Trier führt Prostitutions-Steuer ein

Ab Oktober müssen Prostituierte in Trier pro Tag, an dem sie arbeiten, fünf Euro Steuer zahlen. Die Prostitutionssteuer wird laut Beschlusstext fällig „unabhängig von der tatsächlichen zeitlichen Inanspruchnahme und der Anzahl der sexuellen Handlungen“. Eine entsprechende Regelung beschloss der Stadtrat von Trier am 28. Juni 2012. Bodellbetreiber müssen täglich 1,50 € pro 10 m² Betriebsfläche zahlen.

Die Stadt rechnent mit Mehreinnahmen von ca. 87.000 € jährlich. Allerdings müsse zunächst für die Steuer eine Halbtagsstelle geschaffen werden. Die Prostitutionssteuer ist Teil eines Gesamtkonzepts des „Arbeitskreises Prostitution und Vergnügungssteuer“.

Volksfreund 29.06.2012: Stadtrat stimmt für Sexsteuer

GNP+: Griechische Polizei und Gesundheitsbehörden verletzen Menschenrechte und medizinische Vertraulichkeit

Als Teil eines von der Regierung autorisierten Vorgehens gegen Hunderte von nicht lizenzierten Bordellen in ganz Griechenland sind Prostituierte verhaftet und gezwungen worden zu HIV-Tests, und sehen sich nun Strafanzeigen ohne Rückgriff auf ein ordnungsgemäßes Verfahren ausgesetzt, zudem wurden sie öffentlich in den Medien identifiziert.

Als Ergebnis dieser Maßnahmen werden Frauen angeklagt unter dem Vorwurf vorsätzlicher schwerer oder gefährlicher Körperverletzung, nur weil sie HIV-positiv sind. Es gibt keinen Beweis für Gefährdung oder Übertragung auf andere, noch ist es klar, ob auch nur eine dieser Frauen ihren HIV-Status vor diesem Test kannte. Sie stehen vor weiteren Anklagen für Vergehen im Zusammenhang mit angeblicher illegaler Prostitution.

Diese Aktionen der griechischen Polizei und des Ministeriums für Gesundheit und KEELPNO [1] verletzen die grundlegenden Menschenrechte. Sie stehen auch im Widerspruch zu grundlegenden Prinzipien der öffentlichen Gesundheit der informierten Zustimmung und des freiwilligen Zugangs zu Dienstleistungen.

Wir schließen uns der UNAIDS-Presseerklärung und dem offenen Brief der EATG an in ihre Forderung an die griechischen Behörden, ihre Maßnahmen im Hinblick auf evidenzbasierte Programme zu überprüfen und ein günstiges rechtliches Umfeld zu schaffen, das für alle Menschen einschließlich SexarbeiterInnen und ihre Kunden, Menschen, die Drogen nehmen, Migranten und Asylbewerber den Zugriff auf freiwillige und vertrauliche HIV-Prävention, Behandlung, Pflege und Support-Services ermöglicht, so dass sie HIV-Infektionen vermeiden können oder ein gesünderes Leben führen können, falls sie HIV-positiv sind.

Das Global Network of Sex Work Projects (NSWP) hat sich für die Achtung der Rechte von Frauen, Männer und Transgender SexarbeiterInnen seit 1992 eingesetzt, darunter gegen die obligatorische Registrierung und Prüfung von Sexarbeiterinnen. „Wir fordern, dass die griechische Regierung die nicht gerechtfertigte Verfolgung dieser Frauen stoppt und das erzwungene Testen von Sexarbeiterinnen beendet, die aufgrund des Vorwurfs der Sexarbeit verhaftet wurden“, sagt Ruth Morgan Thomas, Global Coordinator von NSWP. „Es ist Zeit, derartige diskriminierende Strafverfolgung und medizinische Verhaltensweise, welche die grundlegenden Menschenrechte von SexarbeiterInnen verletzen, zu beenden.“

GNP + hat seit langem für die Förderung und den Schutz der Menschenrechte aller Menschen mit HIV und die Beseitigung von rechtlichen und politischen Hindernisse für die HIV-Pflege befürwortet. „Solche diskriminierenden Anwendung des Strafrechts und der Polizeibehörde sind kontraproduktiv und ineffizient für die HIV-Prävention und stigmatisiert zusätzlich eine bereits marginalisierte Gruppe“, sagt Kevin Moody, GNP + Internationaler Koordinator und CEO. „Wir fordern für die griechische Regierung und die Polizeibehörden, die obligatorische HIV-Tests und die Verletzung der Geheimhaltungspflicht zu stoppen und wirksamere Maßnahmen zu erwägen, um die Gesundheit, Würde und das Wohlbefinden von Menschen mit HIV zu fördern.“

.

[Presseerklärung von GNP+ und NSWP; Übersetzung ondamaris; Original-Text siehe unten]

siehe auch:
ondamaris 08.05.2012: Griechenland: HIV-Zwangstests bei Prostituierten

.

Violation of human rights and breaches of medical confidentiality by the Greek Police and Health Authorities

The Global Network of People living with HIV (GNP+) and the Global Network of Sex Work Projects (NSWP)

As part of a Government authorised crackdown on hundreds of unlicensed brothels around Greece, sex workers are being arrested, submitted to forced HIV testing and facing criminal charges without recourse to due process, as well as being publically identified in the media.

As a result of these actions women are to face prosecution on charges of intentionally causing grievous bodily harm merely because they are HIV positive. There is no proof of exposure or transmission to others nor is it clear that any of these women knew their HIV status prior to this test. They are facing further charges for misdemeanours related to alleged illegal prostitution.

These actions of the Greek Police and the Ministry of Health and KEELPNO[1]violate fundamental human rights. They also contravene fundamental public health principles of informed consent and voluntary access to services.

We join UNAIDS (press statement) and others (EATG open letter ) in urging the Greek authorities to review their actions with a view to adopting evidence-based programmes and an enabling legal environment that supports all people—including sex workers and their clients, people who use drugs, migrants and asylum-seekers—to access voluntary and confidential HIV prevention, treatment, care and support services so that they can avoid HIV infection or live a healthier life if HIV-positive.

The Global Network of Sex Work Projects (NSWP) has campaigned for the respect of female, male and transgender sex workers rights since 1992, including opposing the mandatory registration and testing of sex workers. /“We demand that the Greek government stop the unjust prosecution of these women and end the forced testing of sex workers arrested on sex work related charges,“/ says Global Coordinator of NSWP, Ruth Morgan Thomas. /“It is time to end such discriminatory law enforcement and medical practices, which violate the fundamental human rights of sex workers.“/

GNP+ has long advocated for the promotion and protection of human rights of all people living with HIV and for the removal of legal and policy barriers to HIV care. /“Such discriminatory use of the criminal law and police authority is counterproductive and ineffective to HIV prevention efforts and further stigmatizes an already marginalized group,“/ says GNP+ International Coordinator and CEO, Kevin Moody. /“We call for the Greek government and police authorities to stop mandatory HIV testing and breaches of confidentiality, and consider more effective measures that promote the health, dignity and well being of those living with HIV/.“
[1]
*Hellenic Centre for Disease Control and Prevention *

Griechenland: HIV Zwangstest bei Prostituierten (akt.)

HIV Zwangstest seit Ende April 2012 in Griechenland ohne Einwilligung des/der Betroffenen möglich: Die griechischen Gesundheitsbehörden KEELPNO führen nun in Zusammenabreit mit der griechischen Polizei vermehrt Zwangs-HIV-Tests durch bei Personen, die in legalen sowie illegalen Bordellen arbeiten, sowie bei Prostituierten auf dem Straßen-Strich und bei Drogengebraucher/innen. Das Gesundheitsministerium Griechenlands verlangt eine Intensivierung der Zwangstests bei legalen und illegalen Prostituierten.

Bereits seit September 2011 führen mobile Teams der griechischen Gesundheitsbehörden KEELPNO mit Einverständnis der Prostituierten Tests auf HIV, Hepatitis B und C sowie Tuberkulose durch. Hierbei wurde bei den untersuchten Gruppen ein deutlicher Anstieg festgestellt.

Erst jüngst war das Verhalten der Staatsanwaltschaft und Polzei Griechenlands international in die Kritik geraten, als diese Photos und Daten von elf HIV-positiv getseteten Prostituierten online stellte (siehe ondamaris 2.5.2012: Mittelalter à la grecque ? – griechische Polizei stellt HIV-positive Frauen öffentlich an den Pranger).

Eine internationale Petition wendet sich an den griechischen Präsidenten Lucas Papademos und fordert ihn auf, die HIV Zwangstest s zu beenden.

Eule (Symbol der Athena) auf der Akropolis (Foto: wpopp)
Eule (Symbol der Athena) auf der Akropolis (Foto: wpopp)

.

Aktualisierung
11.05.2012, 12:00: UNAIDS zeigte sich besorgt über die jüngsten Vorgänge in Griechenland und fordert Griechenland auf, die Rechte von Sexarbeiter/innen sowie ihren Kunden zu achten und für umfassende und auf Freiwilligkeit basierende HIV-Programme einzusetzen. „There is no evidence that punitive approaches to regulating sex work are effective in reducing HIV transmission among sex workers and their clients.“

.

EMG 05.05.2012: Warning signs of HIV+ ‚explosion‘ date back to early 2010, health ministry admits
change.org: To the Prime Minister of Greece: Stop the forced testing and outing of sex workers
Prof. Matthew Weait 05.05.2012: Greek brothel arrests
UNAIDS 10.05.2012: UNAIDS calls on Greece to protect sex workers and their clients through comprehensive and voluntary HIV programmes

.

JungeWelt 07.08.2012: »Sie wurden als ›biologische Bomben‹ bezeichnet«

.

Mittelalter à la grecque ? – griechische Polizei stellt HIV-positive Frauen öffentlich an den Pranger

Hat Athen mitten in der Krise nun den Pranger wieder entdeckt? Diesmal in der ‚modernen‘ Kombination Aids, Prostitution – und Internet und Polizei?

Elf Frauen, jede mit Namen, Geburtsdaten und Photos – öffentlich als an Aids erkrankt bezeichnet, im Internet, auf einer offiziellen Seite, einer Seite der griechischen Polizei …

Was ist geschehen?

„Aids-Angst in Athen“ oder „Aids: Behörden suchen Freier“ titeln die Medien. Den Hintergrund, ja Anlass für aktuelle Berichte liefert – die griechische Polizei und Staatsanwaltschaft.

Etwa einhundert nicht registrierte Prostituierte haben die Behörden in Athen festgenommen, auf dem Straßenstrich und in illegalen Bordellen. Sie wurden auf  Veranlassung der griechischen Gesundheitsbehörden (KEEL.PNO) mit mobilen Tests auf HIV untersucht – ob freiwillig, darüber sagen die Medienberichte nichts. Elf von ihnen wurden HIV-positiv getestet.

Und  nun sucht die Staatsanwaltschaft Athen nach Freiern, die Sex mit diesen Frauen hatten. Dazu ordnete sie an (!), Bilder dieser Frauen zu veröffentlichen (!) – im Internet (!).

Um ‚die Kunden zu warnen‘, wie es heißt – und vielleicht auch, um etwaige Kunden nicht nur zu einem HIV-Test zu bewegen, sondern auch zu einer Anzeige zu motivieren. Die Frauen hatten den Berichten zufolge gestanden, Sex ohne Kondome gehabt zu haben.

So finden sich seit dem 1. Mai 2012 nun auf einer offiziellen Internetseite der Athener Polizei (hier; ergänzt um eine Pressemitteilung) 22 Fotos – jede der elf Frauen ist in einer Ganzaufnahme sowie einer Gesichts-Aufnahme zu sehen. Alle elf Frauen werden nicht nur in je 2 Photos gezeigt, auch ihr voller Name sowie Geburtsort und Geburtsdatum werden genannt. Das Ganze unter dem Titel „Bekanntmachung der Veröffentlichung von Photos von elf Frauen, die einer Gesundheitskontrolle zufolge AIDS haben“.

Griechische Medien berichten seit einigen Tagen breit über die Verhaftungen und HIV-Tests – und auch deutsche Medien greifen das Thema inzwischen auf.

.

Erschüttert sehe ich erste Meldungen. Recherchiere ein wenig [danke, A.!]. Stoße bald auf die Internetseite der griechischen Polizei, die die Photos von elf Personen mit Namen und Geburtsdaten veröffentlicht.

Bin erschüttert, fassungslos.

Geht’s noch?

Mittelalter in Zeichen des Internets?

Pranger à la grecque?

Haben die Frauen keinerlei Persönlichkeitsrechte?

Gibt es keinen Datenschutz?

Oder waren sie etwa mit der Veröffentlichung ihrer Photos  und Daten einverstanden?

Hat irgend jemand die Freier gezwungen, beim Sex auf die Benutzung von Kondomen zu verzichten?

Oder haben die Freier – und nicht die Prostituierten – vielleicht eher selbst nach „Sex ohne“ (Kondom) verlangt?

Werden die Freier jetzt eigentlich auch öffentlich an den Pranger gestellt? Mit Foto und Geburtsdaten? Weil sie ohne Kondome zu benutzen Sex mit Prostituierten hatten?

Niemand darf wegen seiner HIV-Infektion an den Pranger gestellt werden.

Dies gilt für jeden Menschen – unabhängig u.a. auch von seiner Tätigkeit, unabhängig von seinem Aufenthaltsstatus.

Im Umgang mit Medien erleben Menschen mit HIV schon seit Jahren oft genug keinen Respekt – und erwarten ihn doch, selbstverständlich.

Respekt, Sensibilität –  gerade von staatlichen Stellen sollte ihn jeder Mensch  mit HIV erwarten dürfen. Und nicht das Gegenteil – öffentlich an den Pranger gestellt zu werden.

Oder rechtfertigt Aids hier – wieder einmal – jedes Mittel?

Wenn wir dies ohne Protest hinnehmen – befinden wir uns bald wieder im Mittelalter.

.

Pranger im Folter-Museum Freiburg (Foto: Flominator)
Pranger im Folter-Museum Freiburg (Foto: Flominator)

.

siehe auch
The Times That Belong To Us 03.05.2012: Greek brothel arrests
DAH 06.05.2012: Hilflos gefangen in den Netzen der Huren?

DAH widerspricht Bundesrats-Plänen: Kondompflicht in der Prostitution wäre nur eine Scheinlösung

Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) widerspricht Bestrebungen des Bundesrates, in Prostitutionsbetrieben eine Kondompflicht einzuführen.

Der Bundesrat hat am 11. Februar die Bundesregierung aufgefordert, Prostitutionsstätten stärker zu reglementieren. Im beschlossenen Text (Drucksache 314/10) heißt es: „Der Betreiber muss auf die Kondompflicht deutlich sichtbar hinweisen und darf ungeschützten Geschlechtsverkehr nicht zulassen.“

Hierzu und zu ähnlichen Bestrebungen in der Politik erklärt DAH-Vorstandsmitglied Sylvia Urban:

„Eine Kondompflicht wäre nur eine Scheinlösung. Die Prävention in Deutschland ist im europäischen Vergleich so erfolgreich, weil sie eigenverantwortliches Handeln fördert. Kriminalisierung und staatliche Repressionen sind kontraproduktiv. Sie würden nur dazu führen, dass die Frauen sich zurückziehen und für Aufklärung nicht mehr erreichbar sind. Wer wirklich etwas bewirken will, muss nicht Gesetze machen, sondern gute Prävention!“

Prävention im Bereich Prostitution muss dabei auch auf die Männer zielen, die Dienste von Sexarbeiterinnen in Anspruch nehmen: Es sind die Freier, die Sex ohne Kondom fordern. Sexarbeiterinnen sehen sich aufgrund des hohen Konkurrenzdrucks im Gewerbe und aufgrund ihrer finanziellen Situation gezwungen, auf diese Forderungen einzugehen.

„Die vorgeschlagene Kondompflicht weist die Verantwortung vor allem den Frauen und den Betreibern von Prostitutionsbetrieben zu. Das geht am Problem vorbei!“, sagt Sylvia Urban. Hintergrund: Die Männer lassen sich in der Regel nur schwer zur Verantwortung ziehen.

siehe auch:
Beschluss des Bundesrats (pdf)
DAH-Blog 08.03.2011: Kondomzwang ist der falsche Weg
.

Kurz notiert … März 2011

30. März 2011: Frankreichs Sozialministerin Roselyn Bachelot plant einen Gesetzentwurf, demzufolge Freier von Prostituierten zukünftig bestraft werden sollen.

29. März 2011: Millionen Bürger Kenias sind von einer Kondom-Knappheit betroffen. 45 Millionen aus den USA importierte Kondome sollen nun Abhilfe schaffen.

27. März 2011: Nach dem Aus für die Aids-Hilfe Mannheim-Ludwigshafen im Sommer 2010 zeichnet sich ein Neuanfang ab: eine Initiative will der Stadt Mannheim bis Mai 2011 ein Konzept vorlegen.

25. März 2011: Ändern schwule Männern nach einem positiven HIV-Test ihr Sex-Verhalten? Ja, meinen zwei Studien (Amsterdam und San Francisco), die auf der CROI präsentiert wurden – und sind sich nicht einig, in welchem Umfang.

Die US-amerikanische Medikamentenbehörde erteilt der neuen Formulierung von Nevirapin unter dem Handelsnamen Viramune XR® eine Zulassung.

21. März 2011: Der wegen der ‚Parkplatz-Morde‚ angeklagte 56jährige Mann könnte – so spekulieren Medien – aus Homo- / Serophobie gehandelt haben: er habe sich während eines Sex-Urlaubs in Kenia bei einem Transvestiten mit HIV infiziert.

18. März 2011: Dürre in der (Medikamenten-) Pipeline? Führt der Erfolg antiretroviraler Medikamente indirekt dazu, dass es immer schwieriger wird, neue Aids-Medikamente auf den Markt zu bringen?

17. März 2011: Erstmals seit den 1980er Jahren hat sich in den USA ein Mensch durch eine Organ-Transplantation mit HIV infiziert. Zwei Jahre nach einer Nieren-Transplantation wurde bei einem zuvor HIV-negativen Mann in New York Aids diagnostiziert.

15. März 2011: Am 12. März 2011 kam der Sozialwissenschaftler Günter Amendt bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Eine Würdigung Amendts durch die DAH.

14. März 2011: Periphere Neuropathien treten bei HIV-Positiven weiterhin häufig auf, berichten US-Forscher. Besonders höheres Lebensalter erhöhe das Risiko des Auftretens von Peripheren Neuropathien.

12. März 2011: Gut ein Viertel der (untersuchten 28) schwulen HIV-positiven Männer in Amsterdam, die erfolgreich wegen einer Hepatitis C behandelt wurden, infizierten sich innerhalb von zwei Jahren erneut mit Hepatitis C (nahezu alle mit einem anderen Genotyp). Dies berichteten niederländische Ärzte auf der 18. CROI.

11. März 2011: Mit Darunavir (Handelsname Prezista®) ist ein weiteres Aids-Medikament in Europa für die einmal tägliche Einnahme zugelassen.

04. März 2011: Gegen den Pharmakonzern Abbott wird erneut ermittelt wegen der Verfünffachung des Preises für sein Aids-Medikament Norvir® in den USA im Jahr 2003, dieses Mal u.a. aufgrund einer Klage des Pharmakonzerns GSK wegen Wettbewerbsverzwerrungen.

Der experimentelle Hepatitis-C- Proteasehemmer Telaprevir scheint in Kombination mit pegyliertem Interferon plus Ribavirin auch bei Hepatitis-C- und HIV- Koinfektion wirksam zu sein.

Etwa 1,1 Prozent der Erwachsenen in der Ukraine sind mit HIV infiziert. Doch aufgrund von Mißständen und Repressalien ist ihre Behandlung gefährdet.

03. März 2011: Der Attachment-Inhibitor BMS-663068 erwies sich in einer ersten frühen Studie (Phase IIa) als vermutlich sicher und gut verträglich. Attachment-Inhibitoren behindern den ersten von drei Schritten, mit dem HIV in eine Zelle eindringt (das Andocken an den CD4-Rezeptor).

02. März 2011: Gels, die als vaginale Mikrobizide getestet werden (Caprisa004), könnten für die rektale Anwendung nicht ausreichend sicher sein (Nebenwirkungen). Nun sollen neue Formulierungen der Gels entwickelt werden, die besser für eine rektale Anwendung geeignet sein sollen.

Das Bundesgesundheitsministerium hat die Ständige Impfkommission (STIKO) neu besetzt. Die Hälfte der Mitglieder wurde ausgetauscht, zum teil gegen deren Willen.

01. März 2011: China plant die Einführung der Aids-Strategie „Therapie als Prävention“ (treatment as prevention). Dies beinhalte weitreichende HIV-Testungen sowie medizinische Behandlung für alle Personen, bei denen es in Frage kommt.

Die Gesundheitsbehörden Brasiliens verteilen zum Karneval 84 Millionen Kondome gratis. Parallel sollen Werbespots über Kondome und Schutz vor sexuell übertragbaren Erkrankungen informieren.

Lüneburg: 9 Jahre Haft, keine Sicherungsverwahrung für HIV-positiven Sextouristen

Ein 65jähriger HIV-positiver Mann aus Celle wurde vom Landgericht Lüneburg zu neun Jahren Haft verurteilt. Die von der Staatsanwaltschaft auch beantragte anschließende Sicherungsverwahrung wurde nicht angeordnet. Der Mann hatte gestanden, in Thailand in über 400 Fällen Sex ohne Kondom mit Kindern und Jugendlichen gehabt zu haben.

Der heterosexuelle Mann musste sich seit 6. Dezember 2010 in Lüneburg vor dem Landgericht verantworten. Ihm wurde vorgeworfen, in Thailand mindestens 403 Mädchen sexuell missbraucht haben. Die Anklage lautete auf “sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in 403 Fällen“, sowie aufgrund der HIV-Infektion des Angeklagten auf „versuchter Vergiftung”.

Am 3. März 2011 folgten die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung sowie das Urteil. Neun Jahre Haft, lautete – wie von der Staatsanwaltschaft beantragt – das Urteil.  Die von der Staatsanwaltschaft ebenfalls beantragte anschließende Sicherungsverwahrung wurde hingegen nicht angeordnet.

Ein als Gutachter ein geschalteter Psychiater hatte dem Angeklagten „einen Hang zu weiteren ähnlichen Taten“ attestiert

Der Mann dokumentierte sein Handeln schriftlich und mit zahlreichen (über 140) Videos. Er gestand die Vorwürfe (allerdings, wie die SZ bemerkte, „ohne Reue“), nachdem die Staatsanwaltschaft für den Fall des Geständnisses eine Höchststrafe von neun Jahren Haft zugesagt hatte. Hierdurch konnte vermieden werden, dass zahlreiche der thailändischen Frauen nach Lüneburg zur Aussage vor Gericht anreisen mussten. Zudem konnte das ursprünglich auf zwei Jahre angesetzte Verfahren dadurch deutlich verkürzt werden.

Eine der potentiellen Zeuginnen, ein zur Tatzeit 15jähriges Mädchen, hatte sich im Dezember 2010 in Pattaya von einem Hochhaus gestürzt. Sie hatte (unabhängig vom Lüneburger Verfahren) auch in Frankreich gegen einen Sextouristen vor Gericht aussagen sollen.

weitere Informationen:
ndr.de 18.02.2011: Schnelles Urteil im Sex-Touristen-Prozess
.

Celle: 65jähriger HIV-Positiver wegen Missbrauch vor Gericht (akt.)

Ein 65jähriger HIV-positiver Mann aus dem niedersächsischen Celle muss sich seit dem 6. Dezember 2010 in Lüneburg vor Gericht verantworten. Ihm wird Missbrauch in 403 Fällen vorgeworfen.

Ein 65jähriger heterosexueller Mann aus Celle soll in Thailand mindestens 403 Mädchen sexuell missbraucht haben. Seit dem 6. Dezember 2010 steht er in Lüneburg vor dem Landgericht, wegen des Vorwurfs des „sexueller Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in 403 Fällen“.

Der Mann – bis vor sechs Jahren Mitglied der plattdeutschen Musikgruppe ‚Godewind‘ – weiß Presseberichten zufolge seit mehreren (die Angaben schwanken zwischen vier und über zehn) Jahren von seiner HIV-Infektion, hat dies aber den Sexpartnerinnen verschwiegen. Dennoch habe er mit ihnen gegen Geld oralen und vaginalen Sex ohne Verwendung von Kondomen gehabt.

Zwischen Mai 2005 und November 2009 soll er bei zahlreichen Aufenthalten im thailändischen Pattaya regelmäßig Sex-Kontakte zu jungen Mädchen gesucht haben. In über 70 Fällen waren die Mädchen dabei jünger als 14 Jahren, so die Staatsanwaltschaft. Anfang Dezember 2009 wurde der Mann in Deutschland festgenommen, aufgrund eines Hinweises der thailändischen Behörden.

Der Mann dokumentierte sein Handeln schriftlich und mit zahlreichen (über 140) Videos. Auch dadurch konnte die Staatsanwaltschaft einen Großteil der Betroffenen ermitteln. Das Verfahren ist -schon wegen der umfangreichen Beweisaufnahme –  zunächst auf zwei Jahre angesetzt.
Die Staatsanwaltschaft teilte bei Prozessbeginn mit, gegen mehrere Täter im gesamten Bundesgebiet werde derzeit ermittelt.

Ein erster Prozess gegen den Mann war Mitte Oktober 2010 geplatzt. Einen Vorschlag der Staatsanwaltschaft, bei umfassendem Geständnis zu neun Jahren Haft mit anschließender Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt zu werden, lehnte der Mann ab. Da der Mann zu den Vorwürfen schweigt, müssen nun Mädchen aus Thailand, mit denen er Sex hatte, als Zeuginnen in Lüneburg vor Gericht aussagen. Einige Vernehmungen fanden im Rahmen von Rechtshilfe bereits in Thailand statt.

Ob Sexpartnerinnen des Mannes mit HIV infiziert wurden (bzw. ob sie überhaupt die Möglichkeit zu HIV-Tests hatten), geht aus den Medienberichten nicht hervor. Die Anklage der Staatsanwaltschaft bezieht sich auf sexuellen Missbrauch, einzelne Presseberichte sprechen auch von einem Vorwurf wegen „versuchter Vergiftung“ aufgrund des HIV-Status des Angeklagten. Ebenso ist nicht bekannt, ob der Mann antiretroviral behandelt wird (was eine Infektiosität deutlich gesenkt hätte).

weitere Informationen:
Landgericht Lüneburg: Strafverfahren wegen sexuellen Missbrauchs in Thailand
haz 25.05.2010: 65-Jähriger aus Celle nach Kindesmissbrauch festgenommen
haz 6.12.2010: HIV-Infizierter soll Kinder in 403 Fällen missbraucht haben
Welt: HIV-Infizierter soll Kinder missbraucht haben
SpON 6.12.2010: HIV-Infizierter soll Kinder missbraucht haben
.

Welt-Aids-Konferenz Wien: Kurz-Berichte 21.07.2010

In Wien findet vom 18. bis 23. Juli 2010 die XVIII. Welt-Aids-Konferenz statt. Im Folgenden Kurzberichte über einige wichtige Themen, die auf der Konferenz behandelt wurden. Diese Übersicht wird im Verlauf der Konferenz fortlaufend aktualisiert – Tag 3, 21. Juli 2010:

Huren schlagen US-Aids-Koordinator in die Flucht

Am Dienstag, 20. Juli nachmittags stürmte eine Gruppe Demonstrantinnen das Medien-Center der XVIII. Welt-Aids-Konferenz in Wien. Die Gruppe, die sich selbst „Star Whore III“ nannte, kritisierte US-Aids-Koordinator Eric Goosby. Mit roten Regenschirmen ‚bewaffnet‘ und mit Rufen wie “PEPFAR kills sex workers!” and “Face us, Goosby!” wandten sich die vom Global Network of Sex Work Projects organisierten Demonstrantinnen (nachdem sie die Sicherheitskräfte überrumpelt hatten) direkt an Goosby. Alle Gruppierungen, die aus dem von ihm koordinierten PrepFAR-Plan Geld erhalten, müssen explizit Prostitution ablehnen – ein Relikt aus der Zeit der konservativen Bush-Regierung, das Obama bisher nicht hat ändern lassen. Goosby ergriff durch einen Hinterausgang die Flucht. Die Demonstrantinnen erklärten, sie forderten eine Ent-Kriminalisierung der Prostitution sowie besseren Zugang zu HIV-Tests, Behandlung und Therapie.

Advocate 20.07.2010: Protesters Storm AIDS Conference
Global Network of Sex Work Projects 21.07.2010: Denial of Service: Sex Workers Confront Dr. Eric Goosby and Protest the Anti-Prostitution Pledge
no-racism.net 31.07.2010: Sexarbeiter_innen stürmen Internationale AIDS Konferenz in Wien

Globaler Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose mit Finanzierungs-Problemen – weil reiche Staaten weniger zahlen …

UNAIDS und der ‚Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria‘ beklagen eine nachlassende Unterstützung durch die Geberländer. Die General-Direktoren Michel Sidibé (UNAIDS) und Michel Kazatchkine (Globaler Fonds) betonten, die Finanzierungslücke sei groß. Erstmals seien im vergangene Jahr weniger Mittel als im Vorjahr bereit gestellt worden. Insbesondere die Staaten Europas seien zunehmend zurückhaltend – aus Europa seien 2008/09 über 600 Millionen US-$ weniger an Mitteln bereit gestellt worden als im Vorjahr. Statt zurückgehender Mittel mache die Situation jedoch vielmehr eine weitere Steigerung den finanziellen Einsatzes erforderlich. Das derzeitige Defizit gefährdet insbesondere das Ziel, möglichst vielen HIV-Positiven weltweit Zugang zu antiretroviraler Therapie zu ermöglichen.

aidsmap 20.07.2010: ‘Big gap’ in contributions to the Global Fund

Modernere Aids-Medikamente sind effizient – auch in Afrika

Der Zugang zu antiretroviraler Therapie in Subsahara-Afrika verbessert sich. Doch oftmals werden dort Medikamente eingesetzt, die in Industriestaaten schon längst nicht mehr zum Therapie-Standard gehören, besonders Therapien auf Basis von Stavudin (d4T, Handelsname Zerit®) – aus Kostengründen, denn Stavudin ist deutlich billiger als andere Aids-Medikamente.
Doch zwei Forscher-Teams kamen unabhängig von einander in Studien (in denen sie die Kosten pro gewonnenem ‚quality-adjusted life year‘ (QALY) verglichen) zu dem Schluss, dass der Einsatz ‚modernerer‘ und nebenwirkungsärmerer Aids-Medikamente auch in Staaten mit wenig Ressourcen effizient sein kann. Einer der Gründe: nebenwirkungsreiche Substanzen führen eher zu Therapie-Versagen und häufigerem umstellen auf kostspieligere Medikamente.

aidsmap 20.07.2010: Newer HIV drugs cost-effective for Africa

Positive über 50 haben mehr Probleme

HIV-Positive über 50 haben maßgebliche Nachteile verglichen mit der Allgemeinbevölkerung. Dies zeigte die Studie „50 plus“, die erste britische Studie über Altern und HIV. Ältere Positive haben eine schlechtere Gesundheit, sind finanziell schlechter gestellt und leiden unter Zukunftsängsten. Die Studie und ihre Ergebnisse wurden von ‚Terrence Higgins Trust‘ (THT) und ‚Age UK‘ am 21. Juli auf der XVIII. Welt-Aids-Konferenz vorgestellt. Für die Untersuchung wurden 410 HIV-Positive über 50 Jahren, die antiretrovirale Therapie erhalten, interviewt.

pinknews 20.07.2010: Older people with HIV ’substantially more disadvantaged than peers‘

GIPA 2.0

2008 wurde auf der XVII. Welt-Aids-Konferenz das „Mexico Manifest“ präsentiert. Daraus habe sich in den von HIV betroffenen Communities unter anderem der Bedarf an vorurteilsfreien Informationen ergeben, auch über Sexualität und sexuelle Gesundheit. Dies war auch eine der Grundlagen der ‚Denver Prinzipien‘ – die mit neuem Leben gefüllt werden müssen. Das EKAF-Statement und die daraus folgenden Diskussionen sei ein gutes Beispiel dafür, welche Bedeutung GIPA habe, die Beteiligung von Menschen mit HIV und Aids in sie betreffenden Fragen auf allen Ebenen. Doch Regierungen und Organisationen reagieren mit Zurückhaltung – GIPA 2.0 wird erforderlich, mehr Stolz als Graswurzel-Bewegung. In einer Poster-Präsentation stellte die niederländische Gruppe ‚Poz and Proud‘  Überlegungen hierzu vor.

GIPA 2.0 Towards better understanding of the needs and comprehensive involvement of HIV-positive gay men (HPGM) in the 21st century: a Dutch example (pdf)

Hochkarätige UNAIDS-Kommission für HIV-Prävention

UNAIDS will nicht weniger als eine „HIV-Präventions – Revolution“. Zu diesem Zweck hat die UN-Organisation eine „Top-Level-Kommission“ ins Leben gerufen. Die Mitglieder sollen im Verlauf des kommenden Jahres ihre Kontakte und Erfahrungen einbringen, und sich für effektive und wirksame Präventionsprogramme einsetzen.
Mitglieder der Kommission sind Dr Michelle Bachelet (ehemaliger Präsident Chile), Jacques Chirac (ehemaliger Präsident Frankreich), Vuyiseka Dubula (Generalsekretärin der Treatment Action Campaign), Dr. Mohamed ElBaradei (Träger des Friedens-Nobel-Preises), Elena Franchuk (Ukrainische Geschäftsfrau und Gründerin der Elena Franchuk ANTIAIDS Foundation), Pau Gasol (Spanischer Basketball-Star), Nizan Guanaes (führender Kommunikations-Unternehmener Brasiliens, Chairman der ‚Grupo ABC de Comunicação‘), Chris Hughes (Generaldirektor Jumo International udn Mit-Gründer von Facebook), Magic Johnson (früherer Basketball-Star, offen HIV-positiv lebend), Irene Khan (Menschenrechts-Aktivistin und frühere Generalsekretärin Amnesty International, Robin Li (Unternehmer und Mit-Gründer der populärsten Suchmaschine in China, Baidu Inc.), Rita Süssmuth (frühere Bundestags-Präsidentin, Gesundheitsministerin), Festus Mogae (früherer Präsident Botswana), Jean Ping ( Chairman der African Union), Professor Peter Piot (früherer Executive Director UNAIDS und bald Direktor der London School of Hygiene and Tropical Medicine), Vladimir Vladimirovich Pozner (bekannter Russischer Journalist), Meechai Viravaidya (Thailändischer  Politiker und Aktivist).

UNAIDS 21.07.2010: Top world personalities join UNAIDS’ High Level Commission to bring about a prevention revolution

.
siehe auch XVIII. Welt-Aids-Konferenz Wien: Kurzberichte 20.07.2010
siehe auch XVIII. Welt-Aids-Konferenz Wien: Kurzberichte 19.07.2010

Sicher im Sexgeschäft

Ein vergleichsweise kleiner Teil der HIV-positiven Menschen in Deutschland sind Frauen. Damit das auch in Zukunft so bleibt, geht die Deutsche AIDS-Hilfe bald auch ins Bordell. Warum das viel bringt, erklärt DAH-Frauenreferentin Marianne Rademacher.

Frau Rademacher, in Deutschland entfallen nur 16 Prozent der HIV-Neudiagnosen auf Frauen – warum gibt es bei der Deutschen AIDS-Hilfe trotzdem ein eigenes Referat für sie?
Das ist die Gretchenfrage [lacht]. Natürlich ist ihr Anteil an den Neuinfektionen hier in Deutschland im Vergleich zu anderen Zielgruppen relativ gering. Weltweit sind jedoch 50 Prozent der Menschen, die mit HIV leben, weiblich. Schon vor unserer Haustür in Osteuropa ist die Lage ganz anders.

Warum ist die Lage hier vergleichsweise rosig?
Unsere HIV-Prävention scheint erfolgreich zu sein. Da sollten wir unbedingt dranbleiben. In der großen und sehr inhomogenen Zielgruppe der Frauen setzen wir aber Schwerpunkte, zum Beispiel beim Thema Prostitution.

Wieso gerade da?
Seit Öffnung der Grenzen in Europa sind Sexarbeiterinnen noch viel mobiler als früher. Daher sind nun auch in Deutschland viele Frauen in der kommerziellen Sexarbeit tätig, die aus Ländern kommen, wo die HIV-Prävention noch nicht so erfolgreich war. Sie entsprechen nicht dem Bild professioneller Sexarbeiterinnen, die diese Arbeit gut informiert und selbstbestimmt ausüben. Auf lange Sicht könnte sich das negativ auf die bisherigen Erfolge in der Prävention auswirken – und damit auf die Verbreitung von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STIs). Hier wollen wir mit Aufklärung gegensteuern.

Seit einigen Jahren ist Prostitution in Deutschland legal. Ist das eine Hilfe für Ihre Arbeit?
Grundsätzlich ja, aber das Gesetz muss unbedingt nachgebessert werden. Denn in den einzelnen Bundesländern wird es sehr unterschiedlich und zum Teil sehr restriktiv ausgelegt. Den Sexarbeiterinnen werden noch immer viele Knüppel zwischen die Beine geworfen. Das verunsichert sie sehr. Umso wichtiger ist es, sie über ihre Rechte aufzuklären. Das ist neben der HIV- und STI-Prävention ein wichtiger Teil unseres Fortbildungsangebots in Clubs und Bordellen.

Die Deutsche AIDS-Hilfe bildet Sexarbeiterinnen in Bordellen fort?
Ja, in diesem Jahr wird es nach den ersten 20 erfolgreichen Pilotschulungen bundesweit 30 Angebote in Clubs und Bordellen geben. Die bisherigen Ergebnisse sind sehr ermutigend. Wir erreichen die Sexarbeiterinnen mit unseren Angeboten direkt vor Ort – vor allem solche, die bisher kaum Zugang zu HIV- und STI-Prävention hatten. Sie haben ein enormes Informationsbedürfnis. Mit dem Geld, das wir sonst in ein Seminar für 20, 25 Frauen stecken, erreichen wir in den Clubs auf Anhieb um die 100 Personen. Und die tragen dann unsere Präventionsbotschaft weiter auch in andere Segmente der kommerziellen Sexarbeit.

Warum gehen die Frauen nicht einfach zur nächsten AIDS-Hilfe?
Die Angst, sich an Institutionen zu wenden, besteht nach wie vor. Die einen sorgen sich, dass ihr Doppelleben auffliegt, die anderen fürchten Diskriminierungen und Benachteiligungen aufgrund ihres Berufes. Bei Migrantinnen kommt häufig hinzu, dass sie keinen geregelten Aufenthaltsstatus haben.

Was lernt man während so einer Schulung?
Wir informieren die Sexarbeiterinnen über HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen – alles im Kontext sexueller Dienstleistungen, verknüpft mit Strategien zur professionellen Umsetzung. Aber es geht auch um ganz praktische Lebenshilfe, um Steuerrecht und Schuldenmanagement. Damit können wir den Frauen viele Sorgen nehmen. Und nur wenn sie sich in ihren Lebensumständen sicher fühlen, können sie auch sicher im Sexgeschäft arbeiten!

(Pressemitteilung der DAH)

Kondom-Pflicht im Bordell? (akt. 2)

Kondompflicht im Bordell? Und Verbot von „ungeschütztem Geschlechtsverkehr“? Baden-Württemberg fordert über eine Bundesrats-Initiative eine „stärkere Reglementierung“ von Betrieben der Prostitution.

Der Bundesrat beschäftigt sich am 4. Juni 2010 mit einer großen Bandbreite an Themen, vom Tabakgesetz über Rating-Agenturen bis zu Rentenwerten. Und mit einer Kondom-Pflicht.

Unter Top 9 beschäftigt sich der Bundesrat in seiner 871. Sitzung am 4. Juni 2010 auf Antrag des Landes Baden-Württemberg (Drucksache 314/10) mit einer

„Entschließung des Bundesrates – Stärkere Reglementierung des Betriebs von Prostitutionsstätten“

Der Antrag soll von Baden-Württembergs Sozialministerin Monika Stolz (CDU) vorgestellt werden.

Bundesrat

Baden-Württemberg fordert in seinem Antrag „weitere gesetzliche Maßnahmen zur Reglementierung der Prostitution„, unter anderem eine „Erlaubnispflicht für Prostitutionsstätten“ sowie die Einführung zahlreicher weiterer Meldepflichten. Im Antrag heißt unter „3. Prävention sexuell übertragbarer Krankheiten“:

„Der Betreiber muss auf die Kondompflicht deutlich sichtbar hinweisen und darf ungeschützten Geschlechtsverkehr nicht zulassen.“

Hintergrund des Antrags Baden-Württembergs ist Presseberichten zufolge u.a. die Debatte um „Sex-Flatrates“ in Bordellen.

Zur Art der Durchführung (u.a. Kontrolle der Einhaltung der Kondompflicht) sagt der Antrag Baden-Württembergs nichts. Beispiele sind allerdings in Bayern zu finden, wo erst im April 2009 z.B. das Augsburger Verwaltungsgericht entschied, Kondome seien Pflicht (Basis: Bayerische Hygiene-Verordnung von 1987). So vermeldet der Polizeibericht der Bayrischen Polizei vom 19. Mai 2010 unter „714. Ergebnis einer Schwerpunktaktion im Rotlichtmilieu“:

„Am Mittwoch, 19.05.2010, von 12.00 Uhr bis 20.00 Uhr, führte das für das Rotlichtmilieu zuständige Kommissariat 35 Überprüfungen in legalen Bordellbetrieben und Massagestudios sowie Privatwohnungen innerhalb des Sperrbezirks der Landeshauptstadt München durch. Zielrichtung war es festzustellen, ob der Geschlechtsverkehr vorschriftsmäßig nur mit Kondom angeboten und inwieweit im Sperrbezirk der verbotenen Prostitution nachgegangen wird.
Im legalen Rotlichtmilieu wurden zehn Bordelle, überwiegend im Münchner Osten, überprüft. Hier gaben zwei Prostituierte Angebote für Oralverkehr ohne Kondom ab. Diesbezügliche Meldungen an das Gesundheitsamt werden durch das Fachkommissariat erstellt, sie haben im Wiederholungsfall mit einem Zwangsgeld im vierstelligen Eurobereich zu rechnen. Hiervon sind auch überführte Freier betroffen.“

Juanita Henning, Sprecherin der Prostituiertenorganisation Dona Carmen, kommentierte den Antrag baden-Württembergs:

„Wer sich um die Gesundheit der Frauen sorgt, sollte daher lieber in Sozialarbeit investieren statt in dubiose Kontrollen.“

Der Antrag Baden-Württembergs soll in der 871. Sitzung des Bundesrats am 4. Juni 2010 behandelt werden. Anschließend wird er an die zuständigen Ausschüsse verwiesen.  Einem Bericht der ‚Saarbrücker Zeitung‘ zufolge sind die Signale aus den anderen Bundesländern „durchaus positiv“.

weitere Informationen:
Bundesrat 871. Sitzung: Antrag des Landes Baden-Württemberg „Entschließung des Bundesrates – Stärkere Reglementierung des Betriebs von Prostitutionsstätten“ vom 21. Mai 2010 (pdf)
Bundesrat 871. Sitzung: Entschließung des Bundesrates – Stärkere Reglementierung des Betriebs von Prostitutionsstätten – Antrag des Landes Baden-Württemberg – Drucksache: 314/10 (Erläuterung, pdf)
Saarbrücker Zeitung 28.05.2010: Politik für Kondompflicht in Freudenhäusern
SZ 29.05.2010: Wie sinnvoll wäre eine Kondompflicht in Bordellen?
SZ 06.04.2009: Augsburg: Kondompflicht in Bordellen
Bayern: Verordnung zur Verhütung übertragbarer Krankheiten (Hygiene-Verordnung) vom 11. August 1987 (pdf)
.

Usbekistan: Sieben Jahre Gefängnis für HIV-Prävention

Maxim Popov, usbekischer Aktivist in der Aids-Prävention, wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt – u.a. wegen ‚antisozialem Verhalten‘.

Maxim Popov ist 28 Jahre alt,  Vater zweier Kinder, stammt aus der usbekischen Hauptstadt Taschkent und ist Psychologe. Und er ist Vorsitzender einer Nicht-Regierungs-Organisation, die sich in Usbekistan für Aids-Prävention und -Information einsetzt. Wegen seiner Arbeit für diese Organisation wurde er in der usbekischen Stadt Chilanzar (bei Taschkent) nun zu sieben Jahren Haft verurteilt.

„Izis“, so der Name der Organisation, wurde von jungen Medizinern und Psychologen gegründet. Die Organisation wird auch von internationalen Organisationen z.B. aus Großbritannien und den USA sowie von UNICEF unterstützt. Sie hatte u.a. mit Unterstützung von UNICEF und PSI (Population Service International) das Buch „HIV und Aids heute“ herausgegeben.

Popov wurde u.a. vorgeworfen, mit dem Buch das „moralische Wohlergehen junger Usbeken gefährdet“ zu haben, u.a. durch Förderung von Drogengebrauch und Homosexualität. Nationale Kultur und Traditionen seien in der Broschüre nicht ausreichend berücksichtigt, hatte eine Kommission festgestellt. Das Buch wurde verboten.
Zudem wurden ihm zahlreiche finanzielle und steuerliche Vergehen vorgeworfen.

Popov sowie zwei weitere Angeklagte hatten auf unschuldig plädiert und alle Vorwürfe zurück gewiesen. Er habe von den (von internationalen Geldgebern) zur Verfügung gestellten Mitteln 14 Angestellte sowie ein Büro bezahlt. Inhaltlich habe er sich bemüht, junge Menschen aufzuklären über die Risiken sich mit HIV zu infizieren, sowohl bei hetero- als auch homosexuellem Sex als auch beim Drogengebrauch.

Popov wurde bereits im Januar 2009 verhaftet. Der Schuldspruch des Verfahrens gegen ihn wurde im September 2009 angekündigt, erst am 25. Februar 2010 wurde die Strafhöhe bekannt gegeben: sieben Jahre Freiheitsentzug.

Maxim Popov
Maxim Popov

Selbst nachdem die usbekische Regierung sämtliche Mittel-Zugänge für ‚Izis‘ blockiert hatte, hielt Popov die Arbeit der Organisation aufrecht – er arbeitete ehrenamtlich weiter, ohne Entgelt.

Das Urteil gegen Popov wurde bisher nicht veröffentlicht. Presseberichte sprachen zunächst von einer Verurteilung wegen „Missbrauchs von Injektionsnadeln“ sowie steuerlichen Unregelmäßigkeiten. Inzwischen werden als Verurteilungs-Gründe angegeben Veruntreuung von Geldern, Beteiligung von Minderjährigen bei ‚antisozialem Verhalten‘, sexuelle Übergriffe auf Minderjährige, Unterschlagung von Fremdwährung, Ermöglichen des Zugangs zu Drogen sowie Steuerhinterziehung.

Zusammen mit Popov wurden zwei Kolleginnen verhaftet, Tatyana Kostyuchenko und Danahan Eshenova. Sie erhielten jeweils eine einjährige Bewährungsstrafe wegen Unterschlagung, Steuerhinterziehung und Verstoßes gegen das Fremdwährungs-Gesetz.

Popov befindet sich bereits in der Strafkolonie Navoi im Nordwesten Usbekistans.
Freunde Popovs haben unter seinem Namen auf Facebook eine Solidaritäts-Seite eingerichtet, auch um Forderungen nach Amnestie Nachdruck zu verleihen.

Die GTZ Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (eine bundeseigene Gesellschaft für Entwicklungs-Zusammenarbeit) schreibt über HIV und Aids in Usbekistan

„Die Mehrzahl der HIV-Infizierten in Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan sind injizierende Drogenkonsumenten, vor allem junge Menschen. Der leichte Zugang zu Drogen und die hohen Verdienstmöglichkeiten im illegalen Drogenhandel machen anfällig für Drogenkonsum, vor allem Jugendliche mit schlechter Ausbildung, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammen. Zusammen mit mangelnder Aufklärung und den Normen der traditionell geprägten, patriarchalischen Gesellschaften Zentralasiens führt dies bei Jugendlichen, auch bei Frauen und Mädchen, zu steigenden HIV-Infektionsraten und einer deutlich zunehmenden Zahl an Aids-Erkrankungen.“

Begründungen wie „antisoziales“ oder „un-usbekisches Verhalten“ werden in Usbekistan zunehmend benutzt, um Dissidenten zu verfolgen und Kritiker mundtot zu machen.

.

weitere Informationen:
Facebook-Seite für Maksim Popov
ferghana.ru 26.02.2010: Uzbekistan: The psychologist is sentenced to 7 years of jail for HIV/AIDS prevention
uznews.net 26.02.2010: Details of Uzbek HIV activist’s sentence revealed
iwpr 03.03.2010: Uzbek Doctor Jailed for HIV/AIDS Work
iwpr 11.02.2010: Uzbek Photographer Convicted as “Warning to Others”
.

Callboys sind in ihrem Beruf relativ vernünftig …

Stricher und Prostituierte sind Motoren der HIV-Infektion – diese These wird selbst heute noch gelegentlich vertreten. Ralf Rötten (SUB/WAY) dementiert.

„Callboys sind in ihrem Beruf relativ vernünftig. Meiner Meinung nach ist die Gefahr im privaten Umfeld weitaus größer. Am Anfang der AIDS-Krise wurde vermutet, dass Frauen in der Prostitution die Ausbreitung der Krankheit fördern. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass dies in keiner Weiser der Fall war. Bei schwulen Männer verhält sich das nach meiner Einschätzung ganz ähnlich. Die Infektionsrate unter schwulen Sexworkern ist nicht größer als bei anderen Schwulen. Sex mit einem fremden Mann geschützt zu haben, ist nicht so schwer, wie in einer langjährigen Partnerschaft.“

Mehr über die Situation von Strichern und Callboys im Interview „GayRomeo ist eindeutig das wichtigste Internetportal für Callboys in Deutschland„, das Gay dating Tricks mit Ralf Rötten, Projekt Querstrich / SUB/WAY Berlin geführt hat.