hochpreisige Pillen (akt.)

Nur wenige HIV-Patienten kennen die Preise der Medikamente, die sie u.U. einnehmen. Politikum Medikamenten-Preise – im Gegensatz zu anderen Staaten meist nicht hierzulande.
Als Versicherter der Gesetzlichen Krankenversicherung erfährt ein Patient kaum einmal den Preis der Pillen – Apotheken rechnen die Rezepte direkt mit der Kasse ab.

Zur Information hier einige beispielhafte Preise von Aids-Medikamenten (Stand 01/2008):

Handelsname Dosis Tbl/ Preis AVK Preis/ Tages- Preis Preis
Pckg. Einheit dosis Tag Jahresdosis
Pis
Aptivus 250mg/Kps 120 970,43 € 8,09 € 4 32,35 € 11.806,90 €
Crixivan 400mg/Kps 180 372,54 € 2,07 € 4 8,28 € 3.021,71 €
Invirase 500mg/Kps 120 576,53 € 4,80 € 4 19,22 € 7.014,45 €
Norvir 100mg/Kps 336 619,54 € 1,84 € 1 1,84 € 673,01 €
Prezista 300mg/Tbl 120 867,14 € 7,23 € 4 28,90 € 10.550,20 €
Reyataz 150mg/Kps 60 711,50 € 11,86 € 2 23,72 € 8.656,58 €
Telzir 700mg/Tbl 60 578,39 € 9,64 € 2 19,28 € 7.037,08 €
NRTIs
Emtriva 200mg/Kps 30 300,42 € 10,01 € 1 10,01 € 3.655,11 €
Epivir 300mg/Tbl 30 300,42 € 10,01 € 1 10,01 € 3.655,11 €
Retrovir 250mg/Kps 40 226,18 € 5,65 € 2 11,31 € 4.127,79 €
Videx 400mg/Kps 60 673,52 € 11,23 € 1 11,23 € 4.097,25 €
Viread 245mg/Tbl 30 478,30 € 15,94 € 1 15,94 € 5.819,32 €
Zerit 245mg/Kps 56 281,60 € 5,03 € 2 10,06 € 3.670,86 €
Ziagen 300mg/Tbl 60 452,97 € 7,55 € 2 15,10 € 5.511,14 €
NNRTIs
Sustiva 600mg/Tbl 30 420,26 € 14,01 € 1 14,01 € 5.113,16 €
Viramune 200mg/Tbl 60 437,04 € 7,28 € 2 14,57 € 5.317,32 €
Viramune 200mg/Tbl 120 855,46 € 7,13 € 2 14,26 € 5.204,05 €
Sonstige
Celsentri 150mg/Tbl. 60 1.101,00 € 18,35 € 2 36,70 € 13.395,50 €
Isentress 400mg/Tbl 60 1.062,03 € 17,70 2 35,40 € 12.921,37 €
Fuzeon 100mg/Amp 60 2.032,04 € 33,87 € 2 67,73 € 24.723,15 €
Kombi-Med.
Atripla 300/200/600mg/Tbl 1
Combivir 150/300mg/Tbl 60 634,91 10,58 € 2 21,16 € 7.724,74 €
Kivexa 300/600mg/Tbl 30 722,93 24,10 € 1 24,10 € 8.795,65 €
Trizivir 150/300/300mg/Tbl 60 1141,65 19,03 € 2 38,06 € 13.890,08 €
Truvada 300/200mg/Tbl 30 769,07 25,64 € 1 25,64 € 9.357,02 €
Kaletra 200/50mg/Tbl 120 773,27 6,44 € 4 25,78 € 9.408,12 €

Anmerkungen:
alle Handelsnamen eingetragene Warenzeichen
Tagesdosis: angegeben nur häufig verwendete Dosierungen, ggf. erforderliche RTV-Boosterung, hier nicht genannt. KEINE Dosisempfehlungen!
Ritonavir: angegebener Preis Jahresdosis bei Verwendung als Booster 1x 100mg (nicht als eigenständiger PI)

Die oben genannten Packungs-Preise (Preis AVK; AVK = Apotheken-Verkaufspreis) gelten für jeweils ein Medikament. Wichtiger als die Packungspreise sind für Preisvergleiche die Preise pro üblicher Tagesdosis sowie die Jahres-Therapiekosten:

Ein HIV-Positiver nimmt üblicherweise eine Kombination aus drei oder mehr Wirkstoffen (die manchmal in einer Pille kombiniert sein können).

Dabei können sich jährliche Therapiekosten in ganz anderen Dimensionen ergeben – 15.000 Euro ca.-Jahres-Therapiekosten sind schnell erreicht:

Aids-Medikamente Beispiele ca-Jahres-Therapiekosten
In diesem Beispiel möglicher jährlicher Therapiekosten sind die Kosten für Begleit-Medikationen noch nicht berücksichtigt.

Und werden besonders hochpreisige Medikamente eingesetzt (wie z.B. bei vielen vorhandenen Resistenzen und Fuzeon-Therapie), können die Kosten weitaus höher werden …

Politikum Medikamenten-Preise

Die Preise der Aids-Medikamente interessieren hierzulande bisher die meisten Patienten nur wenig.

Sicher, einige Positive wissen um die Auswirkungen von Medikamenten-Preisen in den weniger entwickelten Staaten der Welt. Manche bekommen wohl auch mit, dass Aids-Medikamente nicht gerade zum Niedrigpreis-Segment des Pharma-Marktes gehören (z.B. wenn wieder einmal Meldungen über Deals mit Pillen durch die Presse gehen). Meistens jedoch sind die Preise der Pillen hierzulande ‚kein Thema‘.

Ganz anders z.B. in den USA, schon aus Gründen des dort völlig anders strukturierten Gesundheitssystems.
In den USA, wo viele Menschen überhaupt keinen Krankenversicherungsschutz haben oder auf die (oft nicht optimal wirksamen) staatlichen Hilfsprogramme Medicaid und Medicare angewiesen sind, ist der Preis von Medikamenten viel eher ein Thema.

Und dort sind Medikamenten-Preise oft auch ein Politikum, Gegenstand aktivistischen Engagements.
Ein besonderer Fall war der Preis für das erste zugelassene Aids-Medikament, AZT (Handelsname Retrovir). Der Hersteller Burroughs Wellcome (heute aufgegangen in GlaxoSmithKline) setzte den Preis des neuen Medikaments auf damals sehr hohe 8.000 $ pro Jahr fest. Massive Proteste und Demonstrationen vor Büros und Niederlassungen des Herstellers sowie Aktionen zivilen Ungehorsams in der Wall Street im Jahr 1989 brachten den Hersteller schließlich drei Tage später zum Einlenken, der Preis für AZT wurde um 20% gesenkt.

Ein weiteres Mal konnten Aids-Communities einen Pharmahersteller zum Senken des Preises eines Medikaments bringen (beim Herpes-Medikament Aciclovir).

In heutigen Zeiten hingegen haben selbst in den USA die HIV-Communities kaum noch den Elan, zu solch starken Demonstrationen zu mobilisieren. Allerdings engagieren sich Aids-Aktivisten in den USA zunehmend nicht nur in Therapieaktivismus und Forschungsfragen, sondern auch in Gesprächen mit Pharmakonzernen, wenn es um die Festsetzung von Preisen für neue Medikamente geht. Auch dies hierzulande bisher weitgehend unbekannt und ungedacht.

Bittere Ironie medizinischen Fortschritts: mit dem Erfolg besserer und wirksamerer Medikamente hat die Fähigkeit zu Protesten und Mobilisierung massiv nachgelassen. Dabei sind so manche Medikamente heute teurer denn je …

HIV & Strafrecht – rollback zur ‚alten Schule‘?

Zunehmend stehen in Europa HIV-Positive vor Gericht, die wegen HIV-Infektion angeklagt werden.

In der Schweiz erfolgte jüngst ein Freispruch in HIV-Prozess, mit einem bemerkenswerten Urteil – der Beklagte wurde freigesprochen, da er die safer-sex-Regeln eingehalten hatte.

Leider ist das erfreuliche Urteil aus der Schweiz derzeit im europäischen Kontext die Ausnahme. Schon seit längerem häufen sich Fälle, in denen juristisch gegen Positive vorgegangen wird. Auch in jüngster Zeit wieder:

In Kleve wurde ein 37jähriger HIV-Infizierter Mitte Dezember 2007 vom Landgericht wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, weil er einem 24jährigen Lover seine HIV-Infektion verschwieg. Dieser ist inzwischen auch HIV-infiziert, wobei nicht geklärt werden konnte, bei wem er sich infiziert hat. Ursprünglich lautete die Anklage auf versuchten Totschlag.

Ein pädophiler Sex-Tourist steht in Kiel vor Gericht. Neben dem Missbrauch Minderjähriger (in Kambodscha) wird ihm auch versuchte gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Er habe eine HIV-Infektion der Kinder billigend in Kauf genommen.

In Frankreich wird einem 25jährigen HIV-infizierten Schwulen vor Gericht vorgeworfen, bewusst die mögliche Infektion mehrerer Sex-Partner in Kauf genommen zu haben. Erstmals in Frankreich kommen phylogenetische Untersuchungen zur Anwendung – um den ‚Verursacher‘ ausfindig zu machen.

In London haben Richter Anfang Dezember 2007 geurteilt, wenn ein HIV-Positiver seinen HIV-Status vor dem Sex nicht erkläre, könne dies bei der Strafbemessung relevant sein. Britische Strafrechts-Experten sehen in dem Urteil eine Fortsetzung des Trends von Richtern (in Großbritannien), die nicht-Offenlegung des eigenen HIV-Status als ‚völlig unentschuldbare Handlung‘ zu betrachten.

Trotz des erfreulichen und erfreulich überlegt begründeten Schweizer Urteils, in Europa scheinen die ‚juristischen‘ Zeichen der Zeit eher auf höherer Strafverfolgung und zunehmendem juristischen Druck gegen Positive zu stehen.

Steht hinter dieser Tendenz zu mehr ‚law and order‘ nicht letztlich auch der Gedanke, wieder zu einer Aids-Bekämpfung ‚alter Schule‘ zurück zu kehren?
‚Alte Schule‘, das hieß ‚controll and containment‘, Infektionsquellen identifizieren und stillegen. ‚Neue Schule‘ hingegen ist seit den 1980er Jahren vielmehr eine Politik von ‚inclusion and cooperation‘ – eine Politik, die Betroffene ohne Diskriminierung einbindet und die bisher deutliche Erfolge produziert hat. Eine Politik, die nicht unüberlegt aufgegeben werden sollte.
So bleibt zu hoffen, dass das Schweizer Urteil ‚Schule macht‘.

weitere Informationen:
Mit Justitia gegen Positive?
Strafrecht gegen unsafen Sex – ein Blick über die Grenzen
UNAIDS über HIV und Strafrecht
Infektionsrisiko unter HAART – widersprüchliche Signale
HIV/Aids: repressive Maßnahmen behindern Prävention

zu phylogenetischen Tests:
HIV vor Gericht 1 – alles eine Frage der Abstammung
HIV vor Gericht 2 – Ist Abstammung wirklich alles?
HIV-Abstammung allein nicht genug vor Gericht

Aids-Politik: kein Zeitenwechsel für Südafrika? (akt.)

Die Regierungspartei Südafrikas wählt einen neuen Parteivorsitzenden. Die Wahl gilt als Vorzeichen für die Wahl zum Staatspräsidenten 2009. Doch ein dringend benötigter Richtungswechsel in der Aids-Politik des Landes scheint nicht in Sicht.

Südafrika steht in dieser Woche eine bedeutende Weichenstellung bevor. Der African National Congress (ANC), der Südafrika seit dem Ende der Apartheit 1994 regiert, wählt einen neuen Partei-Präsidenten. Und da der bisherige Präsident Tabo Mbeki nach zwei Amtszeiten nicht mehr erneut als Staatspräsident kandidieren darf, wird der zukünftige ANC-Parteichef fast automatisch auch Kandidat für die Wahlen des Staatspräsidenten 2009.

Die Wahl des neuen Parteichefs auf dem am heutigen Sonntag beginnenden 52. Parteitag des ANC ist damit aber nicht nur eine bedeutende Weichenstellung für die zukünftige Entwicklung des Landes, sondern auch für die zukünftige Richtung der Aids-Politik.

Südafrika ist eines der am stärksten von Aids betroffene Länder der Welt. 5,5 Millionen Südafrikaner und Südafrikanerinnen sind HIV-infiziert; bei Jugendlichen liegt die Infektionsrate bei 16%, jede dritte Schwangere ist HIV-positiv.

In Sachen Homo-Politik ist Südafrika einen interessanten Weg gegangen. 2006 war Südafrika der erste afrikanische Staat, der die Homo-Ehe legalisierte. Aktivisten weisen mit einem an den Parteitag gerichteten Manifest auf weiterhin bestehende Diskriminierungen hin und fordern ‚Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit für alle‘.

Die Aids-Politik Südafrikas hingegen hat in den vergangenen Jahren nicht mit großen Erfolgen glänzen können.
Dabei gab es vor 1987 kaum HIV-Infektionen im Land, noch 1993 war die Neuinfektions-Rate relativ niedrig. Doch die Aids-Politik Südafrikas ist weitgehend von Ignoranz geprägt. Staatspräsident Tab Mbeki leugnet gerne ab und an einmal den Zusammenhang zwischen HIV und Aids – nie ganz direkt, er fordert hingegen oftmals „eine unvoreingenommene Prüfung der Ursachen von Aids“. Eine Politik, die dazu führte, dass den HIV-Infizierten des Landes lange Zeit wirksame Medikamente kaum zur Verfügung standen.
Seine Gesundheitsministerin Tshabalala-Msimang kann sich sogar von ihm unkritisiert erlauben öffentlich kund zu tun, gegen HIV helfen Rote Beete und Zitronensaft.

Die Ära Mbeki geht nun ihrem Ende entgegen – doch wie wird es weiter gehen?
Einer der aussichtsreichsten Politiker für den Parteivorsitz des ANC neben Mbeki und damit auch aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat für 2009 ist Jacob Zuma.

Zuma genießt in der südafrikanischen Bevölkerung hohes Ansehen. Er geht als Favorit in das Rennen um den Parteivorsitz des ANC, obwohl immer wieder Anschuldigungen gegen ihn wegen einer angeblichen Beteiligung an Betrügereien bei Rüstungsgeschäften erhoben werden.

Im Juni 2005 wurde Zuma, ein Verfechter der Todesstrafe, von Mbeki in Folge o.g. Bestechungsaffäre als Vizepräsident gefeuert; kurz darauf stand er in einem Vergewaltigungs-Prozeß vor Gericht. Er wurde freigesprochen – allerdings wurden dabei pikante Geschichten publik. Er habe ohne Kondom mit einer HIV-infizierten Frau geschlafen, obwohl er von ihrer HIV-Infektion wusste, bekannte Zuma damals. Schließlich, er sei ein gesunder Mann, da habe er das Infektionsrisiko für gering erachtet. Er habe danach einfach lange geduscht, um sich von dem Virus reinzuwaschen.

Zuma gilt heute als der schärfste Konkurrent und innerparteiliche Gegner Mbekis und mögliche kommende starke Mann des ANC. Der Parteitag in dieser Woche wird entscheiden, welche Rolle er zukünftig in der südafrikanischen Politik spielt. Mit auf dem Spiel steht unausgesprochen auch der Fortgang der Aids-Politik des Landes.

Das erst relativ späte Auftreten von HIV in Südafrika hätte wirksame Präventions-Strategien ermöglicht. Die heutige Situation ist Resultat politischen Handelns – oder eben Fehl- oder Nicht-Handelns.
Es bleibt zu hoffen, dass der zukünftige ANC-Vorsitzende (nb, von einer Frau als Vorsitzende ist nicht die Rede …) und der spätere neue Staatspräsident auch bei HIV und Aids die Weichen neu stellen.
Ob Macho Zuma in der Aids-Politik allerdings die dringend erforderliche Wende bringen würde, steht zu bezweifeln. Es gibt Gründe zu befürchten, auch unter Zuma könnte die Aids-Politik der Ignoranz fortgesetzt werden.
‚Duschen gegen Aids‘ allein zumindest ist nicht richtungsweisend …

Nachtrag 18.12.: der ANC hat am Abend des 18.12. Jacob Zuma zum neuen Parteivorsitzenden gewählt
Nachtrag 12.9.2008: ein südafrikanisches Gericht hat ein Verfahren wegen Korruptionsverdacht gegen Zuma eingestellt. Der Weg zur Präsidentschaft ist damit für ihn frei.

Infektionsrisiko unter Therapie – widersprüchliche Signale (akt.)

Kann eine erfolgreiche anti-HIV-Therapie das Risiko einer HIV-Übertragung senken? Diese Frage wird insbesondere auch unter HIV-Positiven intensiv diskutiert. Von Experten kommen derzeit unterschiedliche Signale.

RKI: nichts genaues weiß man nicht
Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet sich zu diesem Thema mit einem im wesentlichen bedächtigen Ergebnis zu Wort. Im Epidemiologischen Bulletin Nr. 47 schreibt das RKI „Zum HIV-Übertragungsrisiko unter antiretroviraler Therapie“.

In dem Beitrag wird u.a. besonders auf die teils sehr schlechte Datenlage hingewiesen, so liegen z.B. kaum Daten zur HIV-Konzentration an der Darmschleimhaut (ohne / mit ART) vor.
Grundsätzliches Problem aller Überlegungen sei: für die Prävention relevante Überlegungen erfordern prospektive Studien zum Übertragungsrisiko von HIV – diese gibt es jedoch bisher nicht. Daten einer laufenden Studie bei diskordanten heterosexuellen Paaren werden für 2009/10 erwartet; eine Studie für Infektionsrisiken bei homosexuellen Übertragungssituationen existiert bisher nicht.

Surrogat-Marker (ersatzweise herangezogene Laborwerte wie die Viruslast) können dabei immer nur ein ‚Hilfskonstrukt‘ sein.
Etwaige vorhandene sexuell übertragbare Infektionen (STI) können zudem bei nicht / nicht erfolgreich antiretroviral behandelten Positiven das Übertragungsrisiko zum Teil erheblich erhöhen (Daten bei erfolgreicher HAART liegen kaum vor).
U.a. aufgrund möglicher Veränderungen des Übertragungsrisikos z.B. durch Ko-Infektionen weist das RKI auf die Möglichkeit hin, dass zwischen monogamen Partnern und Partnern mit häufig wechselnden Partnern evtl. unterschiedlich hohe Übertragungswahrscheinlichkeiten bestehen könnten.

Mit aller Vorsicht der Wissenschaft kommt das RKI zur Frage des Infektionsrisikos bei erfolgreicher Therapie zu dem Schluss, dass
– eine effektive ART (Viruslast unter der Nachweisgrenze) mit hoher Wahrscheinlichkeit die HIV-Übertragungswahrscheinlichkeit deutlich senkt;
– für Aussagen auf individueller Ebene (konkrete Situation / Konstellation zweier Menschen miteinander) hingegen weitgehend Daten fehlen; und
– die Einschätzung zahlreicher Risiko-Situationen bei eindringendem und aufnehmendem Anal- sowie Vaginalverkehr aufgrund fehlender oder nur geringer verfügbarer Daten kaum möglich ist. Das RKI trifft hierzu aus diesem Grund keine Aussagen.

Schweiz: Positive mit erfolgreicher Therapie „nicht infektiös“
Ganz anders die Beurteilung der Situation und die gezogenen Konsequenzen in der Schweiz:
Bernard Hirschel vom Service des Maladies Infectieuses Département de Médecine Interne Hôpital Cantonal (Leiter der Einheit Aids) vertritt eine sehr dezidierte Meinung. Seiner in letzter Zeit auch mehrfach öffentlich geäußerten Ansicht zufolge sind HIV-Positive mit erfolgreicher Kombitherapie (Viruslast unter der Nachweisgrenze) nicht infektiös, selbst nicht bei unsafem Sex.

Prof. Bernard Hirschel bringt seine Position in der ‚Tribune de Genève‚ auf den Punkt: „keine nachweisbare Viruslast, keine Infektion“(ähnliche Aussagen auch in 24 heures und Le Temps).
Eine Meinung, die auch die Schweizer Aids-Kommission teilt. Die ‚Eidgenössische Kommission für Aids-Fragen‘ (EKAF) formuliert „ein zusätzlicher positiver Effekt einer erfolgreichen Therapie ist auch die fast vollständige Verhinderung einer weiteren Übertragung von HIV“ ((„Visionen und Empfehlungen für die HIV/Aids-Politik der Schweiz“, siehe unter ‚weitere Informationen‘)).

Hirschel führt seine Überlegungen sogar noch weiter. Er misst einer erfolgreichen Kombitherapie einen präventiven Aspekt bei. Präservativ und Pillen, Kondom und Kombitherapie seien zwei wirksame Schutz-Möglichkeiten, jede mit ihren eigenen Vor- und Nachteilen.
Auch Hirschel betont allerdings, keine Infektiosität bedeute nicht ‚kein Risiko‘. Es bleibe weiterhin z.B. das Risiko sexuell übertragbarer Infektionen, die dann ihrerseits auch das Risiko einer HIV-Übertragung erhöhen könnten.

Zwei renommierte Aids-Institutionen bzw. Experten, und zwei recht unterschiedliche Äußerungen. Was zunächst überrascht – die Datenlage kann ja doch zu diesem Thema zwischen der Schweiz und Deutschland nicht so arg unterschiedlich sein.

Prof. Hirschel kann sich zu einer sehr pointierten Aussage durchringen, die auch für Menschen mit HIV eine konkrete verständliche Botschaft ist.
Das RKI hingegen windet sich deutlich, vermeidet geradezu zu einer klaren Aussage zu kommen.
Zu hoffen ist, dass bei der Zurückhaltung des RKI keine politische Einflussnahme im Spiel ist. Bei der Haltung des RKI ist sicher zu berücksichtigen, dass das RKI vermutlich auch befürchtet, angesichts des komplizierten Sachverhalts würden Teile der Informationen ‚in der Praxis‘ verloren gehen – so dass im Extremfall der (nicht berechtigte) Eindruck eines ‚Freifahrscheins‘ entstehen könnte.

Dennoch – (nicht nur) für Menschen mit HIV bietet sich nun ein äußerst widersprüchliches, unklares Bild. Im Sinne klarer Botschaften, die auch Orientierungspunkte für eigenes Verhalten liefern, wäre es wünschenswert, wenn sich Aids-Experten deutlicher auf eine verständliche Position einigen können.
Zudem bleibt zu wünschen, dass die Erkenntnisse zur Infektiosität bei Positiven unter Therapie auch in der strafrechtlichen Praxis ankommen (und bei denen, die Strafverschärfungen fordern).
So könnte sich die/der deutsche Positive (zumindest aus der Sicht der Infektionsitäts-Debatte) derzeit beinahe wünschen, in der Schweiz zu leben …

weitere Informationen:
Transmissionsrisiko unter HAART: ‚vernachlässigbar klein‘
HIV-Status und Prävention
Das Epidemiologische Bulletin Ausgabe 47 / 2007 gibt’s als pdf hier
EKAF und Sektion Aids, BAG: „Visionen und Empfehlungen für die HIV/Aids-Politik der Schweiz“, discussion paper für das Aidsforum 2007, S. 19; als pdf online hier

Prof. Hirschel hat seine Gedanken auch in einem Interview mit dem Schweizer Positiven-Radion survivreausida erläutert. Die Sendung kann hier online gehört werden (mp3, in französischer Sprache)

US-Einreise- Bestimmungen: massive Kritik

Die von der Bush-Regierung vorgeschlagenen neuen Einreisebestimmungen für HIV-Positive sind auf massive Kritik gestoßen.

Seit 1993 (Jesse-Helms-Act) ist die Einreise in die USA für Menschen mit HIV und Aids äußerst restriktiv geregelt – die bisher immer noch geltenden Regelungen kommen fast einem de facto Einreiseverbot gleich. Trotz zahlreicher internationaler Proteste waren bisher alle US-Regierungen bei diesen Regelungen geblieben.

Ende 2006 hatte dann etwas überraschend die Bush-Regierung eine Änderung der Einreise-Bestimmungen angekündigt. Erst vor kurzem waren dann Entwürfe für diese Neuregelung seitens des DHS (Department of Homeland Security) veröffentlicht worden.

Die Vorschläge erhielten schnell Kritik von Seiten zahlreicher Aids-Aktivisten. Bis zum 6. Dezember standen die Vorschläge für die Neu-Regelung im Internet zur Diskussion. Und es hagelte weitere Kritik.

Die International Aids Society (Ausrichterin u.a. der Welt-Aids-Konferenzen und bekannt für eine dezidierte Haltung in Sachen Reise-Restriktionen für Menschen mit HIV und Aids) betonte in ihrer Stellungnahme, die neue Regelung sei unverändert äußerst diskriminierend und fördere eine Politik, die weder in Wissenschaft, Medizin noch öffentlicher Gesundheit fundiert sei (pdfs mit Stellungnahmen hier und hier). Die neuen Vorschläge würden nur eine alte diskriminierende Politik verstärken.
Die IAS hatte bereits nach der Konferenz von 1990 in San Francisco beschlossen, keine weiteren Welt-Aids-Konferenzen mehr in den USA stattfinden zu lassen, solange die restriktiven Einreisebestimmungen des Hellms-Act bestehen.

Aber auch zahlreiche andere Organisationen und Fach-Gesellschaften kritisierten die Vorschläge für eine Neu-Regelung. So betonte die hiv medicine association, hiermit werde eine schlechte Regelung noch schlechter gemacht. Und Dr. Paul Volberding, Medizinischer Direktor des VA Medical Center in San Francisco, stellte klar, dass zwar US-Bürger auch mit HIV in fast alle Staaten der Welt reisen könnten, die USA selbst aber Schranken errichteten. Elemente der neuen Regelung würde er als ‚lachhaft‘ bezeichnen, wenn es nicht so traurig wäre. Die ursprünglich angekündigte Vereinfachung der Regelung sie dieser Entwurf nicht.

Das DHS verteidigte den Entwurf.

Aktivisten betonten, diese Bestimmungen seien völlig kontraproduktiv. Nur 13 Staaten auf der Welt hätten ähnlich restriktive Einreisebestimmungen wie die USA. Erst jüngst hatte China angekündigt, selbst von heimkehrenden Staatsbürgern einen HIV-Test zu verlangen, wenn sie sich länger als ein Jahr im Ausland aufgehalten haben.

weitere Informationen:
USA: Kritik an neuen Einreise-Regelungen für HIV-Positive
Ändern USA HIV-Einreiseverbot?
aktualisierte Übersicht über Reise- und Einreisebestimmungen nach Staaten
die Einreisebestimmungs-Übersicht auch als pdf-Download auf hiv-wechselwirkungen.de

Pflege deinen Schwanz

„Pflege deinen Schwanz“ – was wie ein Wellness-Angebot aus dem Rotlicht-Bezirk klingt, erweist sich bald als umfassende Informationsquelle rund um ‚Männer-Gesundheit‘. Bis zu einer Länge von 30 Zentimetern …

Neben vielen bemerkenswerten und zahlreichen bunten und schrillen Aktionen (von Friseusen gegen Aids bis Spenden-Tunten im Flugzeug) bringt der Welt-Aids-Tag immer wieder auch spannende oder interessante Kampagnen an den Tag.

Eine spannende Kampagne kommt derzeit aus Dresden. Ja, die Stadt, die teuer eine zerstörte Kirche wieder aufbaut, und dann ihrem neu gewonnenen Panorama mit einer umstrittenen Brücke wieder Probleme macht.

Die Site „Pflege deinen Schwanz“ fällt schon durch ihren offensiven Titel auf. „Wir laden Sie ein über Themen männlicher Sexualität nachzudenken“ stellt sich das gemeinsame Projekt von Aids-Hilfe Dresden und Gesundheitsamt Dresden vor.

In vier Szenen wird der User eingeladen, über sich und seine Sexualität nachzudenken. Dabei wird (in Form von Text oder MP3) zu den Themen ‚Sex &Geschäft‘, ‚Sex & nur Sex‘, ‚Sex & Leidenschaft‘ sowie ‚Sex & Neugier‘ jeweils eine Art angeleiteter Gedankenreise vorgeschlagen. Per Click kann der User dabei frei wählen,wie „sein bestes Stück“ im Text angesprochen werden soll, z.B. ob eher als ‚Gemächte‘ oder banal ‚Schwanz‘.

Neben diesen situativen Erfahrungen bietet die Site auch eine Vielzahl Informationen, gegliedert in die vier Rubriken ‚Körper & Gesundheit‘, Schwanz & Liebe‘, ‚Beziehung & Verschiedenheit‘ und ‚Sexualität & Träume‘.
Von Hormonen über Beschneidung und Romantik bis Fremdgehen wird hier in Form kurzen Artikel auf jeweils ein Thema eingegangen, dazu werden meistens weiterführende Informationen per Link angeboten (die leider teilweise auf ‚Informationsangebote‘ der Pharmaindustrie führen).

Doch auch ungewöhnliche bis bizarre Informationen bietet die Website. So soll es immerhin 5.000 Männer geben deren Penis in erigiertem Zustand eine Länge von mehr als 30cm erreicht …

Pflege deinen Schwanz“ … bei dem, was für viele Männer vermutlich „ihr wichtigstes Teil“ ist anzusetzen, könnte sich als clevere Idee der Informationsvermittlung erweisen – ‚Wellness im Schritt‘ sozusagen …

Pflege deinen Schwanz scheint eine erfrischende Form neuer Ansprache zu sein, die Informationen vermittelt, gleichzeitig aber auch (über die situative Herangehensweise) ermöglicht, das eigene Verhalten zu überdenken.
Bedauerlich jedoch , dass auch Links zur Pharmaindustrie oder pharmanahen Angeboten führen (zudem unkommentiert, ohne diesbezüglichen Hinweis) – von einem Angebot aus dem Umfeld der Aids-Hilfe darf hier mehr Problembewußtsein (über Informationsbedarf der Pharmaindustrie) und kritische Distanz erwartet werden. Auch dass einer der Autoren gleichzeitig Vorstand der ‚Gesellschaft für Mann und Gesundheit‘ ist, wäre eine Erwähnung wert gewesen.
So bleibt leider auch der bittere Bei-Geschmack der Frage, wie weit sich hier Aids-Hilfe auch für die Öffentlichkeits-Arbeit anderer Interessengruppen instrumentieren lässt.

Mutationen auf dem Pharma-Markt

Experten rechnen damit, dass der Markt für Aids-Medikamente in den kommenden Jahren deutlich wachsen wird. Allerdings stehen gravierende Änderungen bevor.

Die Pillen-Geschäfte lohnen sich … für die Pharmaindustrie.
„HIV-Patienten leben wesentlich länger. Sie haben die Krankheit lebenslang, und deswegen wird der Markt wachsen“, kommentiert ein Analyst trocken.
Und doch wird sich der Markt in den nächsten Jahren wesentlich verändern, meinen Wirtschafts-Analysten. Einem Bericht auf CNNmoney zufolge beläuft sich der Markt für Aids-Medikamente derzeit auf ca. 8 Milliarden US-$. Bis zum Jahr 2016 rechnen Experten mit einem Anwachsen um 50%.

Bisher ist der Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) der wohl bedeutendste Player im Konzert der Aids-Medikamenten-Hersteller. Doch GSK, wie auch einige andere Pharmakonzerne, werde sich mit einigen Änderungen abfinden müssen. So werden in den nächsten Jahren zahlreiche Patente (bis zu zwei Drittel) auf bisher geschützte Wirkstoffe auslaufen, so dass generische (und i.d.R. preisgünstigere) Versionen verfügbar werden.

Während GSK mit dem Verlust von Marktanteilen rechnen müsse, seien Bristol-Myers Squibb (BMS) sowie Gilead in einer starken Position, so der Bericht.

In den ersten neun Monaten des Jahres 2007 habe GSK mit Aids-Medikamenten einen Umsatz von 2,2 Mrd. $ erzielt, Gilead bereits von 2,3 Mrd. $. Analysten schätzen den Gilead-Umsatz im Aids-Bereich für 2007 auf 3,1 Mrd. $ und im Jahr 2012 auf ca. 6,4 Mrd. $.
Allein Atripla, ein Kombinationsprodukt aus Gileads Präparaten Emtriva und Viread sowie von Sustiva des Herstellers BMS in einer Pille habe in den ersten 9 Monaten 2007 einen Umsatz von 650 Mio. $ erreicht. Bis 2010 erwarten Experten einen Atripla-Umsatz von 2,7 Mrd. $.

Der Markt für solche Kombinations-Pillen aus Substanzen verschiedener Hersteller werde wachsen, prophezeien Experten. Noch dementieren die Pharmakonzerne Pfizer und Johnson & Johnson (Tochter Tibotec) eine Zusammenarbeit bei einer Kombi-Pille aus ihren neuen Medikamenten Prezista und Isentress.
Die Herstellung von Medikamenten zur Behandlung der HIV-Infektion scheint immer noch ein äußerst lohnendes Geschäft zu sein, trotz aller Klagen von Pharmakonzernen.

Ganz anders in der Forschung an HIV-Impfstoffen: der Rückzug des Pharmakonzerns Merck aus der HIV-Impfstoff-Forschung schickte erst jüngst Schockwellen durch die Aids-Landschaft.

An Impfstoffen zu forschen lohnt sich scheinbar nicht, wohl aber an Medikamenten …

Dieser Text ist Teil 2 einer kleinen Serie über Facetten des Marktes für Aids-Medikamente.
Teil 1: Pillen-Geschäfte – über die weltweiten Umsätze mit Aids-Medikamenten

Welt-Aids-Tag: neuer Queen-Song gratis

Zum ersten Mal seit zehn Jahren bringt Queen einen neuen Song heraus, aus Anlass des Welt-Aids-Tags. Und – der neue Song steht auf der Website der Gruppe zum gratis Download unentgeltlich zur Verfügung.

Freddy Mercury wäre heute schon 61 – wenn er nicht am 24. November 1991 an den Folgen von Aids verstorben wäre.
Seit 1997 spielen Queen wieder zusammen, 1998 kam ihre bis dato letzte Neu-Einspielung „No-One But You“ auf den Markt.
Die Band hat nun zusammen mit dem neuen Sänger Paul Rodgers „say it’s not true“ eingespielt – die erste öffentlich verfügbare Aufnahme der Gruppe seit zehn Jahren. Das Lied sei dem Welt-Aids-Tag gewidmet, und solle die Kampagne ‚46664‚ von Nelson Mandela unterstützen, so die Band. Sie wolle Mandelas Aufforderung folgen „it’s in our own hands to bring a stop to this“.

Der Song wurde erstmals beim Launch der ‚46664‘-Kampagne im November 2003 in Kapstadt aufgeführt. Während der ‚Queen and Paul Rodgers‘-Tournee 2005 wurde der Song in einer akustischen Version gespielt. Dieses Jahr entschied sich die band, den Song neu einzuspielen und zur Unterstützung der Mandela-Kampagne zu veröffentlichen.
Der Song enthält die Botschaft, dass HIV und Aids jedem begegnen kann.

Queen und Paul Rodgers „say it’s not true“ steht unentgeltlich (gegen Registrierung) auf der Website der Gruppe Queen Online sowie auf der Website der Kampagne 46664 zum Download zur Verfügung.


Deals mit Pillen

Ein Apotheker und sechs HIV-positive Patienten sollen in Wetzlar Krankenkassen zwischen 2005 und 2007 durch abgerechnete, aber nicht ausgegebene Aids-Medikamente um mehreren hunderttausend Euro betrogen haben.

Lange hat man nichts mehr gehört von Apothekern und PatientInnen, die ihren privaten Deal mit Aids-Medikamenten machen. Doch ausgestorben scheint die Masche noch nicht zu sein, wie ein aktueller Fall zeigt.

Vor einigen Jahren war es in einigen Städten noch recht häufig anzutreffen, das Phänomen, dass es einigen Patienten (und erst recht Apothekern) plötzlich finanziell deutlich besser ging, seit sie Medikamente nahmen.
Die Wege waren kreativ und mannigfach, das Ergebnis meist, dass Apotheker und Patient finanziell besser gestellt, die Krankenkasse die (finanziell) Geschädigte war.

Nachdem einige besonders krasse Fälle (u.a. in Berlin) publik wurden, teilweise auch vor Gericht landeten, die Kassen in zahlreichen Fällen ihren Ermittlungsdienst aktivierten, war lange Zeit Ruhe. Zudem sorgten die Gesundheitsreform und verstärkte Kontrollen von Kassen dafür, dass einige Wege einer zusätzlichen ‚Einnahmequelle‘ verstopft wurden.

Doch immer noch scheinen Tricksereien möglich zu sein. So wird jetzt aus Wetzlar über einen schwunghaften Handel mit Rezepten für Aids-Medikamenten berichtet.
Die Wetzlarer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen ortsansässigen Apotheker, der verdächtigt wird, die Krankenkassen um mindestens 250.000 Euro betrogen zu haben, wie die ‚Wetzlarer Neue Zeitung‘ am 27.11.2007 berichtet.

Der Apotheker soll dazu zwischen Frühjahr 2005 und Frühjahr 2007 mit sechs HIV-infizierten Patienten gemeinsame Sache gemacht haben. Die Positiven aus dem Frankfurter Raum ließen sich zusätzlich zu ihrer Kombinationstherapie auch magenschützende Präparate verschreiben. Diese Rezepte sollen bei dem Wetzlarer Apotheker eingelöst und den Kassen in Rechnung gestellt worden sein. Medikamenten seien jedoch nicht ausgegeben worden, den Betrag (gesprochen wird von einem Wert von bis zu 3.000€ je Rezept) hätten sich vielmehr Positive und Apotheker geteilt – bei einer Rate von zwei Drittel für den Apotheker, ein Drittel für den Patienten.
Neben der AOK Hessen sollen auch weitere Krankenkassen zu den Geschädigten gehören.

Aufgedeckt wurde dieser ‚Betrug durch Kooperation zwischen Apotheker und Patienten‘ vermutlich durch einen Hinweis aus dem Kreis der teilnehmenden Patienten selbst. Ein AOK-Sprecher betonte, hätten alle Beteiligten ‚dicht gehalten‘, wäre dieser Art Betrug wohl nur schwer beizukommen.


Viele Menschen mit HIV leben unter prekären finanziellen Umständen. Möglichkeiten, die eigene finanzielle Situation aufzubessern, sind vielfach willkommen, ihre Nutzung oftmals verständlich. Kriminelle Wege, wie diese Art von Kassen-Betrug, können jedoch kein legitimes Mittel der Aufbesserung der eigenen Kasse sein.
Zudem dürften die eigentlichen Geschädigten vermutlich wohl auch die Positiven selbst sein , die durch Nichteinnahme der verordneten Medikamente vermutlich ihre Gesundheit massiv gefährdeten.

Pikant erscheint vor allem auch das Verhalten des Apothekers. Nicht nur das gezielte Erkennen und Ausnutzen einer Systemlücke, sondern auch die Aufteilung (zwei Drittel / ein Drittel) ist bemerkenswert. Sollte sich bewahrheiten, dass die betroffenen Positiven DrogengebraucherInnen sind, könnte sich zudem die (wohl eher moralische als justitiable) Frage nach dem Ausbeuten einer Notsituation eh schon sozial benachteiligter Patienten stellen.

Dieser Betrug der Krankenkassen durch Zusammenarbeit von Positiven und Apothekern dürfte wohl kein einmaliger, wohl aber ein seltener Fall sein. Es bleibt zu fragen, ob diese Art von Betrug nicht erst möglich wird durch das gezielte Ausnutzen von Systemlücken, und was die Beteiligten zu deren Behebung unternehmen.

Ein Stück, nebenbei, das geradezu zu einer Inszenierung verlockt, mit brecht’schen Charakteren (ein beschauliches Städtchen, verarmte Patienten aus der Großstadt, denen Geld wichtiger als Gesundheit zu sein scheint, der zwei-Drittel-Apotheker, der ein gutes Geschäft wittert …).

Steps for the Future

Wer sich (z.B. anlässlich des Welt-Aids-Tags, der übrigens 2007 zum 20. Mal begangen wird) mit HIV und Aids auseinander setzen möchte, kann neben den Dokus zu HIV & Aids, die ‚ARD extra‘ um den 1.12. herum ausstrahlt, auch direkt aus Südafrika, einem der weltweiten Brennpunkte der HIV-Epidemie, informieren.

‚Steps for the Future‘ ist eine Kooperation südafrikanischer und internationaler Filmmacher, die 2001 insgesamt 25 Filme zu HIV und Aids produziert hat. Die Filme sind in Zusammenarbeit u.a. mit Aids-Organisationen und Menschen mit HIV und Aids entstanden.
Dokumentationen, Videoclips, Kurz- und Experimentalfilme und selbst sexy Aufklärungsspots – die Kollektion bietet eine breite Spannweite, wie man sich dem Thema Aids nähern kann.
Die Filme entstanden mit internationaler Unterstützung und Kooperation (u.a. ARTE und BBC). Sämtliche 25 Filme wurden in Südafrika im Umfeld des Welt-Aids-Tags 2001 ausgestrahlt.
Trailer der Filme sind online auf steps for the future abrufbar

Für Berliner Leser: sämtliche ’steps for the future‘ – Filme sind in der Landes- und Zentralbibliothek vorhanden und ausleihbar (via VÖBB)

[via dvdbiblog]

G8 legen Gesundheitsbericht vor

Erstmals legen die G8-Staaten einen „Gesundheitsbericht zur Bekämpfung von HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria“ vor.

Der umstrittene G8-Gipfel in Heiligendamm hatte u.a. auch das Thema Gesundheit.
„Gesundheit ist der Grundstein für Wohlstand“, lautete 2000 in Okinawa der ökonomisierende Titel zum Thema Gesundheit. Seitdem befassten sich G8-Treffen immer wieder auch mit Gesundheit im Allgemeinen und HIV/Aids im Speziellen.

So wurde 2005 der Beschluss gefasst, bis zum Jahr 2010 solle universell möglichst jedermann/frau, der/die Zugang zu antiretroviralen Medikamenten benötige diesen auch bekommen. Entscheidende Schritte auf dieses Ziel hin vermissen Aids-Aktivisten leider bis heute.

Auch auf dem St-Petersburger G8-Treffen 2006 stand das Thema HIV/Aids auf der Tagesordnung. Hier wurde verabredet, zukünftig regelmäßig einen Bericht über den Stand der Maßnahmen zu verfassen, die die G8-Staaten zur Bekämpfung von HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria treffen.

Erstmals wurde nun solch ein Bericht vorgestellt. Der“Erste Gesundheitsbericht zur Bekämpfung von HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria“ will die eingegangenen Verpflichtungen der G8-Staaten vorstellen und im zweiten Teil einen Überblick über relevante Beiträge der G8 liefern.

Bei allem Selbstlob enthält der Bericht auch lesenswerte Detail. So erfährt der interessierte Leser z.B., dass Frankreich dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria 978 Mio. US-$ zur Verfügung gestellt hat. Zudem habe sich das Land verpflichtet, jährlich eine Milliarde US-$ in Gesundheitsmaßnahmen in Afrika zu investieren.

Diese Zahlen bestätigt in etwa auch der Globale Fonds selbst. Einer aktuellen Aufstellung zufolge (als Excel-Datei hier) hat Frankreich für den Zeitraum 2002 bis 2010 2.494 Mio. US-$ zugesagt und davon bisher 980 Mio. $ (39%) eingezahlt.
Deutschland, so der Fonds, habe für den gleichen Zeitraum 1.274 Mio. US-$ zugesagt, und davon bisher 403 Mio.$ (31%) eingezahlt.

Staaten wie Italien (Zusage 1.368 Mio.$, gezahlt bisher 821 Mio.$ =60%) oder Japan (Zusage 846 Mio.$, gezahlt bisher 663 Mio.$ =78%) zählen zu den bedeutenden Finanziers des Fonds, sowohl was die Zahlungstreue als auch das Engagement gemessen an der Bevölkerungszahl oder Wirtschaftskraft des Landes angeht.

Die Zahlen sprechen für sich … und relativieren so manch freudiges Eigenlob.

Der Bericht steht hier als pdf zum Download zur Verfügung.

Dokus zu HIV & Aids

Anlässlich des Welt-Aids-tags sendet der Digital-Kanal ARD Extra einige Dokumentationen und Reportagen rund um HIV und Aids:

Jung. Sorglos. HIV-positiv. (1.12., 13:30 Uhr)
A Right to Live – Medikamente für Millionen (11.12., 14:45 Uhr)
Der Fluch der Ahnen (1.12., 20:15 Uhr)
Früher Frost – ein Fall von Aids (1.12., 22:00 Uhr)
Tanz ums Schilfrohr (4.12., 20:15 Uhr)
Liebes-Safari in Kenia – weiße Frau sucht schwarzen Mann (4.12., 21:15 Uhr)

Weitere Informationen zu den Sendungen sowie Wiederholungs-Termine hier.

GI Jonny – volles Rohr gegen HIV

Mit einem ganz besonderen Angebot wendet sich die BBC an junge Menschen: die Action-Figur GI Jonny informiert unter dem Motto „inform and protect“ über HIV.

GI Jonny – eine Präventions-Figur im Stil der bei jungen Menschen beliebten Action-Figuren. Martialisch wirkende Charaktere, überzeichnet in ihren Eigenschaften und Körpern, aber alles safe.

GI Jonny bietet Informationen rundum HIV und Aids – von Ansteckungswegen, HIV-Test und Safer Sex über verbreitete Falschinformationen bis zu Drogen und Alkohol. Und entgegen dem Titel des Angebots auch nicht nur für den männlichen Teil der jugendlichen Welt – bald tritt auch ‚GI Phoebe‘ in Erscheinung …

In sechs ‚real stories‘ erzählen junge (HIV-infizierte und bisher nicht HIV-infizierte) Menschen in Audio-Files über ihre verschiedensten persönlichen Erfahrungen mit HIV und Aids.
Eine ‚Gallery‘ lädt dazu ein, sich interaktiv seinen individuellen GI entsprechend eigenen Vorstellungen und Vorlieben zusammen zu stellen. Dieser individuelle ‚Präventions-GI‘ kann herunter geladen und auf verschiedensten Anwendungen (bis zu Facebook) genutzt werden. Auf Events wird hingewiesen – die Kampage findet auch vor Ort statt, z.B. an Colleges und Universitäten.
Und – unter „sketch show / inform and protect“ gibt’s ein nettes Video mit den erstaunlichen Fähigkeiten, die sich zwischen GI Jonnys und Captain Barebacks Schenkeln verbergen. Die Proteste gegen ‚zu eindeutige‘ Szenen (von Puppen …) häufen sich bereits. Weitere Clips sollen in den nächsten Tagen folgen.

Die Kampagne wird in Großbritannien vom 1. Oktober 2007 bis zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember durchgeführt.

„GI Jonny“ ist ein bemerkenswertes Angebot einer quasi öffentlich-rechtlichen Rundfunk-Anstalt. Ein Blick auf die verschiedenen Facetten des „GI Jonny“-Angebots der BBC gibt Hinweise darauf mit welch verschiedenen Ansprachen, Medien und Techniken Versuche unternommen werden können, junge Menschen mit Präventions-Botschaften zu erreicht.
Die hierzulande oft sichtbaren kondomisierten Gemüse wirken im Vergleich dazu hausbacken, altmodisch, werfen die Frage auf, ob dies noch eine adäquate, zeitgemäße Ansprache ist. Mutigerweise hat die BBC demgegenüber mit dem Ziel, junge Menschen zu erreichen, auch recht explizite Darstellungen gewählt. Die Reaktionen auf einen entsprechenden Clip z.B. der ARD wären wohl absehbar.
Bedauerlicherweise ist GI Jonny zugleich auch ein weiteres Beispiel für den bedenklichen Trend, dass militärische Symbole und Verhaltensweisen immer stärker in die Alltagskultur vordringen. Militarisierung für die Prävention, welch leider zweifelhafte Gratwanderung.

Österreich: HIV-Zwangstests für ‚Aggressive‘?

Einen besonders skurilen Beitrag in Sachen Aids bietet derzeit die österreichische SPÖ:deren „Sicherheitssprecher“ fordert laut oe24.at im Einklang mit der Gesundheitssprecherin einen HIV-Zwangstest für Menschen, die der Polizei gegenüber aggressiv auftreten.

Noch bemerkenswerter: die SPÖ-Gesundheitssprecherin, die diesen Vorschlag macht, ist selbst Ärztin …

Warum Aidshilfe-Obmann Beck (der den Vorschlag erfreulicherweise als unverständlich bezeichnet) allerdings statt der Zwangstests für Aggressive HIV-Schnelltests für verletzte Beamte vorschlägt, bliebt ebenfalls rätselhaft, schließlich gibt es eine Inkubations-Zeit, die auch ein Schnelltest nicht kürzer macht.

Pillen-Preise

Der Preis neu zugelassener Medikamente, in den USA inzwischen ein auch bei Patienten diskutierter Faktor, ist in Europa bisher kaum Thema. Ein Zustand, der sich in Zukunft auch in Europa ändern dürfte, schon angesichts zunehmend steigender Medikamenten-Kosten auch in der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland. Ein Beispiel aus den USA.

Die Preise für Medikamente interessieren hierzulande bisher kaum einen Patienten oder Aktivisten. Sicher, die in den am wenigsten wirtschaftlich entwickelten und meist von Aids am stärksten betroffenen Staaten der Welt verlangten Preise sind inzwischen ein viel diskutiertes Politikum. Aber was die Medikamente in Europa kosten? Kaum ein Diskussionsthema bisher, auch nicht in den betroffenen Communities, bei Patienten oder Aktivisten.

Dies ist anders in den USA, wie das Beispiel eines jüngst zugelassenen Medikaments zeigt. Bereits vor der Zulassung führten Community-Organisationen umfangreiche Gespräche mit dem Hersteller über den zu erwartenden Preis für das Medikament – in den USA.

Erst jüngst wurde in den USA der Integrasehemmer Raltegravir (Handelsname USA: Isentress; Zulassung in der EU wird erwartet) zugelassen. Der Preis der Tagesdosis: 27 US-$.

US-Aktivisten zeigten sich nach der Zulassung enttäuscht angesichts des Preises. Raltegravir habe bisher in Studien selbst höchste Erwartungen erfüllt und sei das vielleicht am stärksten wirksame der bisher zugelassenen Aids-Medikamente, so Martin Delaney, Gründer von Project Inform.
Doch er habe nach den Preis-Gesprächen, die Community-Vertreter der Fair-Price-Coalition (nach zahlreichen Community-internen Gesprächen) mit Hersteller Merck geführt hatten, einen niedrigeren Preis erwartet. Er habe gehofft, Merck würde dem Crixivan-Beispiel folgen – der Konzern hatte den Preis dieses PIs damals deutlich niedriger festgesetzt als Wettbewerbsprodukte, während Raltegravir nun an der oberen Preisgrenze vergleichbarer Medikamente liege.

Immerhin sei Merck, so Delaney, nicht der Versuchung erlegen, noch höhere Preise zu verlangen. Wettbewerber Pfizer habe den Preis des ebenfalls jüngst zugelassenen Selzentry noch 2$ pro Tag höher angesetzt.
Project Inform forderte Merck auf, nun zumindest den Preis (in den USA) für drei Jahre einzufrieren. Ebenfalls solle der Konzern zusagen den Preis zu senken, sobald die Zulassung auch auf bisher unbehandelte Positive ausgeweitet werde. Project Inform wolle in Gesprächen mit Merck versuchen zu erreichen, dass das neue Medikament allen Positiven verfügbar werde, die es benötigen.