-Unterstützung möglich sein.

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weitere Informationen:
Eine Straße für Karl
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Göttinger Laudationes: Karl Heinrich Ulrichs, Jurist

Ohne Karl Heinrich Ulrichs und seine Überlegungen zum dritten Geschlecht, dem der Homosexuellen oder Urninge, wäre Magnus Hirschfeld, der bekannteste Sexualwissenschaftler der Jahrhundertwende, wäre  kaum denkbar gewesen, betont Bernd Aretz in einer Laudatio auf Ulrichs.

Karl Heinrich Ulrichs braucht eine Straße – findet die Initiative Schwule Juristen, und wird von vielen Personen dabei unterstützt. An zahlreichen Orten wird bereits dem frühen Pionier einer Emanzipation „mann-männlicher Liebe“ gedacht, bisher nicht in Berlin.

1997 wurde in Göttingen am Haus Markt 5 eine Gedenktafel für Karl Heinrich Ulrichs angebracht. Für die Einweihung der Göttinger Tafel hielt der Jurist Bernd Aretz 1997 folgende Laudatio:

Göttinger Laudationes: Karl Heinrich Ulrichs, Jurist

Rede anläßlich der Enthüllung einer Gedenktafel am 17.1.1997, Markt 5

„Karl Heinrich Ulrichs war von mittlerer Statur, von hoher Stirn, von der wenige, aber ziemlich lange Haare herabhingen, von ernstem und ausgeprägtem Gesichtsschnitt, mit perfekten Zügen, beschmückt mit einem kurzen und dünnen Bart, eher nüchtern, mit geringen Bedürfnissen und geistig angestrengt, gekleidet mit eher ärmlicher als bescheidener Kleidung, mit ruhigem würdevollen Gang, ohne Geziertheit, gestützt auf einen Stock, immer mit einigen Büchern, die er unter den Arm geklemmt hatte.“ So begann 1895 Marchese Nicolo Persichetti in Aquila in den Abruzzen seine Grabrede für den am 14. Juli gestorbenen geschätzten Freund.

Die Daten, der äußere Weg: Karl Heinrich Ulrichs wurde am 28. August 1825 in Aurich in Ostfriesland in eine bürgerliche, von Beamten und Pfarrern geprägte Familie geboren. Der frühe Tod des Vaters führte dazu, daß Ulrichs in einem Internat in der Nähe von Hildesheim und, von Verwandten aufgenommen, die Gymnasien in Detmold und in Celle besuchte. Das Studium führte ihn nach Göttingen. Die Universität bescheinigte 1846 unter anderem. „Der Studierende Ulrichs, welcher schon seit 5 Semestern nach der Aussage seiner Lehrer sehr fleißig seine Vorlesungen besucht, auch sonst Zeichen eines nicht gewöhnlichen Fleißes gegeben hat, steht in dem Rufe ein ordentlicher Mensch zu sein, hat auch von Seiten der Disziplin niemals Veranlassung zu Klagen gegeben“.

Er betrieb als Schwerpunkt die Juristerei, studierte aber als Mann von breitgefächerten Interessen auch Archäologie und Literaturwissenschaft. Wer darum weiß, wieviel Energien es heute immer noch jugendliche im coming out kostet, ihre Homosexualität zu entdecken und zuzulassen, wird erahnen können, welche Qualen ein Mann durchlitten haben muß, für den es keinerlei öffentliche Vorbilder oder Orte der umfassenden sozialen Begegnung gab. In einer gesellschaftlichen Situation, die manche von Ulrichs Freunden in den Selbstmord trieb, blieb Karl Heinrich Ulrichs handelndes Subjekt.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen, insbesondere im öffentlichen Recht, wurden preisgekrönt, auch von der Universität Göttingen. Literarische und politische Texte von ihm sind erhalten, wie zum Beispiel das „Großdeutsche Programm“, in dem er zu Recht darauf hinwies, daß die deutsche Einheit nicht so gezimmert werden dürfe, daß einzelne sich darin nicht wohl fühlten. Er kämpfte für einen wechselseitigen Respekt gegenüber den kulturellen Leistungen der unterschiedlichen Volksgruppen.

In Göttingen konnte er auch dem geselligen Leben durchaus etwas abgewinnen. Er gab, teils selbstgeschriebene, Studentenlieder heraus. Und er tastete sich zu dem vor, was sein Hauptwerk werden sollte: die zwölfbändige Schrift „Forschungen über das Räthsel der mann‑männlichen Liebe“. Ulrichs wagte es als erster, das Unaussprechliche auszusprechen, den Sehnsüchten einen nicht negativ besetzten Namen zu geben, die mann‑männliche Liebe. Und er legte so zwischen 1864 und 1879 den Grundstein für eine nicht diskriminierende Forschung zu sexuellen Identitäten.

Magnus Hirschfeld, der bekannteste Sexualwissenschaftler der Jahrhundertwende, wäre ohne Ulrichs und seine Überlegungen zum dritten Geschlecht, dem der Homosexuellen oder Urninge, kaum denkbar gewesen. Ulrichs war ein radikaler Kämpfer für die Gleichberechtigung. Er korrespondierte mit Menschen in der ganzen Welt über das Empfinden und Leben homosexueller Männer, stand mit allen Größen der beginnenden Sexualwissenschaft in Kontakt. Er konzipierte die erste schwule Zeitschrift und entwarf schon die Satzungen für den Urningsbund. Eine Hülfskasse sollte eingerichtet werden, die großen politischen Entwürfe sollten mit der Politik des Machbaren vereint werden. Und diese Forderungen erhob er öffentlich.

Daß seine Karriere im Staatsdienst trotz der herausragenden fachlichen Qualitäten nur von kurzer Dauer war, versteht sich fast von selbst. Auch daß das freie deutsche Hochstift in Frankfurt, das auch heute noch das Goethe‑Haus betreibt, ihn wegen seiner Homosexualität hinauswarf, verwundert kaum. Verblüffender ist da eher schon, daß die beiden Haftstrafen in der Festungshaft zu Minden nicht seiner Homosexualität galten, sondern seinem öffentlichen Protest gegen die Annektionspolitik Preußens.

Ulrichs schlug sich nunmehr als Privatgelehrter, Journalist, Autor, Privatsekretär und Hauslehrer durch. Sein Lebensweg führte ihn über verschiedene deutsche Städte nach Italien, wo er in den letzten Jahren eine in aller Welt verbreitete Zeitschrift zur Wiederbelebung der lateinischen Sprache, Alaudae, herausgab. Göttingen darf sich glücklich schätzen, einen Mann aus seinen Reihen ehren zu dürfen, auf dessen Ehrentafel nicht nur Jurist hätte stehen können, sondern mit gleicher Berechtigung schwuler Bürgerrechtler oder Sexualwissenschaftler.
Wir verdanken ihm folgendes Bekenntnis zur Solidarität: „Die Vergewaltigten und Geschmähten kennen kein Recht der Vergewaltigung durch nackte Gewalt, noch ein Recht der Schmähung. Darum ist unsere Stellung überall auf Seite der Vergewaltigten oder Geschmähten: mögen sie heißen Pole, Jude, Hannoveraner, Katholik, oder sei es ein unschuldiges Geschöpf, das den Leuten anrüchig ist, weil es so sittenlos war, außerehelich geboren zu werd en, wie wir ja so unsittlich waren, mit der Urningsnatur ausgestattet zu werden, oder mag es eine arme „Gefallene“ sein, die der hochsittliche Barbarismus des 19. Jahrhunderts zu Akten der Verzweiflung treibt, zu Kindsmord, Fruchtabtreibung, wohl gar zu Selbstmord. Wir, die wir wissen, wie es tut, vergewaltigt und gemartert zu werden: Wir können so recht von Herzen die Partei jener ergreifen, die wir in ähnlicher Lage erblicken. Neben dem Juden stehen wir, sobald ein übermüthiger Katholik ihn beschimpft, neben dem Katholiken, sobald ein intoleranter Liberaler ihn um seines Glaubens willen schmäht. Wir verteidigen nicht heuchlerisches Augenverdrehen, wohl aber das Recht, Katholik zu sein, das Menschrecht für Glauben und Nichtglauben sich zu verantworten vor dem eigenen Gewissen und nicht vor schmähsüchtigen Parteien. Mit Charakteren sympathisieren wir, mit jedem freien Menschen, nie mit Parteisklaven. Wir bekämpfen die Arroganz despotischer Majoritäten. Unter allen Umständen verachten wir daher den herrschenden Liberalismus, welcher hohler ist als taube Nüsse, welcher uns statt Brotes Steine beut; welcher Freiheit nur für Majoritäten fordert, die bereits am Ruder sind, sobald es sich dagegen um unterdrückte Minoritäten handelt, die seinem Geschmack nicht zusagen, nie und nirgend für Freiheit eintritt, der ohne Ende die selbe fälscht durch den ihm innewohnenden Despotismus, der ohne zu erröten alle Tage Menschenrecht verhöhnt und Menschenwürde zertritt.“
Auf seinem Grabstein steht unter anderem zu lesen: „Er eignete sich alle Bereiche der humanistischen Bildung in einem solchen Maße an, daß er von berühmten Gelehrten in Göttingen und Berlin zu ihresgleichen gerechnet wurde, warf in Antropologie und der Jurisprudenz neue Fragestellungen auf, wurde mit hohen Ämtern
geehrt und wurde in günstigen Urnständen nie übermütig und in widrigen nie verzagt. Schwierige Ereignisse vertrieben ihn aus dem Land Hannover und als armer Mann
wanderte er durch einen großen Teil Europas. Überall erwies er sich als Mann von Geist, Gelehrsamkeit und Tugend.“
Ich danke den Göttinger Schwulen, daß sie durch die Wiederherstellung des Grabsteins von Ulrichs einen Beitrag gegen das Vergessen geleistet haben. Ich danke der Stadt Göttingen, daß sie mit der Tafel eine der Facetten Ulrichs ehrt, wenn auch zweifellos nicht die wichtigste. Im Verschweigen dessen, was sein Hauptwerk war, wird deutlich, wie weit Ulrichs seiner Zeit voraus war.

Literatur:
Karl Heinrich ULRICHS:Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe“, hg. von Hubert Kennedy, Berlin 1994, Reprint der Ausgabe von 1864‑1879.
Hubert KENNEDY: „Karl Heinrich Ulrichs ‑ Sein Leben und sein Werk“, Stuttgart 1990, Beiträge zur Sexualforschung 65.

(vielen Dank an Bernd Aretz für die Erlaubnis, den Text (der bereits auch in der ‚posT‘ publiziert wurde) hier zu übernehmen!)

Homosexualität als Verbrechen – die Situation von Schwulen und Lesben im Iran

Nach kurzen Jahren mit beginnender homosexueller Emanzipation ist die Lage schwuler Männer und lesbischer Frauen im Iran seit Amtsantritt des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad zunehmend von staatlicher Verfolgung und Lebensgefahr geprägt. Die heute in Kalifornien lebende Iranerin Janet Afary berichtet in Lettre über die Situation Homosexueller im Iran.

Janet Afary ist Iranerin, studierte in Teheran Linguistik, ging 1978 ins Exil in die USA. Sie promovierte über die iranische Revolution von 1906 und lehrt derzeit an der University of California. Afary ist Mitarbeiterin von The Nation und Guardian.

Afary befasst sich in ihrem Artikel in Lettre International Nr. 88 neben Themen wie „Frauen, Reformen, Menschenrechtsdiskurs“, der „Politik der Geburtenkontrolle“ und „Heiratskonventionen und sexuelles Erwachen“ auch in zwei ausführlichen Kapiteln mit der Situation männlicher und weiblicher Homosexueller im Iran: „“Diskurs über die Rechte von Homosexuellen“ sowie „“Staatliche Verfolgung sexueller Transgression“.

Lettre88

Afary folgt in ihrer Analyse stellenweise Gedanken des französischen (1984 an den Folgen von Aids verstorbenen) Philosophen Michel Foucault, z.B. dem Gedanken (aus „Sexualität und Wahrheit“), die „wahrhafte Explosion des Diskurses“ über Sexualität im Europa des 17. Jahrhunderts habe stattgefunden auf der Basis eines „funktionierenden Apparats zur Erzeugung eines noch umfangreicheren Diskurses der Sexualität, dessen Ökonomie er zu beeinflussen trachtete“. Diese Darstellung Foucaults auf den heutigen Iran anwendend, beschriebt sie die Situation von Frauen und Homosexuellen im Iran.

In ihrem „Diskurs über die Rechte von Homosexuellen“ im Iran berichtet  Afary zunächst besonders über die Bedeutung der nur zwei Jahre (vom Dezember 2004 bis 2006) existierenden bahnbrechenden Publikation und Website ‚MAHA: The First Iranian GLBT E-Magazine“. Die mutige Rolle MAHAs werde deutlich an frühen Aussagen wie

„Wir leben in einer Gesellschaft, in der Pädophilie legal ist und durch die Scharia begründet wird, während eine freie und freiwillige sexuelle Beziehung zwischen zwei homosexuellen Erwachsenen als Verbrechen gilt.“

MAHA habe nicht nur das Verhalten des klerikalen Iran kritisiert, sondern auch das der säkularen Intellektuellen und Künstler:

„Würden, wenn ein/e Künstler/in oder jede/r andere wegen des ‚Verbrechens‘ der Homosexualität in Haft käme, iranische Künstler und Linke sich öffentlich zu seiner/ihrer Verteidigung äußern? Die definitive Antwort lautet: Nein!“

Allerdings habe MAHA auch betont, „es gebe unter den verschiedenen NGOs und politischen oppositionellen Gruppen eine eine größere Toleranz für moderne Homosexuellenrechte.“

MAHA sei nach nur zwei Jahren Bestehen eingestellt worden – vor allem aus Furcht vor Verhaftung und Hinrichtung der Mitarbeiter. Organisationen aus dem Exil (wie Cheraq oder Iranian Queer Organisation) würden sich bemühen, die Arbeit fortzusetzen. Im Iran selbst hingegen habe sich die Situatiuon ab 2005 deutlich verschärft:

„Der Krieg gegen die Homosexualität und eine offen zur Schau getragene homosexuelle Lebensweise eskalierte nach der Wahl des basidsch [basidsch: Abteilung bzw. Mitglieder der iranischen Revolutionsgarde, d.Verf.] Ahmadinedschad zum Präsidenten.“

Seit Ahmadinedschad würden basidsch als Agents Provocateurs eingesetzt, um Homosexuelle mit verdeckten Aktionen zu ‚enttarnen‘ und festzunehmen. Die heutige Verfolgung ginge noch über das Procedere der Scharia hinaus: während diese ein Geständnis oder Zeugenaussagen in flagranti verlange, würden Behörden heute nach medizinischen Beweisen der Penetration suchen. Lägen derartige Beweise vor, werde die Todesstrafe verkündet.

„Da die Hinrichtung von Männern aufgrund des Vorwurfs der Homosexualität international für Empörung gesorgt hat, tendiert der Staat dazu, ihn mit Anklagen wie Vergewaltigung und Pädophilie zu verbinden. Die Anwendung dieser Taktik hat den Status der Homosexuellengemeinde im Iran untergraben und die Sympathien der Öffentlichkeit vermindert.“

Die iranische Gesellschaft befinde sich in einem Umbruch-Prozess, was sexuelles Verhalten angehe. Der Staat weigere sich jedoch hartnäckig, seinen Widerstand gegen Reformen aufzugeben. „Familienwerte“ oder „unmoralisches sexuelles Verhalten“ seien inzwischen zu Reizthemen zum Ausbau der Macht der Neokonservativen geworden.

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weitere Informationen:
Janet Afary
„Sexualökonomie im Iran –
über Bevölkerungspolitik, weibliche Emanzipation und Homosexualität“
Lettre International Nr. 88
(Text-Auszug)

Berlin: Straße zum Gedenken an Karl-Heinrich Ulrichs gefordert (akt.2)

Die Einemstraße in Berlin soll in Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße umbenannt werden. Dies fordern die ’schwulen Juristen‘ sowie die SPD. Auf Antrag der CDU soll zunächst ein Gutachten Klarheit verschaffen.

Magnus Hirschfeld hat in Berlin einen ganzen Uferweg, das Magnus-Hirschfeld-Ufer, und eine Gedenk-Stele für das Institut für Sexualwissenschaften. Kurt Hiller hat einen ‚Park‘ (de facto mehr ein Plätzchen) – den Kurt-Hiller-Park. An Karl-Heinrich Ulrichs erinnert bisher in Berlin – nichts.

Dies zu ändern versucht nun eine Initiative schwuler Juristen mit Unterstützung der SPD Berlin Tempelhof-Schöneberg. Sie fordern, dass die Einemstraße in Berlin-Schöneberg in Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße umbenannt wird.

Karl Heinrich Ulrichs
Karl Heinrich Ulrichs

Karl Heinrich Ulrichs (der auch unter dem Pseudonym Numa Numantius schrieb) ist einer der Vorkämpfer für die Rechte der Homosexuellen in Deutschland (Karl-Heinrich Ulrichs: Biographie). Der am 28. August 1825 in Westerfeld (heute zu Aurich gehörend) geborene Jurist stellte die Hypothese auf, bei manchen Menschen wohne eine weibliche Seele in einem männlichen Körper. Dies sei nicht krankhaft, sondern natürlich – und dürfe nicht bestraft werden.

Ulrichs sprach damals noch nicht von ‚Homosexuellen‘ – diesen Begriff prägte erst Jahre später 1869 der österreichisch-ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny (Karl Maria Benkert). Ulrichs selbst bezeichnete sich und seinesgleichen als ‚Urninge‘.

Der preußische Offizier, Kriegsminister (1903 – 1909), fanatische Monarchist und Hitler-Bewunderer Karl von Einem (1853 – 1934) gilt nach Angabe der ’schwulen Juristen‘ als Wegbereiter des Faschismus und wünschte in seiner Funktion als Kriegsminister in einer Reichstagsrede 1907 die Vernichtung homosexueller Männer.

Karl von Einem 1907:

„Ein Eindringen jüdischer Elemente in das aktive Offizierskorps [ist] nicht nur schädlich, sondern für direkt verderblich zu erachten“. (zit. nach Volker Ullrich „Die nervöse Großmacht: Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918“)

Ein Teil der Maaßenstrasse in Berlin Schöneberg (von Nollendorfplatz bis Lützowplatz) wurde am 13. Juni 1934 in Einemstrasse umbenannt. Die schwulen Juristen fordern nun, diesen Abschnitt in ‚Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße‘ umzubenennen. Melanie Kühnemann, Stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD-Fraktion der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Berlin Tempelhof-Schöneberg, brachte am 11. Januar 2010 einen entsprechenden Antrag in die BVV ein. Sie begründete

„Karl von Einem war ein aktiver Gegner der Demokratie. In seiner Funktion als Kriegsminister rief er zum Kampf gegen die Sozialdemokratie auf und forderte im Reichstag explizit die Vernichtung homosexueller Männer.“

Kühnemann sieht gute Chancen für die Umbenennung:

„Das Berliner Straßengesetz vom 29.11.2005 sieht Umbenennungen zur Beseitigung von Straßennamen aus der Zeit von 1933 bis 1945 vor, insofern diese nach aktiven Gegnern der Demokratie und zugleich Wegbereitern bzw. Verfechtern der nationalsozialistischen Ideologie benannt wurden.“

In einigen Städten wird Karl-Heinrich Ulrichs bereits geehrt. So wurde 1998 in München der Platz an der Ecke Holzstraße / Am Glockenbach im Glockenbachviertel Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz benannt. In Bremen wurde 2002 im Stadtteil Ostertor der Platz im Mündungsbereich von Wulwestraße und Hohenpfad Ulrichsplatz genannt, zeitgleich wurde eine nahegelegene Straßenbahn-Haltestelle entsprechend umbenannt. Und in Hannover-Mitte erhielt 2006 ein Verkehrsweg den Namen Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße.

Aktualisierung 19.03.2010:
Melanie Kühnemann (SPD, BVV Berlin Tempelhof-Schöneberg) teilt auf Anfrage zum aktuellen Stand mit: „Der Antrag wurde im Kulturausschuss am beraten. Die CDU-Fraktion hat einen Änderungsantrag gestellt, nach dem zunächst ein wissenschaftliches Gutachten erstellt werden soll. Dieses soll prüfen, ob Herr von Einem nicht nur als Feind der Demokratie, sondern auch als Wegbereiter des Nationalsozialismus gelten kann. Letzteres wurde von den anderen Fraktionen angezweifelt. Der Antrag ist nun am vergangenen Mittwoch, den 17. März in der BVV in der veränderten Fassung einstimmig beschlossen worden.“
Der einstimmige Beschluss der BVV vom 17.03.2010 (Drucks. Nr: 1300/XVIII) lautet „Die BVV ersucht das Bezirksamt zu prüfen, ob die Einemstraße umbenannt werden kann, ob die Voraussetzungen der AV Benennung vorliegen. Hierzu ist ein wissenschaftliches Gutachten einzuholen.“
Ergo: zunächst muss auf Drängen der CDU ein Gutachten beauftragt, erstellt und das Ergebnis diskutiert und politisch bewertet werden. Auf die Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße muss noch gewartet werden.

siehe auch:
Detlev Grumbach: „Der erste Schwule der Weltgeschichte“
SPD Berlin BVV-Fraktion Tempelhof-Schöneberg 11.01.2010: Umbenennung der Einemstraße
Berliner Zeitung 22.08.2003: Herrenrunde – Schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten beschäftigte ein schwuler Politiker die Medien
LSVD 24.03.2010: „Von Karl zu Karl!“ – Straße zum Gedenken an Karl Heinrich Ulrichs gefordert
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Schwule und lesbische Medien – Zukunft nur auf neuen Wegen?

Wohin entwickelt sich schwul-lesbischer Journalismus, Blogger, generell schwul-lesbische Medien? Brauchen wir neue Formen der Zusammenarbeit? Neue Formen schwuler und lesbischer Medien?

Quo vadis – wohin geht der Weg der schwulen Medien? In große Leere, in ein Nichts, wenn sich nichts ändert, wenn nicht schwule und lesbische Blogger und Journalisten bald zu einer Form von Zusammenarbeit finden, einen neuen Online-Journalismus ‚erfinden‘.

Zu diesem Resüme kommt Wayne Besen in seinem Kommentar „Anything but Straight: the Future of Gay News“, auf den ein Freund mich aufmerksam macht.

Besen bezieht sich auf die US-Situation, die gerade in jüngster Zeit von der Einstellung vieler kleinerer (und inzwischen auch größerer) Homo-Medien geprägt ist (siehe auch die Schließung des ältesten schwulen Buchlandes der Welt).

Und hierzulande?
Der Zustand der Medien für Schwule und Lesben ist auch in Deutschland eh schon eher beklagenswert. Sicher, mit TIMM ist jüngst ein TV-Sender für Schwule und Lesben an den Start gegangen.
Aber wenn man sich die Printmedien anschaut – es könnte einem das Grauen kommen. So manches homosexuelles ‚Stadtmagazin‘ besticht einzig durch seine bunten Bilder, Füllmaterial und Begleitmusik für Anzeigenkunden, schlimmstenfalls gar durch Pressetexte der Pharmaindustrie, die ohne Hinweise abgedruckt werden. Von Journalismus, Recherche gar, weitgehend keine Spur.
Und im Internet? Auch nicht viel besser – vereinzelte Sites, die sich mehr oder  minder erfolgreich bemühen, Nachrichten aus der Welt der Homosexualitäten zu bringen. Anspruchsvoller Journalismus? Auch hier weitgehend Fehlanzeige.

Und warum, mag man sich fragen?
Eine der meist gestellten Diagnosen auf diese Fragen lautet „kein Bedarf“, oder ‚höflicher‘ formuliert „wir drucken, was die Leser wünschen“.

Bestätigt werden derartige Analysen -scheinbar?- dadurch, dass eine nennenswerte Zahl ambitionierterer Projekte, die auch auf qualitativ hochwertigere Inhalte setzten, sich in den vergangenen Jahren als ökonomisch nicht tragfähig erwiesen.

Bekommen wir also, was wir ‚verdienen‘, was wir ‚wollen‘?
Es sieht so aus.

Wären wir bereit, für schwule und lesbische Medien (mehr) zu zahlen – es gäbe sicherlich Journalisten genug, auch ‚unter uns‘, die in der Lage wären, auch hochwertigere Inhalte zu produzieren.

Besen bezieht in seine Analyse auch die Homo-Blogger mit ein. Die schwul-lesbische Blogger-Szene in den USA mag ausgefeilter, weiter entwickelt sein als die hiesige, seine Gedanken scheinen dennoch interessant auch für die Situation hierzulande:

„It is disgraceful that some of our leading lights are posting during lunch breaks at their day jobs. … Imagine how much better most blogs would be if the writers had another 8-10 hours a day to conduct research? The products would be infinitely superior and be of greater value.“

Wohin das führen könnte?

„People must also realize that the status quo will soon lead to burnout among the best bloggers. Without a financial incentive commensurate with their work, don’t be surprised when your favorite bloggers choose relationships over readership. If you don’t pay, many will fade away.“

Besen skizziert auch einen weg, der in eine neue Zukunft schwul-lesbischen Journalismus‘ und schwul-lesbischer Medien weisen könnte:

„In order for this business model to work, the leading bloggers, gossip sites and journalists will have to create a new type of union“

Wie die aussehen sollte? Dazu bezieht sich Besen auf einen Artikel von Walter Isaacson im Time Magazine:

„Isaacson says the way to save the news business is to move to a paradigm where newspapers go completely digital and readers pay directly for online content.“

Die Bereitschaft, für gute Inhalte auch angemessen zu zahlen, sowie neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Bloggern und Journalisten – Wege aus der Krise schwul-lesbischer Medien?

Was denkst du?
Wärest du bereit, für hochwertigen Inhalt zu zahlen?
Welche Visionen hast du für die Zukunft schwul-lesbischer Medien?
Und für die Arbeit von Journalisten, von Bloggern?
Blogger und Journalisten – getrennte Welten? Oder zwei Kulturen, die zusammenfinden könnten? Auch im Bereich der Homo-Medien?

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Lesenswert:
Wayne Besen „Anything but Straight: the Future of Gay News“
spannende neue Wege der Vernetzung von Print- und Online-Journalismus, der Kombination von Journalisten und Bloggern geht derzeit die Wochenzeitung „Freitag“
neue Wege geht auch eines der Flagschiffe des US-Journalismus: „New York Times und die Revolution im Internet“
Versuche mit der Krise umzugehen auch in Frankreich: Tetu hat einen Relaunch und stürzt sich noch mehr auf Kultur und Lifestyle, berichtet e-illico. Nachrichten und Informationen sind in ein beigelegtes Extra-Heft auf kostengünstigerem Papier ‚ausgelagert‘.
Indiskretion Ehrensache: Warum Paid Content für Zeitungen nicht funktioniert
Washington Post 24.02.2009: Gay Blogger’s Voices Rise in Chorus of Growing Political Influence
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Stonewall 2.0 – Schwule und Lesben in den USA werden wieder aktiv

Wut und Entsetzen über ein Verbot der Homo-Ehe in drei US-Bundesstaaten haben in den USA eine weitgehend unerwartete Folge – ein Wiedererstarken schwulen und lesbischen Aktivismus‘, der sich selbst den Namen „Stonewall 2.0“ gegeben hat. „Gay Marriage Ban inspires New Wave of Activists“, titelt die New York Times.

„Stonewall 2.0“ – ein Name, der erinnert an die Anfänge der 1970er-Schwulen und Lesbenbewegung, an die Aufstände in New York, an wütende Schwule, die nicht mehr kuschen sondern für ihre Rechte eintreten wollte.

Genau dies, Wut und Eintreten für eigene Rechte, scheint auch ein Moment hinter dem Engagement vor allem junger Schwuler und Lesben in den USA zu sein. Was als ‚No on H8 – nein zum Hass‚ und Protesten gegen massive Unterstützung für Homo-Gegener seitens der Mormonen begann, beginnt sich zu einer landesweiten neuen Bewegung für gleiche Rechte für Homos auszuwachsen.

Aktivismus statt Apathie – zahlreiche neue Gruppen entstehen überall in den USA nach den Abstimmungen des 4. November, junge Schwule und Lesben werden plötzlich wieder aktiv. „I’d been focused on other things in my life. Then Nov. 4 happened, and it woke me up,” zitiert die New York Times einen 23jährigen, der zusammen mit Freunden eine dieser Gruppen, die Equal Roots Coalition gründete.

Eine Bewegung, die schnell Unterstützer findet: “We’re a gay couple in West Hollywood, neither of us involved in activism, but we just wanted to help. And we were amazed at what happened,” ergänzt ein 30Jähriger.

„Gay Marriage Ban Inspires New Wave Of Activists“ schreibt die New York Times am 10.12.2008 in einem sehr lesenswerten Artikel und berichtet von Wut und Ungeduld, von neuen Aktionsformen und neuen Medien, von Homorechten in Zeiten von Twitter & Co.

Milk – Preview

Im November kommt in den USA „Milk“ in die Kinos, der Film über Harvey Milk, den „Bürgermeister von Castro Street„.

Gus van Sant verfilmt das Leben von Harvey Milk. Dem ersten offen schwulen Stadtrat in San Francisco. der nur wenige Monate im Amt war, dann von einem ehemaligen Stadtrat erschossen wurde.

„It’s more than an issue. It’s our lives we’re fighting for!

Inzwischen gibt’s eine Preview des Gus-van-Sant-Films zu sehen, der am 26. November 2008 in den USA in die Kinos kommt. Kinostart in Deutschland ca. Anfang 2009.

Dank palisadesberlin :-).

Fotos von den Dreharbeiten

PS.
– Zur Zeit Milks entstand vor 30 Jahren die Regenbogenflagge, die ihren ersten ‚großen Auftritt‘ 1979 hatte: nach der Ermordung von Harvey Milk sollte der Gewalt und dem Entsetzen in den Communities farbenfrohe Zuversicht entgegen gesetzt werden. Eine Zeit, in der die Regenbogenflagge Symbol war für Solidarität, Hoffnung, Vielfalt stand …
– Über Harvey Milk informiert sehr gut die (1985 mit einem Oscar prämierte) Dokumentation „The Times of Harvey Milk“ von Rob Epstein (Besprechung Xenon).

„Milk – his life changed history, his courage changed lives“ – ein recht amerikanischer Werbespruch, dennoch, ja, seine Courage hat etwas bewegt. War Vorbild für viele die ihm folgten in seinem Engagement.
Schon bei der Preview läuft es mir wieder kalt den Rücken runter …
Schön, dass Milk nun endlich wieder ein wenig mehr Aufmerksamkeit erfährt. Zu hoffen ist, dass der Film vielleicht den ein oder anderen zum Nachdenken, zu neuer Aktivität anregt.